Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 8 (12.8.1938)
- Date
- 1938-08-12
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492321-5444759-5445121--189-4892670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer 8 Jüdisches Gemeindeblatt Sette 7 Ueberblickt man das eingegangene Material, so ergibt sich eine ungeheuere Buntheit der Schicksale — und, im großen und ganzen, die beruhigende Gewißheit, daß die meisten der Antwortenden allmählich eine produktive Einordnung in Uebersee gefunden haben. Greifen wir einige dieser Schicksale heraus, um auch der jüdischen Oeffentlichkeit einen Einblick in das Leber} der Auswanderer zu verschaffeji. Geändert ist im folgenden nichts. Da ist H. B.. ehemals Angestellter in der Teppich- und Gardinenbrahche. 1906 geboren, unverheiratet. Seit Januar 1937 in Buenos Aires. Hier zuerst zweiwöchige Arbeitssuche; dann Stellung als Spuler in einer Seidenfabrilt; Stundenlohn 50 Centavo^, Arbeitszeit 8 Stunden ' täglich. Mit welchen Schichten verkehren Sie vorwiegend? — will der Fragebogen \vissen.' Ich [verkehre mit niemand und habe keine Zeit, da ich spanisch lerne — lautet die Antwort. Anders W., ebenfalls in Buenos Aires. In gesellschaftlicher;' Hinsicht, so schreibt er. habe ich gar keine Schwierigkeiten. Wir ,'erkehren in allen Kreisen ohne Unterschied. Trotzdem kann W. von sich sagen, daß sein Leben nicht gerade leicht ist. Fünf M >nate eifrigen Studiums waren notwendig, um die Landessprache notdürftig zu erlernen. Infolge der klimatischen Verhältnisse,! konstantiert der jetzt 48jährige. lernt man hier, besonders inj fortgeschrittenem Alter, viel viel schwerer als drüben. Aber die Anfangsschwierigkeiten scheinen überwunden zu sein. W., sucht sich und seine Familie jetzt durch Vertretungen zü ernähren. Das Monatseinkommen ist jedoch naturgemäß ..noch ganz unbestimmt." F. B., 58 Jahre alt. betrieb in Deutschland ein Herrenartikel- und Pelzgeschäft. Etwas Kapital stand ihm zur Verfügung. Damit ist er 1937 nach Neu-Seeland gegangen, wo er eine Kuhfarm kaufte. Hier arbeiten er und sein 28jähriger Sohn „oft zwölf Stunden täglich.'" An Sparen ist noch nicht zu .denken. Aber in zwei Jahren hofft er soweit zu sein. H. H., 38 Jahre alt, wanderte mit Frau und drei Kindern nach den Vereinigten Staaten aus. Da ihm ein nicht unbe* trächtliches Kapital zur Verfügung stand, beteiligte er sich an einer Transportgesellschaft in Kansas City. Sein Monatseinkommen ist verhältnismäßig sehr hoch — 45p S! Aber das ist. wie H. schreibt, „natürlich kein Maßstab", da er ja an dem Unternehmen beteiligt ist. Auf die Frage: Vor welchen Fehlern möchten Sie besonders warnen?, antwortet H.: Trotz der von mir begangenen Fehler ist es falsch, nichts zu riskieren und-zu . keinem Entschluß zu kommen. Viele Einwanderer tun das. Und dann gibt er einen Rat, den der Hilfsverein allen von ihm betreuten Nordamerikafahrern immer und immer wieder, aber leider oft vergeblich erteilt. Ich halte, so heißt es auf dem Fragebogen, „die Anhäufung größerer Mengen oft berufsloser Juden aus Deutschland in den Riesenstädten des Ostens für gefährlich und bedenklich, sowohl für die Einwanderer, als auch für die Einwanderung. — Ein Umschichtler. jetzt in Kali. K o 1 u m b i e n . war ehemals Vertreter. Dann lernte er schweißen. Seit Mitte 1937 betreibt er in Kali selbständig eine Schweißerei. Se^ne Familie — er ist verheiratet und hat 2 Kinder — blieb vorerst in-Deutschland. Der Verdienst ist noch gering. 50!> (kol. Pesos) im Mqnat, Davon müssen die Kosten für die Werkstatt mit 20' S bestritten werden, weitere 20 S"gchen für Kleidung drauf und 10 s bleiben zum Leben. Bei diesem Etat muß man sich einrichten. Er tut das, vor allem dadurch, daß er sich an die kolumbianische Kost gewöhnt, „weil deutsche Küche bedeutend teurer ist." Freilich •ist diese Umstellung nicht ganz einfach. Von allen Einwanderern, so schreibt er, haben es nur vier Mann (ich eingeschlossen) fertig bekommen, längere Zeit kolumbianisch zu essen. Trotz, mancher Entbehrungen ist er optimistisch und Ivofft. daß sich sein Betrieb günstig entwickeln wird. Sein Streben ist naturgemäß darauf gerichtet, Frau und Kinder sobald als möglich nachkommen zu lassen. t Eine unverheiratete Frau, jetzt 37 Jahre alt. ist Anfang 1937 nach Johannesburg gegangen. Beruf in Deutschland und in Johannesbur'g Stenotypistin. Jetzige Arbeitszeit von!»». bis J/C'6 Uhr; Monatseinkommen 10 t. Davon kann sie zwar keine Ersparnisse machen, aber doch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Auf die Frage, was sie falsch gemacht habe, erfolgt die Antwort, daß „ich nicht früher hierher gckommen.bin." Schließlich eine, Akademikerin. B. H, 1897 geboren, war in Deutschland Acrztin. Durch Inserat in einer medizinischen Zeitschrift tritt sie mit einem Hospital in Adelaide in Verbindung. Sie wird engagiert und fährt nach Australien. In dem dortigen Krankenhaus arbeitet sie hegen ein Gehaltj von 200 J. Ä (2000 Goldmark) je Jahr nebst freie - Station -4 ein Einkommen, von dem sie sogar etwas zurücklegen kann. Ihre Pcsition bietet freilich keine Garantie für die Zuk inft; denn IderM jeweils nur auf ein Jahr. Wie häufig er verlf ist ungewiß Für welche unserer Auswandeifer ist .abei die der Zukunft geklärt? All unsere Menschen Jie in der Ferne/ ein neues Leben beginnen, müssen täglich .den Kanpf uri die Existenz aufs neue aufnehmen. Rückschläge und Enttäuschungen bleiben nicht aus. Aber unsere Menschen haben den, Willen, das Schicksal zu meistern; ihre Einsat; bifre+ischatt ist auch durch Mißerfolge nicht zu erschüttern Einwanderung nach Bolivien Bisher war .eine jüdische Einwanderung nac seltenen Ausnahmefallen, möglich, da diese offiziell a Neuerrfmgs hat aber — ohne daß die Gesetze geände ein Umschwung in der Haltung der zuständigen boln stattgefunden. So hat der Kolonisationsministei mit dem Staatspräsidenten erklärt, die Pforten Boln körperlich und geistig gesunden Menschen offen seien hiervon nicht ausgenommen. Tatsächlich .verde 1 puch Einertrag läuft ngert wird. F nach Bul Vit unej uinscht galt«. Ii woTadqn wan n laniscien Behörden Lebe reinst imnuing lens ständen ..allen — au rh Idie Jufferv wanderurigsvrsa für Bolivien bei N'achwei 400 GM. erteilt. Bezüglich der Aufnahmefähigkeit des Landes Gesichtspunkte zu beachten: in wirtschaftlicher Hi geringe Bevölkerungsdichte des Landes und die kraft der groUen Mehrheit dci Einwohner die ./ Berufe, die eine entwidcelteie Volkswirtschaft vo keiten bestehen in erster Reihe — dem Mineralrctc sprechend — für Bergbau-Ingenieure. Geologen, verwandte Berufe. Gewisse Aussichten; liegen auilerd]em fü und Landwirte vor. -I Ein wesentliches Hindernis für die Einwände besteht in der außerordentlichen Höhenlage de Landes. -Die überwiegende Bevblkei ungsmehrheit von über 3000 m; die Hauptstadt La Paf liegt etwa-r:i660 hi artige Höhenlagen stellen außerordentliche Anforde ren Organe, insbesondere Herz wnd Lunge, so daß fu nach Bolivien nur junge und kräftige Menschen Gewisse Teile Boliviens liegen allerdings erheblich noch nicht zu ersehen, wie weit diese praktisch für Flage kommen. Die wirtschaftliche Lage. Boliviens günstig. Auswandel unRswiilige werden' in ihrem ersucht, sich zunächst beim Hilfsverein berate i auch die boltvianischen Konsulate Wert legen Die üjYteiliirtg.^e'S hol ntschen Visums dauert mehrere Monate apital > j von 300 bis nd v< r -T."' -zwei isicht vtjrbietet dt« ic h w iihe Kauf, usübuifefi fast "aller ausset;eri Moghchitum IJoliviyns ent-., .Ictalldhpjmifter und Tfandwerke: ung r acta Bolivien groß er« Teiles des .ebt ir| einer IM"me hoch. Devungen an die inne-. die Auswanderung in Fragil kommen." niedriger, doch ist die Kpliinisation tri ist z. Ztt nicht un- Interesse dringend lassen, worauf L_ Warnung vor der Einreise nach I.iixemhuru Der Hilfsverein Esra.in Luxemburg' dementiert nachdrücklich einein vielen Zeitungen erschienene Notiz, nach def gewiss^ £irirelsemöglichkeiten im Herzogtum Luxemburg gegeben seien, i Dei ^Luxemburger Justizministcr habe niemals Zusagen bezug-Hch der AHiTenthal'serlaubnis für jüdische. Einwanderer gegeben; es müsse 'nachdrücklich vor einer Ausreise nach Luxemburg gewarnt werden •{ '* II' -. Aus den amerikanischen < .euer jlkonsulateil im Bereich des amerikanischen Generalkonsulats Berlin ist eine Stockung in dei Anmihme* neuer Einwanderungsant l age eihgel' et"en. die einige Zeit andauern dürfte Die Ufingen Generalkonsulate nehmen i>n Rahmen ihrer Zuständigkeit weiter Affidavits entgegen. Ii' "« t Der Hilfsverein veröffentlicht soeben ein neu«.-.- Heft .»ei Korrespondonzblattes: Judische Auswanderung, das dii Vci» einigten Stallten von Amerika, sowie die zur am jrikiinischen Einflußsphäre gehörenden Gebiete C u h a und di Philippinen behandelt. Die Anlage des Heftes weicht von der det vorigen ..:> .1..-1lern, als es bei der Behandlung der Vereinigten SlaiUerj, null' so sehr darauf ankommen konnte, über ein bisher .inbckarmtef Gebiet Neues mitzuteilen, als vielmehr darauf, irrig»- Verstellungen, die vor allem durch die Verallgemeinert nbi der New Yorker Verhältnisse entstanden sind, zujyirrigieren und di« wirkliche Weite und- Mannigi'altigkeii. dit^I-mdi Verhältnisse in ihrer Bedeutung für den Einwanderer aufzuzeigen. Im übrigen läßt, bereits ein fluchtiger Einblick seihen reichen Inhalt und seinen irrTormatorischtjn .Wirt erkennen. Bei der Bedeutung, den die Auswanderung namentluh nach den. Vereinigten Staaten in der jüngsten Zeit angenommen hat, ist das Erscheinen dieses Heftes besonders zu Hbegrüßen. Die jedem Abschnitt zum Schluß beigefügten Briefe* aus den Vereinigten Staaten, aus Cuba und aus den Philippinen sind;ils Dokumente ihrer Zeit von besonderem Wert, v jn ,da.- Hett FÜR IHRE AUSWANDERUNG em Transporte leder Art nach allen Teilen der weit.* sepacKOetornerung. Lagerung, verpacHung. Versicherung. Brasch & Rothensteiii INHABER HARRY W. HAMACHER HAMBURG 11/RÖDINGSMARKT 69/Fernsprecher 361841