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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1925-11-29 · 7 (29.11.1925) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
1 (1925-1926)
Issue
7 (29.11.1925)
Date
1925-11-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wem ein beblatt der Israelitischen Religivnsgemeinde Dresde^i Das. Problem des Synagogenchors Von Tr. L e o F a n t l Mehr als hundert Jahre sind verflossen, seitdem zum ersten Male in einer jüdischen Synagoge ein geregelter Chorgesaag mit Begleitung eines Jnstrume.iis erklang — aber immer noch ist die Stellung, die der Chorgesang im jüdischen Gottesdienst einnimmt, ein Problem. Tas kann nicht anders sein; denn so. wie wir die Einrichtung des Synagogenchores in den Gemeinden aller Richtungen kennen, mit oder ohne Orgel, als gemischter oder Männerchor, ist sie niemals organisch aus dem jüdischen Gottesdienst erwachsen, ist immer etwas Fremdes geblieben. Tas Wesen.unsers Gottesdienstes war Bekenntnis und Belehrung. Man kam ins Haus der Versammlung, ins Lehrhaus, um gemeinsam das Glaubensbekenntnis aus« zufprcchen, um die Thora zu lesen und über den Sinn ihrer Verse zu dislutieren. Tas änderte sich nicht, als ein« feste Gebetordnung ausgestellt wurde; denn die einfache wie die durch poetische Bereicherung erweiterte Gebetordnung, Liddur und Machsor, sind genau genommen, ebenfalls nur Bekenntnis und Belehrung. Aber Läye, die ein Bekenntnis ausdrücken, also Ergebnis der inneren Ueberzeugung sind, letztes Ziel der Philosophie. Lätze, die Belehrung enthalten, Lebensweisheit, Gebote der Ethik wie sollen die sich in Musik sesen lassen^ wie sollen die gesungen werden? Man wird einwenden, daß ja unser Gottesdienst nur auGesang bestehe, daß ja der Träger des Gottesdienstes einzig der Vorbeter ist, der alles doch singend vorträgi. Tas ist gewiß richtig: aber wer auch nur oberjlächlich die Geschichte unsere Gottesdienstes verfolgt hat, wird ohne weiteres zugeben müssen, daß der Vorbeter sich innerhalb des Gottesdienstes eine Stellung erobert hat, die weit über seine ursprüngliche Aufgabe hinäusgeht. Aber die Tradition hat wie alles, was religiöser Brauch ist, auch den Vorbeter verklärt, und so sinder man heute nichts mehr dabei, wenn er gesetzliche Bestimmungen, wie etwa die Sabbathankündicung (Weschomru) im Stile einer Opernarie singt, oder eine rein historische Schilderung, wie den heiligsten Tienst des Hohepriester« am Perwbnungstag (Wchakohanim) mit ebenfalls schon duxch die Tradition ^geheiligten" Koloraturen vorträgt — für denkende Juden die Grenze des Erträglichen. Wir haben längst die Macht des gesprochenen Wortes vergeben und haben an seine Stelle eine falsch gerichtete Kunst treten lassen. Und ebenso falsch ist die Rolle, die der Chor heute im jüdischen Gottesdienst eiiinimint. Osten sowie in den westlichen Synagogen mit sogenanntem polnischen Ritus ist er im wesentlichen Begleitinstrument des Vorbeters, unter, streicht also gewissermaßen die dominierende Stellung des Vorsängers. Im Westen aber ist er in bewußtem Gegensatz zum cstjüdischen, in bewußter Anlehnung an den protestantischen Gottesdienst eingeführt worden. Man wollte die ungeordnete Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienst auf diese Weite regeln nnd,damit im Chore sozusagen eine musikalische Polizei schaffen. Wie weit das gelungen ist, weiß jeder, der einen Gottesdienst in einer modernen Orgel iynagcge besucht. Gemeindemitglieder, die in der Tradition ausgewachsen sind, oder besser gesagt, beten können, sind vor lauter Tradition nicht dazu zu bewegen. Disziplin zu halten rmd somit die Führerschaft des -Chores anzuerkennen. Man kann in Tresden wie in Berlin, in Frankfurt wie in Hamburg das ,Amen" kmmer schon von einem reichlichen Dutzend der Gemeinmitglieder früher hören, ehe der Chor noch einsetzt. Aber nicht, weil der Chor zu spät kommt, sondern weil diese religiösen Heißsvorne es gar nicht erwarten können und ihr „Amen" oder Kodausch" schon in die letzten vorhergehenden Worte des Vorbeters hineinschreien müssen. Tas macht natürlich die Institution des Chores sinnlos und lächerlich. Und besonders dort, wo die führenden Kreise Wert auf .Gemein^'gefang" legen. „Ge:neindegesang" — das ist ebenfalls ein Kapitel für sich. Man kann die wenigen Sätze, die kurzen Responien, wie „Amen". „Iehe schme raböh", „Kodausch". „Micho mancho", doch nicht ernsthaft als tyemeinde-„stzesang" bezeichnen. Aber. Hand aufs Herz! reichen die Kenntnisse des größten Teils unsrer Gemeindeinitglieder weiter? O ja, sie können auch noch zur Mt am Versöhnungstage Nr. redlich ab, den Text zu der ganze Umfang des Andre Gelegenheit als ja nicht im Gottesdienst, Ki onu amcho" singen, mühen sich ktbchstadieren. Tamit ist aber auch heutigen Gemeindegesanges erschöpf die erwähnten Responsen gibt es schon darupr nicht, weil ja der Vorterer den ganzen Gesang jür sich mit Beschlag belegt hat. Nun könnte man ja ver langen, daß die Gemeinde andre Stucke sänge, wie etwa ein , zelne Strophen des Lecho daudi oder andre Lieder und Psalmen. Das hat man schon versucht: Lcwandowski hat in diesem Sinne geradezu vorbildlich populäre Melodien geschaffen. Ader hier beginnt die Tragik — wer besucht am Freitagabend und am Sabbath den Gottesdienst? Doch nur s solche, deren Alter und Lebenshaltung sie zu musikästhetischen Erwägungen nicht kommen läßt. Was nützt die populärste j Komposition, wenn die. für die sie äedacht ist. nicht da sind 1 und die, die da sind, entweder nicht singen können oder zumeist gar nicht singen w o l l e n?[ Und wer von denen. . die an den Feiertagen die Synagoge füllen, würde sich einmal f Gedanken über die Melodien machen! würde, falls eine „Gej meindesingstunde" einoeführt wäre, ne besuchen und an den i Uedungen teilnehmen? Tas ist ja der wesentliche Unterj schied zwischen dem protestantischen und dem jüdischen . Gottesdienst, daß die Landeskirche ein Gebetbuch mit nume-! rirrten Chorälen und bestinstnten Naelodien vorschreibt, die , allerorten gesungen und gekannt wenden, weil sie das Kind schon in der Schule lernt und immer weiter übt. Ein'andres aber ist die Frag», ab diese Uniformieriiiig euch dem jüdischen Gottesdienst zuträglich wäre. Manche wünschen es so; aber dem ist zu entgegnen: solange unser Gebetbuch sich auf Siddur und Machsor stützt, ist an etwas Aehnliches in der Synagoge nicht zu denken. Ter naive Choral wendet sich an eine Schlichtheit und Einfalt des Gemütes, wie sie den Gebeten des Judentums mit ihrer Reflexion und Philosophie fremd ist. Unfern Psalmen Choralmelodien zu geben, verbieten die Gesetze des! Vers- und Melodienbaues. So bliebe nur der Weg, deutsche Lieder in de» Gottesdienst aufzunehmen. Tas ist ebenfalls schon versucht worden, aber mit wenig Glück. Man zeige mir ein einziges dieser Lieder, das die Popularität eines protestantischen Chorals-nur entfernt aufzrrweisen hätte. Ter Grund liegt klar zutage: Wir haben keine Dichter religiöser Lieder. Was in unfern Synagogen an deutschen Liedern gesungen wird, sind unbeholfene, unpoetische Verse von Dilettanten und unfähigen Stümpern. Aber — sind das ist das Entscheidende — wäre daz Bedürfnis nach! deutschen Synagogenliedern wirklich so groß, wäre das Verlangen nach dieser Art ^Erbauung" wirklich so tief, so lecht, so brennend, so wäre das deutsche Synagogenlied schon längst ge'^ajsen, wie sich das Luthertum das deutsche Kirchenlied ge schaffen hat. 1 Tie Frage der Synaaogenmusik ist die Frage des Gottesdienstes. Und mit der Frage des Gottesdienstes steht und fällt unser heutiges Judentum. Wenn wir den Dingen ehrlich ins Gesicht sehen wollen, so ist im Leben des deutschen Juden nur noch der Gottesdienst spezifisch jüdisch. Darum muß die Soroe um den Gottesdienst und um die Wege, ihn würdig auszugestalten, zu den vornehmsten Aufgaben einer Gemeinde gehören, und da darf die Synagogenmusik nicht zu kurz kommen. Ader was nützen di^ Arbeiten einer Synagcgenkcmmission, wenn das Interesse der Gemeinde- Mitglieder fehlt? Welchen Wert hat Lob oder Tadel für den Synagcgenchor, wenn diejenigen, die ihn aussprechen, nur sehr^ geringe oder meist gar keine! Sachkenntnis haben? Welchen Sinn hat es, billige Witze ütrer den nichtjüdischen Chor zu reißen, wenn die Spötter selbst recht gut wissen, wie schwer jüdische Damen zum Eintritt in Iden Chor zu bewegen sind, und daß es nahezu unmöglich in, jüdische Herren zu finden, denen ihr Beruf Zeit läßt, sich den dauernd wechselnden Zeiten des AbenidgottesdiensteS anzuvassen, und die am Sonnabend vormittag frei sind. Tas ist nur in den Großstädten möglich, wo ganz besonders viele Juden wohnen und vor allem viele jüdische Studenten oder jüdische Berufssänger, die Theaterchören angthören oder andern Chorvereinigungen. Solange dies aber nicht der Fall ist, möge man liberal genug sein, Pen niwtjüdischen Chor als Instrument zu betrachten, das ein jümscher Chorleiter mit i

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