Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 12 (30.4.1928)
- Date
- 1928-04-30
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Rr. 12 Gemeindeblat t der Jsrae litischen R e t i g i o n S g e meihde Dresden Seite 9 Hachenburg tiber Antiseuittismus Ter bekannte Mannheimer Rechtsanwalt Tr. Mar Hachen bürg, einer unserer führcitden Juris en und Wirischafts Politiker und eine der größten Zierdqn des dcutsapn An .fii waltsstandes. hat kürzlich seine Lebcnserinnernngcn ver öffcntlicht. Ich habe diese mit grotzem Interesse und Wcmir, gelesen und kann ne jedem, der sich iir das Werdn, und Wachsen eines begabten und zielbewiitz:«,',, Gianbens; enostcii «ttzclehrten und Ptaktikersi interessicst, ans das ^ärmste empfehlen. In den nachstehenden feilen gebe ch die Ansfültrnngen iviedcr, die Hachenburg ans Leite lll ss. seines Buches über den AntisemittSimis macht. „Mir ist der deutsche Antisemitisiinis ein geschichtlicher Borganst. Tie, welche in seine Zeit allen, traf er schwer. Er stellt aber doch nur ein Stück ans der Entwicklung des jüdischen Bolkssplitters zu einem unlösbaren Bestandteile Deutschlands dar. Jede Angleichnng eines ursprünglichen «Zremdkörpers vollzieht sich langsam und unter S ümpfen und Kränst'fen. Wäre diese Erkenntnis nicht, io nützte ich nicht, wie ein in deutscher Sprache und Knltir auf' gewachsener Jude -as Tasein ertragen könnte. R cht, da>, ich persönlich unter Jndenhatz zu leiden gehabt halte. Im (Gegenteil, ich selbst habe den Antisemitismus am eigenen Leibe nie gespürt. Ties mag ich zum erbeblicht n Teile meiner früher geschilderten Zurückhaltung danken. So gab ich keinen Anlatz zur Zurückweisung. :'lber, datz troidem die gepredigte Lehre, die ich las, und die gesellschaftliche Boykottierung. die ich sah, schinerzhast becührt, kann ch nicht leugnen. Ich versuchte die Ursache des Antiiemitis uns mir klarznmachen. Ich erkannte verschieden« Quellen, bei manchen nur eine derselben, bei manchen mehrere im Znjamnienwirken.-« Am höchsten konnte ich die. achten, die ans innerer lleberzeugung, aus Baterlandsliebe,!vie sie sie ve'standen, bandelten. Zu diese!» zäble ich Männei ivie Trcitschk?. Meine Bewunderung für ihn alsTarsteller der »rutschenGesch chtewird durch seine Einstelln!ng zu der jüdischcii Bevölkerung niht beeinträchtigt. yieft niaii im Bande feil er deutschen l beschichte feine Schilderung der Beratung des prentzischen Jnde»- gesetzes im vereinigten Landtage von 1^7, so m -rkt man bald, wie sich zwei Strömungen in ihm selbst bl kämpfen. Er empfindet die politische Gleichstellung als ein Gebot der Gerechtigkeit. Und doch überwiegt in ihm die Sorge um die für das Lanh und das überlic erte Preutze, tum ge fürchteten nnheilvollcn folgen. Ich glaube, datz »um den vielgepriesenen und vielbefehdeten H. St. Ebamber ain auch in diqse Gruppe oinreihen darf, weilngleich er niht durch warme patriotische! Gefühle wie Tr'itschke. sondern durch eine abstrakte Rasspidee bestimmt wir». Ich bin s cher, datz auch in unserer heutigen Jugend gar mancher aus sittlichen Motiven, ans einer irregehenden Liebe zu seine», „„glück lichcn Lände zum Hakenkreuz schwört. Diesen gegei über und tief unter ihnen stehen die, bei de»»» der Antisc»iitismus aus Mitzgunst und Neid entsteht. Ei gilt nicht den Inden, sondern den Wettbewerbern. Wären diese nicht, fo wäre die eigene Existenz leichter. Bor längere, Zeit war ich mit dem inzwischen verstorbenen Heidelberger Qberbürgermnster Tr. Wilkens in Heiligenberg am Bodensec znsa»»nen Einige Tage >var auch ein jüngerer Amtsrickter dabei. Rach seiner Abreise sagte Wilkens zu mir: „Wis en Sie, datz dieser L. Antisemit ist?" .Mein, er sieht auch gar nicht so aus." „Ach", fuhr Wilkests fort, „darüber würde ich nicht reden, wenn seine (Kründe nicht so abstotze, d wäre». Er wünscht die Ausschlietzung!der Juden vom Rchteramt, weil er dann weniger Bormänner im Aufrücken haf." Das ist typisch.. Es zeigt sich in allen Berufsarten, ipenn auch nicht überall so ausgeprägt. Tie Hauptquelle des AntisemitiSn ns scheint mir aber nicht in diesen beiden Momente», s, ndern in einem Beharren ayf überlieferter Einstellung zu l egen. Ich meine damit nicht eine durch die verschiedene Be:anlagung geschaffene natürliche Kluft. An die glaube ich nicht. Aber kein Bolk oder Bofksteil gibt leicht eine überkomimne Höherstellung über einen anderen Teil autz Es ist ei» ' allerorts und jederzeit beobachtete menschliche Eigenschaft, sich durch Riedrigerstellen eihes anderen zu erhübe». Kann er sich nicht! aus eigener Kraft!in die Höhe schwingen, so gewährt es ihm > Eingesandt vop Tr. nelix B o n d i, TnSden doch Genugtuung, den andere» völlig oder wenigstens in bestimmten Pnn1te>r,unter sich zu halten. Man bat oft den deutsche» Inden als den Prügelkluchen bezeickmet, der, wie auch jetzt wieder nach dem Kriege, für die Schuld anderer bützt. Tas flietzt ans dem allgemeinen (Rstühl, das immer noch der Jude unter den Germanen in der sozialen Bewertung steht. Ans diesen, erklärte sich der Ausschlntz des Jude» vom Reserveoffizier. Konrad -Hantzmann fragte einmal, warn», sich die Inden so eifrig „in eine Sache bewerben, die doch der darauf verwandten Miihe nicht ivert fei. Aber der .Kampf galt „ich dieser Sache, sondern der darin liegenden Einschätzung imii dem künstliche» Herabdrücken. Man hat zur Erklärung d:s Antiseniitismns auch auf die Berbindung von Judentum und Kapital veriviefe». An sich bildet dies zweifellos objektiv keine Entstehungsnrsache. Es gibt eine grötzere -jahl hiichtjnden als Inden unter den. Bertrcter» desKapitalismus. Es gibt zahlreiche Jcinde desfelben unter den Inden. M> » braucht sich nur das Berzeichnis der ko», »lunistischen und - sozialdemokratischen Abgeordneten anz» sehe». Es kann also der Jude nicht schlechthin als Bertreter des Grotzkavital > erscheine». Wohl aber wirkt auch hier noch die ,nittelalterli«!ie Auffassung nach. Der Jude ist der CHeli» Verleiher und Wucherer. Er war vom Zinsenverbot befreit- Ties |'rivilej;iu n odiosuin zog ihm den Hatz derer zu, die unter der Kap! talbildnng litten und unter ihr zugrunde gingen. Das w rkt heute „och in der Bolksguffassnug weiter. Ein solches Ge ühl lässt sich nicht in, Handnmdrehen be seitigen. Es wicd langer, langer Jahre bedürfen, dis es all mählich versthwi idet. Aus dieser Grundlage erklärt sich auch. das;'es zahlreiche Antisemiten giht, die nie einen Inden . sahen und nie die Probe des Znsamnienlebens mit ihneu niachten. Der ioziale Antisemitisinns tritt-stärker »nd Hätz licher bei Jranen als bei Männern auf. Diese werden du nt, den geschäftlich ind beruflich notwendigen Berkcbr mehr suy' Berständigling geführt. Auch da. wo der eine oder, der andere das Unberechtigte des Antisemitisinns einsieht, wagt den Strom zu schwimmen. Die Suggestiv- /C^lEfV\ l \>IH»UV0V 11*14731 Das beste sälchsisdi'deutsdie Erzeugnis