Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 8 (8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes Vrranttoortl. Echristleitung: Bürobirrttor L- Plormachrr, Dresden Verlag: * sraelittschr Religionsgemeinde. Dresden » Druck: Kaden D 6omp..Dresben-A. Augus 1929 IüdifGe Bevr lkerungspolitik Von S. 3P r o n s k y Am 2-t. Februar lUÄ» fand in Berlin eine eingehende Aussprarlie über jüdische Bevölkerungspolilit statt. Ter bckasnue Forscher Felix Theilhaber hielt ein großes Siefiral, an das sich eine große Aussprache anschlotz.! Ter Bericht liegt nunmehr gedruckt vor, herausgegeven von der Zentralwohlfahrtsstelle der Teutschcn tzudcn. Wir veröffentlichen nachfolgend die Etnleüung zu dieser Schrift von 3. Wronsky. Tie Red. Volkstum bedeutet beständigen Wandels bedingt durch natürlick-e und gesellschaftliche Verhältnisse, unter denen die Volksmasse lebt. Tie Zähl der Volksglieder und ihre Struktur ist einem fortwährenden' Wechsel unterworfen durch Geburt, Tod und lWandcrung — durch Wirtschaft, Politik und Naturereignisse. Auch die Qualität der Volksmasse ist lvandelbar, abhängig von der Möglichkeit, ob die vorhandenen Lebensformen eine gesunde Entwicklung der Lebenskeime der Bevölkerung gestatten, oder ob sie einengend Verkümmerung Hervorrufen können. Jede Förderung der Volksmasse bedeutet Vervollkommnung, Freiheit, Wohlfahrt, jede Verkümmerung: Versehrtheit, Abhängigkeit, Not. Die Kreise, die das Vertrauen des Volkes mit der Verantwortung der Leitung seines- Geschickes beauftragt hat (Politiker, Erzieher, Wohlfahrtspfleger, Wirtschafter), werden ihre Handlungen im Interesse des Pulkes abhängig machen müssen von den Erkenntnissen, die sie! aus den Beobachtungen der Bevölkerungsbewegungen ihrcir Zeit gewonnen haben. Eine Gesetzmäßigkeit in der Bevölkerungsbewegung sckfeint trotz vielseitigen Bemühungen der Forscher (Malthus, Adolf Wagner, Roscher, Philippovich, Kautsky, Franz Oppenheimer, Mombert, Brentano, Gro jahn u. a.) bisher nicht entdeckt worden zu sein. Wohl aber zeigt eine Reihe von Beobachtungen der Ursachen und Wirkungen der Bevölkerungsbewegung Entwicklungen und Gefahren auf, deren Förderung oder Bekämpfung durchaus zu den wesentlichen Aufgaben der verantwortlichen Männer und Frauen eines Volkes gehört. Heute stehen Fragen des Bevölkerungsproblems mit ihren Erscheinungen des Geburtei rückgangs, der Ueberalterung, der Entwicklung der Volksinb Geisteskrankheiten wieder im Mittelpunkt des Interesses »er Gesellschaft, und Bestrebungen der Verbesserung der Volks nasse in quantitativer und qualitativer Hinsicht werden in allen Staaten der Welt (besonders in Italien, Frankreich, Belgier. Deutschland u. a.) unternommen. Genaues Material übei die Bevölkerungsbewegung bei den Juden zu erlangen, ist ungleich schwerer als bei andern, in einheitlichen Siedlungen lebenden Völkern. Tie sehr wertvolle Arbeit von Jakob Lestschim'ky („Probleme der Äevölkerungsbewegung bei den Juden", erschienen im „Metron", Vol. VI. Nr. 2, 1. VI. 192f, Padova) schließt mit dem Jahre 1923 ab, zeigt aber die bei den Juden in den verschiedenen Ländern der Welt beobacht >ten Tatsachen der Bevölkerungsbewegung in ihren Tendeuzen iin Vergleich mit den Erscheinungen bei den Völkern, unter denen sie leben. Sie ergeben, mit Zlusnahme von 3 merika und Palästina (den beiden Einwanderungsländern dei Inden), das gleiche Bild, das Theilhaber auf Grund! er Enquete des Bevölkerungspolitischen Ausschusses des preußischen Landesverbandes (s. S. 72) herausgearbeitet »at: geringerer Bevölkerungsüborschuß bei den Juden geger über der christlichen Bevölkerung trotz geringerer Sterblichke t: und neben der Gefahr der sinkenden Quantität der Bevölkerung auch die Gefahr der Minderung der 'Qualität durch die Gesundheitsmängel als Folge des Lebens in den Groß tädten. der einseitigen Berufsschichtung und der geringerm Möglichkeit der Auslese. In der Begrenzung der Menschenzahl bei den Juden liegt eine Steigerung des Wertes des einzelnen Volksgliedes für die Allgemeinheit. Solange eine Steigerung der Geburtenziffern unter den heutigen Verhältnissen - (der Wohnungsnot, dem Mißverhältnis der Löhne uird Gehälter gegenüber den Kosten der Deckung des notivendigen Lebensbedarfs und den Steuerlasten, der großen Arbeitslosigkeit) — nicht zu erzielen sein wird, ist eine besonders pflegliche Behandlung, der Geborenen dringlichste Aufgabe der Leitung einer Gemeinschaft. Tie Verschleuderung der Keimkräfte eines Volkes, wie sie in der heutigen Zeit unter Nichtbeachtung der Lebensbedingungen der aufwachsenden Menschengeneration vor sich geht, bedeutet in ihren Folgen eine schwere Belastung dieser Generation. Das Leid, das der Mutter physisch und psychisch envächst, wenn sie das von ihr ausgetragene Kind aus Mangel Hinsterben sieht, ist von der Gesellschaft nicht zu verantworten, das Leid, das den Kindern aus den Folgen ungenügender Pflege erwächst, durch Lebensschwäche, Krankheiten und Verkümmerung, kann von der Volksgemeinschaft nicht gerechtfertigt werden. Bei einer in dieser Weise belasteten Generation muß Lebenswille und Fortpflanzungswille imitier mehr geschwächt werden. In der neuen Epoche der Geschichte nach Beendigung des Weltkrieges, der für die meisten Völker Europas eine Per- Minderung und Verschlechterung der Bevölkerung gebracht hat, finden >vir fast überäll eine neue Wertung des Menschen und vor allem des Kindes. Nicht nur in den neuen Verfassungen Deutschlands, Oesterreichs und apdercr politisch neu gebildeten Staaten sind zum Schutze und zur Erhaltung werdenden und gewordenen Lebens in weitem Umfang Bestimmungen geschaffen worden, auch durch weitgehende gesetzliche Forderungen wird der Entwicklung des Kindes vor und nach der Geburt Rechnung getragen (Jugendwoblfahrtsgesetze, Wöchnerinnenhilfe, Ausdehnung der Sozialvcrsicherung, Gesundheitsschutzgesetze). Auch der Völkerbund als Vertretung eines großen Teils der Länder der Erde hat in verschiedenen Ausschüssen Abkommen zum Schutz der Lebenskraft von Mutter und Kind vorgcschlagen, die zum Teil bereits verbindliche Kraft erlangt haben. ökach verschiedenen neuerdings angesteUten Untersuchungen ist die Gefährdung der-Vernichtung oder Verkümmerung des ungeborenen und geborenen Lebens bei den Juden in der Nachkriegszeit besonders groß, da sie unter den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den großen jüdische»» Massensiedlungen des Ostens und der Hungersnot und Inflation in dei» Ländern der Mittelnzächte besonders stark gelitten haben und ihre Dezimierung durch die Teilnahme am Krieg in allen kriegführenden Ländern erheblich ist. Tie Warnungen Theilhabers auf Grund seiner Untersuchuilgen der Vorkriegszeit (Der Untergang der deutschen Inden von Felix 21. Theilhaber. 2. veränderte Auflage 1921, Jüdischer Verlag. Berlin) haben nicht die erforderliche Beachtung gefunden, um bevölkerungspolitische Maßnahinen -zur Bekämpfung der drohenden Gefahren in die Wege zu leiten. Die Gefahrenquellen sind durch die Ereignisse des lebten anderthalb Jahrzehnts unendlich vennehrt »vorden. Erst der Zusammenschluß der Juden int preußischen Judenparlament hat auf Anregung von Berta Pappenhcim die-Frage der bevölkerungspolitischen Gefahren für die. Juden zu klären versucht und beinüht sich, Wege zu ihrer Bekäinpfung zu finden. Seine »vichtigsten Aufgaben sicht er - 1. in einer Feststellung der Tatsachen der Bevölkerungsbewegung der Juden unter Erforschung der Ursachen und ihrer Wirkungen: x'"'