Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- 8 (29.12.1925)
- Date
- 1925-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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! Semeitl-ehlatt der Ofrafcllitlfd^en Religionsgemeinde Dresden Amtlicher Organ des GemeindevorftanbeS >»U>«n>«»»»M»»!!n«»»!r> VrnmttopNl. Schrifttrituno: Btlrodir ktor L-Ploemachrr. Drrsbea - Berlag: Israelitische Rellaionsgnueinde Dresse» - Druck: Kate» D Coach.. Dresbea-A. 1925 SM Dresden, den 29. Dezember Nummer 8 Der Versailler Vertrag und die jüdischen Fragen Von Dr. John Levy 6'A Jahre sind verflossen seit dem Tage des Versailler Friedensvertrages: 6Yt für d< s Leben und Dasein des jndu schen Volkes ereignisreiche, schicksalsschwere Jahre, deren Ablauf es uns ermöglicht, uns e und wieweit auch das Lebejn sozialer, wirtschaftlicher und Bestimmungen des Versailler hängenden Friedensverträge Hinsicht nei^e Bahnen gelenkt Vorausgeschickt mutz werde n Bild darüber zu machen, ob des jüdischen Volkes nach kultureller Hinsicht durch die und der mit ihm zusammen in bestimmte und in vieler worden ist. n, daß wir in diesein Zusammenhänge den Versailler Frie )ensvertrag nicht nur mit der deutschen Brille betrachten und untersuchen müssen, sondern wir können und dürfen an dieses Thema, so wie es gefaßt und gestellt ist. nur unter jüdischen» Aspekten herantreten. Das Charakteristikum der ganzen den Krieg beendenden Verträge iu puncto Judaica ist nämlich. daß Juden und Judentum, bisher nur Figuren aus dem Schachbrett der Weltgeschichte. die Rolle der Figuien in vielen Punkten mit der des Spielers vertauschen dür fen. Auch in früheren Friedensverträgen und besonders politischen Aktionen hat inan wohl jüdische Angelegenheiten erledigt — ich erinnere an den Berliner Vertrag von 1878 und die rumänische Judengleichberechtiguvg, an Napoleons I. Kundgebungen und Schaffung des Synhedrion usw. usw. Ai »er während die Juden bislang nur stets Lbsekte des historisch:n Prozesses waren, wurden sie jetzt in vielen Punkten auch S ibjekte des Weltgeschehens. Wenn toir Wirkungen und Bestimmungen eines Fricdensvertrages erkennen und beurteilen wollen, müssen wir uns klar vergegenwärtigen, wc s war und was wurde an dem bestehenden Zustande tatsächlich geändert. Für die gesamte Judenheit haben der Krieg und auch die Jahre nachher eine der schlinimsten Leidenszeiten bedeutet, die sie jemals durchzumachen hatte. Abgesehen von den Mveren Verlusten an Toten und Verwundeten, die die Juden bei allen Völkern als >eren Staatsangehörige ebenso wie diese Lvlker erlitten, müss m wir beachten, daß der Krieg sich, abgesehen von der Westfrc nt, nur in Gebieten abgespielt bat. die die stärksten Siedlungen der Juden überhaupt bedeuten. Von den ca. 12—13 Millionen Juden wohnten ca. 7 Millionen in Rußland, und zwar fast restlos in dem jetzigen Polen und der Ukrainc, ca. i% Millionen in Oesterrerch-Ungarn, und zwar größtenteils in Galizien, ca. 500 000 in Bulgarien. Rumänien, 600000 in Deutschland, ca. 2 Millionen in Amerika, 200 000 in der Türkei. Griechenland, hiervon ca. 100 000 in Palästina und ca. % Million verteilt auf die sogenannten Weststaati n. Me Wohnstätten von über 9 Millionen Juden, also von ca 75 Prozent, wurden durch den Krieg zerstört, ihre Wirtschaf liche Existenz vernichtet, ihr Geistesleben, ihre Kultur zertreten, die Fanrilien auseinandergerissen. «Unzählige Gettos in Galizien. Bukowina, Rußland, Polen, Litauen, Kutand, Rumänien wurden in Schutt und Asche gelegt: die Hölle ist ein Himmel, gemessen an der Lage der großen Masse des jüdischen Volkes. In den tvestgalizische ärgsten wütete er in Le und seine Nachzügler in 1919 die Juden in der kulturell höchststehenden Während aber für fast alle Völker 1918 der Frieden kam — ganz gleich, ob er gut oder' schlecht war —, setzte jetzt beiin Zusammenbruch großer Staaten und bei der Neubildung andrer für die Juden eine Schreckenszeit ein, die alles Voraufgegangene in den Schatten setzte. Das Chaos, das auf dem Boden der alten Donaumonarchie in Polen und in der Ukraine die Folge des Zusammenbruchs war, löste alle'Zucht und Ordnung. Das erste Zeichen der Freude bei den unter-' drückten Völkern Osteuropas über ihre Befreiung war der Pogrom. Städten brach er zuerst aus, am iberg. Aber selbst dieser Pogrom Lilna waren nichts gegen das, was llkraine auszustehen hatten. Die und wirtschaftlich gut situierten Judensiedlungen in dieser Provinz wurden vollständig vernichtet: Uber 150000 Juten mußten allein in dtzr Ukraine bei den Pogromen ihr Leben lassen. Wir müssen uns diese Totsachen vor Augen halten, um zu verstehen, woraus die große Judennot in wirtschastli her und geistiger Beziehung, die wir heute überall vorfir den, zurückzuführen: ist. Auch das deutsche Judentum brachte die schwersten Opfer. Außer 11006 Toten, vielen Ta «senden Verwundeten mußte es infolge der durch den Vers nller Vertrag bedingten erheblichen Gebietsabtretungen numerisch große und sehr wertvolle Teile seiner Mitglieder abgei en. In Elsaß-Lothringen lebten ca. 90000, in WestPreuMn und Danzig '£a. -14 000, in der Provinz Posen ca. 26 0K>, in Oberschlesien 'ca. 9000, im Memelland ca. 1000 Jud n. Mit Toten zusammen war alsp der Verlust des deutschen Judentums ca. 92 000. also fast ein Sechstel seines Bestandes Hierbei sprechen > nicht nur die reinen Ziffern, sondern gerade für die jüdische Kultur des deutschen Judentums fiel noch erschwerend ins Gewicht, daß die Juden Posens, Wests reußens, Oberschlesiens — also, ich möchte sagen, das geistig, Reservoir der deutschen Juden — völlig verlorengingen. Habe ich zunächst als das Augenscheinlichste die Fragen der Verluste in territoria er Hinsicht behandelt, so möchte ich nicht unterlassen, der Voll tändigkeit halber zu eribähnen, daß ein großer Teil der Jüdin aus den abzutretenden Gebieten nach Mutschland zurück» änderte, aber diese Leute waren mehr oder weniger entv »ckrzelt, wirtschaftlich ruiniert und hatten jahrelang damjt zg tun, sich eine neue Existenz, ein *3 Nichtig! Dieser Nummer ist ei, « Oeffentttihe Anmahnung der Steuerrückftüude beso eders beigefügt. Der »eu etudevorstand* •UgfrU» VtratMHH. CU [ e«M. C««I MHi|r. , 9t. «all»» rg. (attlnt •>. Itawnum. DicLESEHALLEa,ägUd,vonr-,0Ultrabcnds i. Sonntags v. 11 — 11_ hr vorm!gßöffnet