Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- 9 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4892693-5447354-5769699--0298-4892941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 lenieinbeblatt der Israelitische» Religionsgemeinde Dresden Seite 5 auf Pergament und durch Menschenhand und gerade in Rollenform? Wozu alle diese Mühe, 400 Jahre nach Guten, berg? Weil in dersell en Weise unsre Altvordern (und ebenso die übrigen Völker) vc r 2000 Jahren verfuhren, als noch kein besseres Vervielfältigungsmittel bekannt war. Jetzt aber bedienen wir uns zu uns erm Privatgebrauch der neuen, besseren Mittel; an den Schrif en aber, die für den heiligen Gebrauch bestimmt sind, ist alles heilig, selbst die Schreibmittel nicht ausgenommen. Denselben Untersckied zwischen Heiligem und Profanem finden wir in den § chriften selbst wieder. Die profanen Schriften (abgesehen ton den poetischen, deren schöne Schale ihre ganze Wesenheit ausmacht) sind nur Mittel zur Erlernung eines bestimmten Inhalts, sie sind gewissermatzen die Schalen der in ihnen enthaltenen Gedanken. Je mehr daher der Inhalt bekannt wird, desto mehr wird die Schrift vergessen, so daß die W erke, die für die Geschichte der geistigen Entwicklung der Menschheit am folgenreichsten waren und deren Inhalt zum Gemeingut aller Generationen wurde, im Staube der Bibliothekrn modern und nur selten von Men. schenhand benutzt werden. Die Lehren eines Kopernikus. Kepler und Newton iverden den kleinen Kindern in den Schulen vorgetragen, über selbst unter den Naturforschern gibt es nur wenige, d e diese Lehren aus dem Urquell, aus den Werken ihrer Entl ecker geschöpft haben. Und die Werke Platos, dieses gewaltig en Meeres, dessen Fluten, durch verschiedene Kanäle vermi telt, noch heute unser Geistesleben befruchten, wieviele Mei scheu greifen zu ihnen und wieviele kennen denn selbst ihn Namen? — In der Tat, ein Gefühl der Wehmut beschleicht unser Herz, wenn wir wahrnehmen, dah selbst die Erzeugni se des Geistes vergänglich sind, datz im Laufe der Zeit alles ol ne Ausnahme, nachdem es seine Aufgäbe erfüllt, der Berg« ssenheit anheimfällt, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß kie Urheber jener Schriften, würde es in ihrer Macht liegen, es lieber sehen würden, wenn ihre Lehren nicht in solchen Matze verbreitet und ihre Schriften nicht in solchem Matze vergessen wären. Aber es lag eben mcht in ihrer Macht, un) wenn auch das Herz darüber trauert, so muß doch die Logik zugeben, daß es so sein mutz, datz nach der Verzehrung des Kerns die Schale überflüssig geworden ist. So verhält es sich n it den profanen Schriften. Aber bei ganz anders. Hier heiligt der Inhalt | heiligen Schriften ist es die Schrift, so daß die Schrift zur Hauptsache und der Inhalt I KA AUS M Original MC zur Nebensache wird. Die Schrift steht unerschütterlich da für immerdar, aber der Inhalt wandelt sich mit dem Leben und der Kultur. Was wittoe nicht alles in unsrer Heiligen Schrift gefunden, von Philo an bis auf unsre Zeit? In Alexandrien fand man darin den Plato, in Spanien den Aristoteles; die Kabbalisten fanden in ihr ihre mystischen Theorien wieder; die Andersgläubigen fanden in ihr die Be», stätigung ihres Glaubens, und einige Gelehrte mit gläubigen Gemütern entdeckten sogar Kopernikus und Darwin darin! — Alle diese Männer suchten in der Heiligen Schrift nur die Wahrheit, ein jeder seine Wahrheit, und sie fanden auch alle das Gesuchte, weil sie es finden Mutzten; denn sonst wäre die Wahrheit nicht wfchr oder die Heilige Schrift nicht heilig. Und dennoch gibt es in unsrer Mitte „Reformer", die es für möglich halten, die Schale der Religion — die praktischen, Gebote — zu entfernen und lediglich ihren Kern — die abstrakten Ideen — zu bewahren, oder die Schale ,der Heiligen Schrift — ihre Sprache — zu entfernen und ihren Kern — in europäischen Uebersetzungen - zu bewahren. Diese wie jene wollen nicht bedenken, datz der alte Krug einzig und allein in seiner alten Form heilig wird, selbst wenn der Krug selber von Zeit zu Zeit geleert und neu gefüllt wird, während umgekehrt. wenn der Krug bricht oder eine andre Gestalt bekommt, auch der Wein schal wird. Mag er noch so ehrwürdigen Alters sein. Dies wollen, wie gesagt, die Reformer nicht bedenken. Aber das Volk in seiner Gesamtheit pflegte stets danach zu handeln, als wäre es dabei vop einem instinktiven.Gefühl geleitet: es setzte seinen Führern, die den Krug mit neuem Wein von fremdem Weinstock füllten, wie Maimonides und seinesgleichen, keinen allzu großen Widerstand entgegen upd ließ sich dadurch nicht abhalten, ihren Namen in heiligem und verehrungsvollem Andenken zu bewahren. Aber die Karäer und ihresgleichen, die es wagten, den Krug anzutasten und seine Form nach ihrem Gutdünken zu modeln, diese stieß es mit aller Kraft von sich, obwohl sie es an den Anpreisungen des Weines nicht fehlen ließen und ihn'als den uralten Wein hinstellten, als den unverfälschten, den keine menschliche Hand berührt habe. - Mögen die Spottlustigen über dieses Hüten des Kruges lachen, soviel sie wollen, — die Erfahrungen, die sie mit dem Hüten des Weines gemacht haben, sind der beste Beweis dafür, datz sie aus dem Holzwege sind. ISER ZUG :hl hlan Packung T. BIENERT DRESDEN HAFENMÜHLE HOFMÜHLE HAUSHALT WEIZEN MEHL Original Mühlen Packung Strengste Reellit&t Höchste Leistungsfähigkeit Fabelhaft billige Preise Große Auswahl bis zur von der einfachsten besten Sorte im L1 -«»£ - P») -