Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- 11 (28.3.1926)
- Date
- 1926-03-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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GvMem-vblatt der Israe litischen Religionsgemeinde Dresden ii «> Amtliches Organ des Gemeindevorstandes <^imiimitmiimiiiuiiiimjiuuiiuiiiiiuiuuiiHtiniiiK£> <£XIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII Veranhoortl. Ecbnstleitung: Tü Direktor L. Vloemaidc:. Dresden - Verlag: Israelitische Religionsgemeindr Dresden - Druck: Kaden D Lomv.. Dresden-A. I 1926 - Dresden, den 28. März Nummer 11 Ju Pessach Veit »Jabbiiüv 3r. 2. W c i i; c, Berlin In der Sederstimmung die Eriuuerung und Hofsuung so »vundervoll ineinanderjließcu läßt, klingt unsre höchste Lehnsucht in den Worten aus: „Ein neues Tanklied Mollen wir sprengt und zur göttlichen Fest vielleicht kommt diese von der mneren Freiheit dir singen, ein Lied der Erlösung und der Scelcnbefreiung." Schon in diesen schlichten Worten, verrät sich der so oft mißvclstandene Trang der Jllden nach wahrer Urei heit, nach der Freiheit der Seele, die allein die Grundlage aller schöpferischen Gestaltung bildet. Die Juden haben schon frühzeitig erkannt, .das; nur der freie Geist es ist, der du Fesseln unsrer Erdgebundenheit Höhe sich cmporringt. In keinem Grundanschauung des Judenllims so scharf zum Ausdruck wie i:n Pessach. Das Fest ist ein Hymnus der Freiheit der Natur, dxr Seele, des menschlichen höheren Wollens. Tie Juden sprachen nicht so viel vom Frühlinp wie die andern Völker, aber sie empfanden ihn in seiner tiefsten Bedeutung als ein Erwachen des Levens, als ein Triumphieren des Schöne» und' Hohe» über das Nützliche. Im Frühling mit seinen Blüten als Bor- Voten der Früchte, mit feistem ahnungsvollen Entfalten der zartesten Geheimnisse des Werdens, sahen sie, die den Keim zum künftigen Wachstum! hoffnungsfreudig in der eigenen Brust trugen und während der Bedrückung schon die sprengende Kraft der Befreiung ahnten, ein verheißungsvolles Sinnbild ewiger Erneuerung. Tiefer Optimismus, der mit dem Glauben an eine fortschreitende Entwicklung untrennbar verknüpft ist, bildet auch heute noch tind vielleicht heute mehr als je — den Grunlzug in der geistigen Struktur des Judentums. Ter so modern gewordene Kulturpessimismus Spenglers, der den. Untergang des Abendlandes verkündet und in den ttultuiren nur zufällige, aber nicht organische, entwicklungsträchtige Gebilde sieht, wird deshalb von der überwiegenden Mehrheit des J udcntums grundsätzlich abgelehnt. Uns ist das Bekenntnis zu den zeugenden Kräften de- Alls, die sich in der Geschichte der menschlichen Geistesfrciheit spiegeln, ein wesentlicher Bestandteil unser» religiösen Bee wußtseins geworden! Tc her feierten unsre Väter auch in Zeiten äußerster Bedrängnis freudigen Herzens dieses Pesiachfest, das den stolze, Namen „Zeit unsrer Freiheilträgt. Sie waren eben innerlich frei durch die ewige Lehre wahrer Sittlichkeit.;u deren Trägern sie gerade onrch ihr Leiden Gott erkoren hal, durch den Glauben an die große Zlckunft Israels, in der sic lebten. Das allein machte ihnen die schwere Gegenwart erträglich. Kein Fest forderte von ihnen so viele Opfer und brachte ihnen in Zeiten der Finsterncser Pessach. Aber gerade darum wußten, daß die höchsten Freuden ,r durch Opfer und Schmerz ere n Pessach mit seinen herrlichen Symbolen und seinen ron antischen Bildern feierten sie zugleich daz „Pessach-leossid', das Fest der Zukunft, dir Verheißung eines neuen, freien Lebens für die ganze Menschheit.' nir so viele Gefahren wie liebten sie ihn so sehr. Sic des sittlichen Menschen n rungen werden. In ihre Mil dem Auszug aus Aegypten beginnt das Verständnis nh innere Freiheit. Jetzt erst sängt die! Judenheit an,-ein Kulturvolk zu werden und erlangt langsam die Fähigkeit, das göttliche Gesetz in uns und über uns zu begreifen. Ter Auszug aus Aegypten war 'der erste Schritt auf' dem Wege nach Sinai. Dar Werk der Weltschöpfung ist erst durch, die menschliche Freiheit, die ohne sittliche "Größe nicht denk bar ist, gekrönt worden. Mit dem Aufleuchten der-idealen Kräfte ist von neuem die Welt in uns erstanpen. -Taher gedenken wj.r in unfern Gebeten neben der Weltschöpfung zu gleich des Beginnes der Welt der Freiheit, des großen Ereignisses, des Auszuges aus Aegypten. Unter Freiheit versteht das Judentum nicht das hemmungslose Walten der Leidenschaften, sondern den richtigen Gebrauch der leiblichen und seelischen Kräfte, das Wirken für eine hohe Idee, das Kämpfen für Wahrheit und Recht. Auch im politischen Sinn will der jüdische Fr.eihcitrbegrisf von diesem Gesichtspunkt aus verstanden sein. Me die moderne Moralphilosophie seit Kant faßten auch die jüdischen Tenker stets die Freiheit als ein göttliches Gut auf, das nicht an das j Persönliche gebunden ist und erst in der Betätigung auf sittlichem. Gebiet seinen wahren Beruf erhält. Taher war stets das Recht und nicht die Macht n a ch j ü d i - scher Auffassung das Prinzip des Leben». Eine Weltanschauung, die den Machtgedanken so einseitig verherrlicht, wie etwa die Philosophie Nietzsches, auf die sich heute die Machtgier, innerlich Unfreier berufen zu dürfen glaubt, mußte deshalb dem Wesen der Judentun^ frtmd bleiben. Als Religion hat das Judentum stets Nach innen zu wirken gesucht und der Versuchung, aus dieser Wirkung eine umspannend? Machtorganisation zu schassen, erfolgreich widerstanden. Gerade dadurch, baß e» an dem Recht der individuellen Freiheit unter Preisgabe äußerer Machtmög lichkeiten. festhielt, konnte es seine Macht in den Herzen seiner Bekenner am stärksten verankern. Wer die Bibel mjt psychologischem Blick zu lesen versteht, de>- sieht in dem gewaltigen dramatischen Vorgang des Auszugs aus Aegypten zugleich das große innere Geschehnis. die seelische Entwicklung, die religiöse 91or gebürt. Ter Frondienst in Aegypten war ja nicht nur^eine Knechtung des Leibes, sondern auch eine solche der Seele. Tie Bibel erzählt uns in ihrer schlichten Wahrhaftigkeit: „Sie hörten nicht auf MoseS, wegen ihres engen Geistes und ihrer schweren Arbeit." Wir soll ein Blinder die Farbenpracht begreifen, ein Sklave die Freiheit.verstehen'? „Was ist Freiheit'? Wir haben sie nie empfunden. Du redest uns von Gott, wir sehen nichts Göttliches um uns!" Moses mußte sie erst aus ihrem Stumpfsinn aufrütteln, das Menschliche in ihnen mit allen Mitteln der Volkspädagogik wecken. Sic forderten Wunder und Zeichen, als wenn nicht dar Leben selbst das größte Wunder Gottes wäre! Roch fehlte ihnen der Glaube, der Quell alles Glückes, und auch