Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- 11 (28.3.1927)
- Date
- 1927-03-28
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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/ i Seite 8 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr. 11 Spinoza Zu seinem 250. Todestag am 21. Februar 1027 V«m Erich <Bä ch s, Meißen ISeaen der Sondernummer muhte dieser Artikel »urlickaeitellt werden. Die Redaktion.» "Baruch Spinoza — eigentlich dEspinosa — entstamiiit einer jüdischen Familie, die aus der Pyrenäischen Halbinsel nach den Niederlanden allsgewandert war. um den spanischen Judenverfolgungen zu entgehen. Im Jahre 1632 wurde er zu Amsterdam geboren. Ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, wurde er im Talmud und der Kabbala unterrichtet. lernte Lateinisch und studierte Theologie und Philosophie. Auch die Lehre des Tescartes blieb ihm nicht fremd, und sie war es. sie einen ungeheuren Einfluß auf ihn gewann. Wie alle selbstdenkenden Menschen, zog er sich durch seine freien -Ansichten bald den Hatz der orthodoxen Genieinde zu. wurde von chr ausgestoßen und mit dem Bai'.n belegt. Sogar einen Mordversuch mutzte er erfahren. Spinoza floh nach Leyden und lebte nach wechselndem Aufenthalt zuletzt im Haag in völliger Zurückgezogenheit. Wie hoch er geistige Freiheit schätzte, geht daraus hervor, daß er eine ihm vom Kurfürsten von der Pfalz angebotene Professur ablehnte, lveil er sonst unvermeidliche Rücksichten hätte nehmen müssen. Nur durch große Mäßigkeit in der Lebensweise vermochte er der Schwindsucht, von der er keimgesucht war. bis zum -1-1. Jahre Widerstand zu leisten. ^,n Jahre 1677 erlag er dieser Krankheit in Scheveningen. Spinozas Lehre gehört zli den sogenannten dogmatischen Systemen. Tieser Begriff wurde von Kant in die Philosophie eingeführt. Er wollte damit sagen, daß den Gedankengängen dieser Systeme durchlveg Voraussetzungen zugründe liegen, denen vor ihrer Aufstellung die zureichende kritische Prüfung der Fähigkeiten unsres Erkenntnisvermögens zur Lösung der behandelten Aufgabe gemangelt habe. Lder klarer gesagt, daß die philosophischen Togmen mit denen der Religionen auch darin übereinstimmen, daß ihre Annahme schließlich eine Sache des Glaubens, nicht aber der Wissenschaft ist. Unschwer kann man in der Philosophie Spinozas eine Weiterführung und Höherentwicklung der Gedanken Tescartes erkennen. Indessen sind noch andre Vorbedingungen gegeben. So sehen wir den Unendlichkeitsbegriff des Nikolaus von Kues, und die Lehre Giordano Brunos von der intuitiven Erkenntnis wieder aufleben. Aber diese Bestandteile erscheinen in so strenger Beziehung zu den Spekulationen Tescartes, daß jitt völlig einheitlicher Aufbau entsteht. Schon in der Form unterscheidet sich Spinozas Hauptwerk, seine berühmte Ethik, wesentlich von der bisherigen. Tescartes Lehre ist analytisch aufgebaut, d. h. von den Folgen geht dieser Tenker auf die Gründe zurück (regressiv). Spinoza dagegen baut synthetisch auf (progressiv), nach der mathematischen Methode des Euklidcs, mit Voraussetzung, Behauptung. Beweis. „Quod erat demonstrandum“ — „was zu beweisen war"/so schließt jeder Lehrsatz, unerbittlich, unwiderleglich. in seiner klaren Logik. Nur eine Substanz gibt es, lehrt Spinoza, und diese Substanz ist Gott. Gott ober steht nicht außerhalb der Welt, sondern ruht in ihr. Substanz, Gott, Natstr. ist ein und dasselbe. Von unendlich vielen Eigenschaften (Attributen), die Gott besitzt, vermögen wir nur zwei zü erkennen: Denken und Ausdehnung. Attribut ist also da4, was der Verstand an der Substanz wahrnimmt. Die Einzelwesen sind Zustände der Substanz oder Gottes, und jk nachdem der Verstand sie betrachtet, erscheinen sie als Ausgedehnt (Körper) oder als denkend (Geist). Auf diese Wjeise erklärt Spinoza auch das Verhältnis zwischen Körper ufid Seele, das Tescartes schon berührt, aber nicht gelöst »hat. Beides ist im Grunde dasselbe: denn Denken und Ausdehnung sind ja nur Attribute einer einzigen Substanz Gqttes. Natürlich ist Spinozas Anschauung von Gott durchaus verschieden von der, die die Anhänger der Religionsgemeinschaften von ihm haben, wobei es übrigens interessant male, einmal nachzuprüfen, wie sich beim Anrufen des Samens Gottes im Tempel dieser Begriff in der - Vorstellung 100 beliebiger Hörer darstellen würde. Vermutlich in 100 verschiedenen Begriffen. Es ist nicht die Absicht dieser kurzen Skizze, Leben und Lehre Spinozas erschöpfend darzustellen Wichtiger als alle Einzelheiten ist Spinozas Stellung in der Philosophie überhaupt. Und hier kann man feststellenj daß dieser jüdische Philosoph zu den größten und tieflten ^Denkern gehört, die je gelebt haben. Dieses BUd erfährt auch keine Trübung durch den Menschen Spinoza. Im!Gegensatz zu. vielen anderen genialen Menschen war sein Charakter sowie seine Lehre: klar, und ehrlich. Dies ist nicht das Entscheidende. Don jeher hat man großen Geistern ihren Charakter nachgesehen, um ihrer Werke willen. Aber es ist doppelt erfreulich, wenn man die Synthese zwischen Kopf und Charakte. feststellen kann. Tie lebendige Kraft seiner Werke aber lebt heute noch genau so, wie vor 200 Jahren. Das ist das Entscheidende! Tie Auswirkungen, die Spinozas Lehre auf die nachfolgenden Philosophen und auf die Menschheit überhaupt ausstrahlte, stehen fest verzeichnet in der Entwicklung und sichern ihin unverrückbar seine Stellung als einer der -größten Denker aller^ Zeiten. Ein treffender Ausspruch Schapen- Hauers lautet: „Im Tempel des Ruhmes sind viele Tote, die zu ihren Lebzeiten nicht darin waren, und einige Lebende, die man nach ihrem Tode herauswerfen wird." Spinoza, der, solange er lebte, ein stiller Unbekannter war, ist nach seinem Tode in diesen Tempel eingezogen, aus dem ihn auch weitere 250 Jahre nicht vertreiben werden. Denn wie allem wahrhaft Großen, kann ihm die Zeit nichts mehr anhaben: sein Werk sichert-ihm die Unsterblichkeit. So scheint in diesem System alles mtt logischer Folgerichtigkeit aus der einen Voraussetzung abgelertet zu sein, die in der Definition der Substanz als des absolut selbständigen Wesens eingeführt ist. Doch diese Definition selbst trägt einen durchaus dogmatischen Charakter an sich, der in ihr enthaltene Begriff der Substanz ist ein völlig willkürlicher. Fällt diese Grundlage, so fallen auch alle Schlüffe in sich zusammen. ' Die Sittenlehre Spinozas gründet sich auf die Erkenntnis, auf die Vernunft. Wir nennen das gut oder schlecht, was der Erhaltung unseres Seins nützt oder schadet. Sofern Tragen Sie nur Fesch, das gute Haarnetz ♦ und wenn Sie es bei Ihrem Lieferanten nicht bekommen, bann wenben Sie sich an Frau Emma Schunke Wilsdruffer Straße 40. II., gegenüber Ben Kammerltchtspielen