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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1927-03-28 · 11 (28.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
2 (1926-1927)
Issue
11 (28.3.1927)
Date
1927-03-28
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden" Nr. 11 Monotheismus und Aumauismus Von Prof. Dr. MichaclGuttmann, Breslau! Zcklluß) . Man mag diesen Mythos deuten wie man will, der (Grundgedanke läßt sich nicht verwischen. Götter, die ihre eigene Mutter bekämpfen, können nicht gebieten: „Ehre Pater und Mutter". Götter, die sich mit List und Gemalt gegenseitig bekämpfen, die sich morden und vernichten, können nicht gut die von ihnen geübten Handlungen als Laster hinsicllen und sie den Menschen verbieten. Was aber das Entscheidende in der babylonischen Bielgötterei ist, ist das Fehlen des allgemeinen Hzimonitätsprinzips. Neben der Vielheit der Götter taucht hier auch die Vielheit der Menschen mif. Es sind hier mehrere Menschenarten genannt: Skorpionemnenschen, Fischmenschen usiv. Es ist, soweit unsre gegemvärtige Quellenkunde^ reicht, vielleicht die erste nachweisbare Spur für eine Zersetzung des Menschheitsbegriffs. Es ist eine Art Rassentheorie, wie sie sich die alten Heiden si'ir ihre eigenen Zwecke und Bedürfnisse zurechtgemacht haben. Wie die naive Einbildungskraft des alten Menschen zu einer Unterscheidung zwischen Fischmenschen und Skorpionenmenschetl gekommen ist, hat für chre Rassentheorie eine ganz untergeordnete Bedeutung. Um anthropologische oder sonstige als artbestimmend aufsaßbarc Eigentümlichkeiten dürfte es sich bier kaum gehandelt haben. Bestimmend war hier einzig und allein die zur Heiligkeit erhobene Selbstsucht und das den eigenen engsten Kreis betreffende Woblergehen. Als Kain den Abel ermordet hat, bemächtigten sich seiner Gefühle von Gewissensbissen und Reue*. Er trieb sich in der Welt herum, ohne Ruhe zu finden. Er istfür alle Zeiten gebrändmarkt. .Bei einem Brudermord scheinen diese Gefühle auch für den priinttiven Menschen .unausweichlich gewesen zu sein. Vermehren sich aber die Menschen mit Beibehaltung derselben Leidenschaften, derselben Begierden und Wünsche,-^so muß notwendigerweise eine Moral, wie sie die Heilige Schrift schon für Kain in Anspruch nimnit, unerträglich sein. Wesen seinesgleichen zu töten und -zu inorden mußte auch im Menschen ganz alter Zeiten Gefühle erweckt haben, >vie sie einen Kain nach Vollziehung des Brudermordes beschlichen haben. Wollte der Urmensch mit sich selbst fertig werden, so mußte er zuerst auf den Gedanken ’ kommen, daß die ihm gegenüberslebenden Menschen Wesen andrer Art sind, trotz der Aehnlichkeit, die sie mit ihm haben. In diesem urheidnischen Gedanken liegt der Keim des Polyanthropismus und des Polytheismus, -Alles was außerhalb der Grenzlinic des eigenen Stammes liegt, ist eine andre Rasse, eine andre Mensclienart-, überhaupt eine andre oder keine Menschheit. Es gehört zur Psychose des .Heidentums, daß ein allgemeines Menschentum geleugnet wird. Jeder Stamm bildet eine in sich abgeschlossene Menschenart, hat seinen eigenen Gott. Seine Ethik und Moral wirkt über die Stamines- * Er sprach Gen. 4, IN: „Zu groß ist meine Zünde, um sie ertragen zu können." "Lder wie Luther übersetzt: „Meine Zünde ist größer, denn daß sie mir vergeben werden möge." grenzen nicht hinaus. Eine absolut humanistische Wechselziehung zwischen zwei verschiedenen Stammen, hat keinerlei Grundlage. Jedes Gemeinschaftsgefühl, das sich aus einer Zusammengehörigkeit des Menschengeschlechtes herleitet, ist schon durch die heidnische Zersetzung der zwei Begriffe: Menschheit und Gottheit, in der Wurzel vernichtet. Polytheismus und Polyanthropismus gehören zusunm'rn. .F. Mar Müller weist auf Grund erhaltener Gebetstückc nach, daß die nordamerikanischen Indianer ein religiöses Empfinden haben, das weit über das rein Primitive hinausgeht. Nun suche man den Schlüssel z» folgendem Gebetstiick: „O Wohkonda, erbarme dich meiner, ich bin sehr arm; Gib mir, was ich benötige: Gib mir Erfolg gegen meine Feinde, , Damit ich den Tod meiner Freunde räche: Möge es mir vergönnt sein, Skalpe zu nehmen, Pferde zu nehmen." Tie ersten zwei Zeilen sind geradezu biblisch. Erklärlich ist auch die dritte und vierte Zeile. Die fünfte hingegen ist I eine erschreckende Verhöhnung alles menschlichen Empfindens. Sklape und Pferde! Und beides in einem Atemzug, und in derselben Ruhe wie die Bstte um das täglich Nötige. Daß ein Mensch, und sei es auch ein wilder, es fertig bringen kann, einem andern Menschen, der durch Verwundung beretts unschädlich gemacht ist, die Kopfhaut bei lebendigem Leibe abzuziehen, als hätte er einen bereits ermatteten Fisch vor sich, erinnert lebhaft an den babylonischen Schöpfungsmythos, wo noch von Fischmenschen und Zkorpionenmenschen gesprochen wird. Ter eine Stamm hat in] andern offensichtlich keine Wesen seinesgleichen gesehen. Er hat sie nicht als „Menschen" gewertet, und es hatte auch im! gegenseitigen Verhalten kein menschliches Empfinden mitgesvielt. Skalpe und Pferde sind wünschenswerte Besitzgegenstände und weiter >nichts. Das Ein schränken deS Menschk eitSbegriffs auf die allernächsten Family angehörigen fühtte der altheidnischen Losen Eiseman Fabrikate n- oder StammeSsiicht selten Völker Welt zu ähnlichen Konsequenzen. Polyanthropismus ist der erste Grundzug! des Heidentums, die Urform jeder Ro^ssentheorie. Das Jndianergebet deutet noch auf etwäs andres hin. Es spricht aus jeder Zeile ein klares menschliches Bewußtsein, und sieht man von der letzten Zeile ab, Iso ist auch nichts Wildes, nichts Unmenschliches daran zu merken. Soll dem Gebet nicht alle Logik abgesprochen werden, muß die Voraussetzung bestehen, daß der Betende in seinem Gotte (in manchen Gebeten wird er auch Vater genannt)^ nur seinen eigenen Gott sieht, nicht aber auch den Gstt seines Feindes, den gemeinschaftlichen „Vater" beider Kämpfer. Die Bitte um Skalpe schließt eine Gottes- oder Vater-Gemeinschaft ganz und gar aus. Wir sehen auch an diesem Beispiel, wie der Polytheismus kein rein theoretisches Lehrsystem ist. Der Polytheismus hat gewiß mehrfache Gründe und Motive, doch seine ganz nahe Beziehung zum Polyanthropismus ist nicht zu verkennen. '! III. Nach dieser Betrachtung tritt der bibsische Schöpfungsbericht in ein ganz andres Licht. Ein einziger Gott hat die ganze Welt geschaffen. Der Gott hat" auch den ersten Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, uni von diesem ersten Menschen stammt das ganze Menschengesch echt. — Ein Gott, eine Menschheit. — Monotheismus und s> Yonoanthropismus oder Humanismus sind die zwei Pfeile», auf denen die biblisch-talmudische oder kurz die jüdische Moral sich aufbaut. „Deshalb ist ein einziger Mensch in der Well geschaffen worden, um zu lehren, daß jedem, der eine Seele vernichtet, man es anrechnet, wie wenn er eine ganze Welt vernichtet hätte, und jedem, der eine Seele erhält, man es anrechnet, wie wenn er eine ganze Well erhalten hü te. — Und wegen des Friedens der Menschen wurde ein M,nsch zum Stammvater der ganzen Menschheit, damll nich ein Mensch zum andern sage: Mein Vater ist größer als dein Vater. Auch

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