Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- 11 (28.3.1927)
- Date
- 1927-03-28
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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r Nr. 11 G emeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Seite 15 damit die Häretiker nicht sagen: Viele Mächte sind im Himmel." MischnaSanhed.1V. Ende.) Im bab. Talmud (ebd. 38») wird noch folgende Barajta hinzugefügt: „Die Rt bbanan lehrten: Der Mensch wurde als Einer erschaffen, unl warum? Damit die Häretiker nicht sagen, es gebe mehrere Machthaber (oder Gewalten) i>n Himmel. Eine andre Erklärung: Wegen der Frommen und wegen der Gottlosen damit nämlich die Frommen nicht sagen, sie entstammen einem Frommen, und die Gottlosen nicht sagen, sie entstammen einem Gottlosen." (Damit also die fromme oder unframme Lebensweise des Menschen nicht apf Abstammung — mit Ausschluß des eigenen Willens — zurückgeführt werde. Es gibt keine fromme und gottlose Menschenrasse, sondert einen frommen und gottlosen Menscheu, und auch.diese s nd es nicht von Geburt aus, 'sondern infolg'e freier Wahl, woraus sich ergibt, daß der Unfromine zu Gott zurückkehren u id fromm werden kann (s. Raschi d is). Die Verschiedenheit der Gestalt und des Gesichtsausdrucks wurde vielfach zum Arlsgangspunkt rasfentheoretischer 'lntersuchungen genommen. Tie talmudische Literatur hat darüber folgendes: (Mischna «anhed. cbd.): „Und auch (deshalb wurde nur ein einziger Mensch g< schaffen), um die Größe des Königs aller Könige, des Heilinen, gebenedeit sei er, zu verkündigen. Denn ein Mensch prägt hllndert Münzen mit einem Stempel und sie sind alle einand!r gleich, aber der König aller Könige, der Heilige, gebenedeit sei er, hat alle Menschen mit dem Stempel des ersten Menschen geprägt, und nicht ist einer non ihnen dem andern gleich." (Psalm, ibjd. 38a.) Bemerkenswert ist noch eine Agada (Sabb. 31» mid Abot di R. Nathan 15), wo Kille! über einige nach Ländern konstatierte Abweichungen im menschlichen Körper aus den besonderen Ortsverhältnis en der entsprechenden Länder aufzuklären sucht: „Warum sind die Augen der Palmyrenser zwinkernd? Weil sie in Sandsteppen ivohnen. — Warum sind die Füße der Afrikaner breit (platt)? Weil sie in sumpfigen Gegenden wl hnen. — Woher kommt es, daß ">er Köpf der Babylonier rr nd ist? Weil sie keine verständigen Hebammen haben" (die bei der Geburtshilfe auf Wahrung der richtigen Kopfform achten). - Diese und ähnliche Erklärungen ruhen auf den Grundsatz, daß-es nur eine Menschheit grbt. Es mögen hie? noch! ie im Talmud Sanhed. a. a. O. zur Begründung des Monoa rthropismus gegebenen andern zwei Erklärungen Platz-' finder: „Eine andre Erkläru ig: Wegen der Familien, damit sich nämlich die Familien nicht herumstreiten, unter Geltendmachung der bezüglichen vermeintlichen Superiorität ihrer Abstammung. Da alle Menschen einen Stammvater haben, kann auf Grund der Al stammung keinem Volke eine prinzipielle Superiorität eine eräumt werden. Denn wenn sie sich sogar jetzt, wo der Stammvater einzig erschaffen wurde, herumstreiten, um wievwl mehr wäre dies der Fall, wenn zwei erschaffen worden wären. — Eine andre Erklärung: Wegen der Räuber und Plünderer: wenn es sogar jetzt, wo der Urmensch einzig ersch< ffen wurde, Raub und Plünderung gibt, um wieviel mehr inäre dies der Fall, wenn zwei erschaffen worden wären." i Vgl. noch Tosefta das. VIII, 4. Der grundlegende eth sche Charakter der biblischen Lehre von der Menscheneinheit findet wiederholten Ausdruck in der jüdischen Traditionsliter ltur. Die Erwähnung einiger .Hauptstellen dürfte genisten. In Sifra Lev. 19, 18 heißt es: ,,R. Akiba sagt: Dieser Satz (Liebe deinen Nächste rt, wie dich selbst) ist eiy' großer allgemeiner Grundsatz in der Tora. Ben Azzai sagt (Gen. 5, 1): «Dies ist das Buch von de i Menschen Nachkommen. Da Gott den Menschen schuf, mach« er ihn nach dem Bilde Gottes", ist ein größerer allgemeiner Grundsatz als jener'." Die Einengung der D finition jüdischer Nächstenliebeist von christlicher Seite viels ach versucht worden". Hier möge di; ' I. Nedar. IX. 4lo 31. Avot di E. Nathan 26, wo spiele erläutert ist. “ Di« polemisch zugespitzt ment. z. N. T. I 386 ff.) ist votzr Genüge beleuchtet worden. Hen. r. 24, 7. Zu vergleichen ist noch Ansicht R. AkibaS durch einige Bei- Einstclluna Strack-Billerbecks (Kom- Krengel in MGWJ. 1921, 74 ff. zur die Bemerkung. genügen, daß zwischen R. Akiba und Ben Azzai keine sachliche, sondern nur eine formale Differenz besteht. Nächstenliebe ist hier im Sinne von Menschenliebe zu nehmen, wie aus der Parallele Abot di R. R. a. a. O. hervorgeht. Und wenn buch im Bibeltexte selbst die Liebe zum Fremden in einem besonderen Vers (19,34) „Tu sollst ihn (den Fremden), lieben wie dich selbst, denn Fremde wart ihr im Lände Aegypten" geboten ist, so hat hier R. Akiba der Kürze wegen 19,18 gewählt, das als geflügeltes Wort in jeder Mund war und zum Ausdruck der allgemeinen Menschenliebe geworden ist. (Vgl. Bacher, Agada der Tann. I' 4 f.) Im übrigen findet sich der Gedanke Ben AzzaiS auch bei R. Akiba lAboth 3,14). „Als eine besondere Liebe wurde ihm ldem Menschen) kundgetan, daß er im Bilde erschaffen worden ist; denn es heißt (Gen. 9,6): Denn im Bilde Gottes hat er den Menschen geschaffen." Deutlicher ist jedenfalls die unmittelbare Bezugnahme auf die Schöpfung, wo das Humanitätsprinzip keinerlei Einschränkung duldet. Wird doch auch heute noch in Verbindung mit Humanität vielfach auch von „Europäität" gesprochen und auf Momente Rücksicht genommen, die das Schöpfungsprinzip stark einschränkend'. AuS dem engen Zusainmenhang zivischen Monotheismus und Humanismus ist auch die Antwort Hillels zu beurteilen, die, er dem Heiden gegeben hat, als er von ihm den Lehrinh'alt deS Judentums in kürzester Fassung verlangte. „Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht." Dieser Spruch Hillels darf nicht vom Schauwinkel deS 19. oder 20. Jahrhunderts aus gesehen tverden, das die Bekämpfung deS Altertums und Mittelalters bereits hinter sich hat und in dem — Dank der allgemeinen Bildung und Aufklärung — dem Humanitätsprinzip eine zentrale Stellung in der Gedanken- und Gefühlswelt des modernen Menschen gesichert zu sein scheint. Vor 2000 Jahren, zu Hillels Zeiten, war es dock) anders. Einem Heiden gegenüber hätte Hillel den Monotheismus als höchsten Satz erwähnen müssen. Zum inneren Verständnis führt auch hier nur der enge Zusammenhang, der im Judentum von Urbeginn an zwischen Humanismus und Monotheismus bestand. Hillel sah im Monotheismus kein rein erkenntnistheoretisches Prinzip, sondern auch die Grundbedingungen der höchsten ethischen Lehre, den Humanismus. Nimmt der- Heide diesen an, so wird er sich auch zur Konsequenz dieses hohen Prinzips verstehen können. Dem Bekenntnisse von der Einheit Gottes (Dt. 6,5) schließt sich (v. 6) das Gebot von der Liebe zu Gott an, das schon vom tannaitischen Midrasch dahin erklärt wird, daß man den Ewigen bei den Geschöpfen (Menschen) beliebt machen müsse, so wie es Abraham seinerzeit getan hat. Tie Liebe zum einzigen Gott ist demnach kein rein intuitives Ritual, sondern eine Forderung, den einzigen Gott bei seinen Geschöpfen (dem Menschengeschlecht) beliebt zn machen. Das ist eine unmittelbare Einzahnung des GottesbegriffeS in den allgemeinen Menschheitsbegriff. Hierher gehört noch die im jüdischen Leben außerordentlich wichtige „Heiligung, des GotteSnameNs" (Kiddusch haschem). Die Heiligung des Gottesnamens chesteht zu einem bedeutenden Teil darin, daß der Bekenner uurch sein Verhalten ^zur " Vgl. besonder» Max Scheler: Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg 108 ff. 280 ff. AlBINSCHMIDI QroßrufXfein^JfasiclßC Dresden-As Piliniher Sfr. Ä Vty1255? Leichter Ansatz, leichte Höh«, leicht faßbare Methode durch vor» singen Sprechz.l Ubr «unter&$oglm Uhlandstraße 36,3. Inserate int »Genreindeblatt* haben größten Erfolg