Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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▼TT Nr. 10 Gemeindeblatt der Israelitischen ReligionSgemeinde Dresden Seite 5 Macht und Schicksal Versuch einer Parallele Von K»ntrv<I S t u r in a n n. München Um gleich ihre Namen zu''nennen: Disraeli und Lassalle. Zwei Namsn, die, in einem Atemzug genannt, gewiß befremdlich wirken. Bei oberflächlicher Beurteilung könnte man sagen, daß sie die unversöhnlichsten Gegensätze repräsentieren, die Welt des Konservativismus der eine, die des radikalsten Liberalismus der andrcl. Und doch scheinen uns Anlage. Typus und Schicksal beider Männer wie die eines Mannes, und eS ist, als ob zwei Silhouetten, von verschiedenen Brennpunkten auS projiziert und auf die gleickie Leinwand geworfen, sich decken, so daß sie, Umrist auf Umriß, zu einer Einheit werden. Wenn man die! Geschichte Tisraelis und die Ferdinand LassalleS nachliest, die eine als ein Stück englische, die andre als ein Stück deutscher Geistesgeschichte — man wäre versucht, diesen Parällelismus als absurd abzulehnen. Wenn man aber den Rahmen der Betrachtung verengert, den Blick vom Historischen zum. Psychologischen wendet und die Bahn beider Schicksale, die jüdische Schicksale sind, nachzuerleben versucht, so werden wir i bige Annahme gerechtfertigt finden. Das soll der Zweck diescr Studie sein. Das Antlitz des M «scheu ist das Spiegelbildseines Werdens. Der Zeichens ist Schicksal gräbt lesbare Runen dqrein - es gibt Weise, die in (Gesichtern wie in Büchern zu lesen vermögen. Darum ist es gut, neben den Monographien, Tagebüchern und Briefer großer Menschen auch ihre Porträts z» studieren. Man kann ihnen zuweilen Geheimnisvolles entlocken das zwischen den Zeilen des Ausgeschriebenen verborgen ruht, (^ehen wir auch in unsrer Betrachtung diesen Weg. Die Fugendbildnisse Disraeli? und Lassalles: Hier wie dort sicht uns ein Jüngling an, de sen hohe Stirn den kühnen Flug der Gedanken verrät. Augen, die in zurückgcdäinmter Leidenschaft zu lodern scheinen, eiir sck öner Mund, der zusammengepreßt ist. als stemmten sich Myriad n flammender Worte dagegen, junge selbstbewußte Reden, die 'dazu bestimmt sind, die Barrikaden der Zweifler und Mißtrauischen niederzureißen und an die zu ruhige Umwelt Feuer zu legen. Hier wie dort triumphiert das geistgekrönte .Haupt über einen schmalen, zu Krankheit neigenden Körper, hier n ie dort verrät sich ein leiser Zug von Gedrücktheit und Aengs lichkcit, so, als spräche die Lippe: Wißt chr auch wirklich um mich? Glaubt ihr auch meiner Kraft? Ihr sollt die Enge, aus der ich kam, vergessen, ich sehe zwar noch ein wem > nach einem Gettoknaben ans, aber ich werde euch beweisen ich schwöre es euch! — daß ich kein Gettoknabe mehr bin, n cht sein will. Ihr werdet noch von mir hören! Das sagt uns das aus dem wilden Gewell der Locken sich zart abhebendc Gesicht. Und schließlich noch etwas Aeußerliches, dos aber n diesem Zusammenhänge von Bedeutung ist: es sind die Borträts zweier Dandys. Sorgfältig gesteift sind die gezackter Ecken der „Patermörder", kühn geschwungen und schwere S ide verratend die Krawatten, modisch gewählt die vom feierlicken Schwarz der Tuchröcke abstcchenden Hellen Westen. Man erblicke in dies:r Betrachtungsweise keine gewagte Spekulation. Es ist wirklich so. daß die beiden ersten Jahrzehnte Disraelis und Las alles völlig ähnlich verlaufen. Beide wachsen auf unter der ge adezu übertriebenen Obhut eines in den überbegabten Sohn verliebten Paters. Auch diese Väter sind gleiche Typen: Jsaok -'Israeli war sanft und. wenn es um den Sohn ging, altruistisch wie .Heymann Lassal. Beide erschrecken über die Er ravaganz und Unbedingcheit ihrer Söbne, und beide sind de: inoch von unerschütterlichem Glauben an sie beseelt. Benjami r und Ferdinand haben die gleichen ersten Schulerlebnisse: Benjamin wird von seinen''Klassenkameraden erklärt: „Wir haben es satt, von einem Fremden gegängelt zu »werden", worauf der Beleidigte mit einein Faustschlag ins Gesicht des Sprechers antwortet. .Ferdinand kommt eines Tcgcs mit blutender Nase ans der Schule heim: er hat ein ähnliches Erlebnis gehabt. In so früher Jugend also spüren bcid? bereits, daß sie als Juden das Turchschnittsmaß um ein ^Vielfaches in allem, was sie tun, übersteigen müssen, wenn sie von ihrer Umwelt fordern wollen, daß man ihnen ihr Judentum »acky'ieht. Lassalle kommt aus einem .Hause, das erst durch die Judenemanzipation von 1812 Bürgerrecht erhielt — Disraeli au? einem, bas, italicnisck)cr Abkunst, erst in der dritten Generation aus britischem Boden lebt. Hieraus resultiert bei beiden der geradezu an Irrsinn grenzende Ehrgeiz, das fast krankhafte Verlangen, hochzukominen. die bei beiden nur zu oft lächerlich wirkende Eitelkeit und nicht zuletzt das au Größenwahn grenzende Selbstbcwußti'ein. dar allerdings durch ihre spätere Größe gerechtfertigt werden soll. Sie sind beide fanatisch darauf bedacht, sich zu assimilieren, das Letzte abznstrciscn, was ihre jüdische Herkunft verraten könnte, und dock, kann man weder den einen noch den ander,: (obgleich Disraeti die Taufe empfing) geradezu als Abtrünn gen geißeln. Es ist von Bedeutung, daß beide in ihrem -Hunger nach Assimilation die Schreibweise ihrer Namen änderten um quasi vor der Oefsentlichkeit den Trennungsstrick» zwischen -Herkunft lind (Gegenwart auch nach außen hin zu manifestieren: Benjamin zieht das romanische Adelsprädikat in seinen Namen hinein und macht aus -'Israeli Disraeli Ferdinand französiüert das Jüdische' in seinem Vaterna ,neu Lassal in Lassalle. Aber bei beiden finden wir, zumal in Seiten der Depression, eine zivar nicht immer ins Bewußtsein gelangende - Sehnsucht nach jüdisckmu, ei» flüchtig aber intensiv ausleuchtendes Anlehnungsbedürfnis an die zuflnchtspendcnde Mntterrcligion. In den Augenblicken, da sie allein stehen, Feinde» und Spöttern aegerüber, glimmt in ihrer vereinsamten Brust"«» Fünklein aus, das schon zu verlöschen gedroht hatte. Das Fiinklein hsißt Judentum, lind in diesen kritischen Momenten spürt der eine vie der andre, daß er eigentlich fremd in dem Lande, füt das er Wut Blut und Gabe einsetzt, daß er vielleicht imm 'r ei i Fremder bleiben wird. Disraeli, bereits im Brennpunkt öffentlichen Interesses, schleudert in glanzender Rede dem unuircndcn Unterhaus, das sich der.Wahl Lioncl of Rothschilds ».übersetzt. die mutigen Worte entgegen: „Ihren Kindern bringen Sie jüdische Geschichte bei: an den Feiertagen leser Sic Ihrem Volke die Taten jüdischer Helden vor: jeden Sonntag wenn Sic das.Lob des Höchsten singen oder. Trost finden wollen in Ihrem Schmerz, suchen Sie den Ausdruck für diese Gefühle in den (besängen der jüdisckten Dichter. Dem Grad der Aufrichtigkeit Ihres (Glaubens müßte auch Ihr Wunsch en: sprelloen, diesen großen Akt natürlickier Gerechtigkeit zu vollzie »e».' Wo ist jemals ivirksamerc, schlagendere Apologetik getrieben worden! Wer solche Worte für die Perteidigung. und Glorifizierung Judentums findet, der kann unmöglich den seelisckten Zusammenhang mit ihm verloren haben. Etwas Aebnlickies erlebt Lassalle aus einer Reise nach dem Lrici t. Beim Anblick betender Derwische ahnt er die Glut semitischer Gottesinbrnust.. lind Satz für Sah verzeichnet er das Erlebnis in seinen Tagebuchblättern: „Wie stand ich bctrosst'N. als ich ganz dieselben Töne, genau dieselben Melodien in mein Ohr schlagen hörte, welche ich in meiner Jugend sooft ii den Synagogen bei uns vernommeU... Und als ich enl lich sah, wie bei einem besonderen (Äcbct die (Gemeinde sick» auf die Knie wirft und diesen Akt mit Worten begleitet, roelch; in einem dunklen Kehlton, und wie in der Ktoilwero( Kakao Schokolade i Pralinen.