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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg · 1938-01-14 · 1 (14.1.1938) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
Volume
14 (1938)
Issue
1 (14.1.1938)
Date
1938-01-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Gemeindeblait Nummer 1 Dr. Italiener knüpfte an die- Schlußworte der Tora an: ..Mose war 120 Jahre alt, nicht war sein Auge trübe oder seine Kraft gebeugt". Wenn nach gleicher Zeitdauer der Tempel ebenfalls in ungebrochener Kraft besteht, so ist es das Vej> dienst der Persönlichkeiten, die den Tempel einstens gegründet, und jener, die ihn seither geleitet haben. Wie es bei seiner Gründung die wichtigste Aufgabe war, dem Abfall Einhalt zu tun und so Unzählige dem Judentum zu erhalten, so ist es heute unsere Aufgabe; besonders die Jugend mit jüdischem Geist zu "erfüllen, damit sie. wohin das Schicksal sie auch trägt, sich im aufrichtigen Bekennen betätige und Gott ein Haus errichte. Die Gründer des Tempels hatten die Gründungsurkunde vor 120 Jahren mit den Worten des 102. Psalms begonnen: ..Aufgeschrieben wird. dies für das spätere Geschlecht, damit das neugeschaffene Volk Gott preise". Die Schaffung der ersten religiös-liberalen. nicht durch Herkommen oder äußere Zwangsmittel, sondern nur durch,Gesinnung zusammengehaltenen Gemeinde ist das historische Verdienst des Tempels. Der Tempel wollte von Anfang an und auch später niemals außerho'b. der judischen Gemeinschaft stehen, wie einer seiner Führer schon bei der Gründung es ausgesprochen hatte: „Wir wollen in der Synagoge bleiben". Diesen Willen hat der Tempel immer besessen bis auf den heutigen Tag, und ihm hat er seinen Erfolg in der jüdischen Welt zu danken. Der Redner schloß mit dem Torawort: „Ich will für ihn bürgen, und aus seiner Hand mögest du ihn zurückverlangen". Die heutigen Führer des Tempels übernehmen die Bürgschaft des Weiterbestehens im Sinne der Gründer. Dazu möge Gott verhelfen. Mit dem feierlichen Segen schloß die tiefgründige und tiefwirkende Predigt. Dem Gottesdienst folgte, wie allsabbatlich, die diesmal besonders zahlreich auch von Erwachsenen besuchte Sabbatstunde für die Jugend. Herr Dr. V e i s wies in einer Ansprache darauf hin, daß die Jugend allen Anlaß habe, dem Tempel für alle Maßnahmen, die er der Jugend widme, dankbar zu sein. Zu diesen /gehören auch die Sabbatstunden. Für ihre Verschönerung widmete einer der Jugendlichen eine selbstgeschriebene Kiddusch-Mappe. Das schöne Geschenk in prächtiger Ledermappe wurde dem Vorsitzender! des Tempels, Herrn D. Münden, überreicht, der mit herzlichen Worten dankte. L. K. Anläßlich seines 120jährigen Bestehens hat der Tempelverband eine von Herrn Oberrabbiner Dr.-I t a I i e n e r redigierte Festschrift herausgegeben, deren Besprechung wir uns vorbehalten. Die Einweihung des Gemeinschaftshauses Das Jüdische Gemeinschaftshaus in der Hartungsfraße wurde letzten Sonntag mit einer schlichten Feier eröffnet. Es ist ein Heim, das wir haben, mit dem wir aber nicht prunken wollen. Hiichste Einfachheit verstand sich bei seinem Ausbau iind seiner Einrichtung von selbst. Sie braucht deshalb nicht bar jeder Anmut zu sein. Kein greller Farbton stört die H.irmonie. Das Weiß herrscht vor. ein festliches Weiß, das den ' Besucher dem Grau seines Alltags entrückt. Geschickte architektonische Gliederung hat Eintönigkeit vermieden. Besonders geglückt ist der Vortragssaal. dessen Wände mit Zeichnungen jüdischer Künstler geschmückt sind. Auch der Bibliothekssaal 'fällt angenehm auf. Dns schwierigste Problem für den Umbau war die Gestaltung des Theaterr'aumes. Die Achse des alten FestsaaJes, der zur Buhne umgewandelt wurde, mußte um einen rechten Winkel gedreht werden. So entstand eine . richtige Kammerspielbuhne .mit ansehnlichem Fassungsraum und der ';,hr iiYjrr unbehinderten Sicht von allen Plätzen. Die Akustik schien anfangs minder berücksichtigt zu sein, aber diesei Eindruck verflüchtigte sich während der Eiüffnungsvorstellurfg, als die Schauspieler die Dynamik ihrer stimmicn Mittel umgestellt hatten. Die technischen Belange der Bühne sind ohne Zweifel gut gewahrt. Die zahlreichen Umbauten vollzogen sah in kürzester Zeit, wenn auch mit allerind Geräusch. Auch die Beleuchtungsanlage konnte am Abend ' ♦ . ' r. Die Eröffnungsfeier \vurde vom Chor des Tempelverbandes „mit dem Vortlage des 100. Psalmes in der Vertonung von Mendelssohn' eingeleitet.' Dann betrat Herr Max M. Warburg', der den Gedanken des Gemeinschaftshauses zum Siege geführt hat. das Rednerpult und begrüßte* in einer gedankenreich«}, von Warme. Ernst und Humor erfüllten Ansprache die Versammlung: sein besonderer Gruß galt dem Vertreter des Prasidialau.-M husses der Reichsvertietung der Juden in Deutschland Herrn Dr Franz M e y e r - Berlin. Herr W a r b u r g wies dann zunächst auf all die Schwierigkeiten hin. die dem Umbau de^ Hauses and dessen Finanzierung entgegenstanden. Er dankte den zahlreichen Spendern in Hamburg und außerhalb Hamburgs, besonders dem Jüdischen Religionsverbande, ohne dessen we entliehe Mithilfe die Durchführung des Werkes nicht möglich gewesen wäre. Weiterhin sprach er den Architekten, Lieferanten 'und Arbeitern Dank aus für die gute und termingerechte IJi(sung ihrer schwierigen Aufgaben. Eingehend wies er darin auf die Wertvolle Arbeit des Kulturbundes hin. der jn f> r Israelitischer Tempel-Verband ■•[/■ j im Rahmen der im. Winterhalbjahr 1937 58 stattfindenden Religiösen Feierstunden spricht im Zyklus „Das judische "Culturproblem" .als _. dritter Redner Herr Dr. Ludwig F e u c h l w a n g e r - München über Jüdische Eigenkultur in Mittel- und Osteuropa einst und jetzt. Sonntag 16 d M . mittags, 12 Uhr als letzter Redner Herr Rabbiner Dr Man Wiener Berlin über das Thema Von der Eigenständigkeit des judischen Geistes Sonntag 6 Februar, mittags 12 Uhr Der Vortrag 'des Herrn Dr Feuchiwanger tindet im Gabriel Riesser- Saaie der Vortrag des Herrn Rabbiners Dt Wiener im Großen Tempel Qbersirafte 120. statt Die Veranstaltungen werden von Chorgesang eingeleitet und abgeschlossen Sie beginnen punktlich und sind unentgeltlich jedem Mitgiiede des Judischen Religionsverbandes zuganglich. Dar Vorstand. unter den schwierigen Verhältnissen der Vergangenheit viel geleistet höbe und nunmehr ein freundlicheres Feld für seine Tätigkeit finde. Herr W a r b u r g zeichnete dann die verschiedenen Zwecke auf, für welche das Haus verwandt werden könne. Der große Saal komme in erster Linie für das Theater, für große Konzerte und Vorträge, für Feste und Veranstaltungen des Religionsverbandes, der Schulen oder privater Kreise in Frage. Der Vortragssaal sei für Veranstaltungen kleineren und intimeren Charakters bestimmt und werde zusammen mit einigen anderen Räumen jeglicher Art Bildungsarbeit im Rahmen der jüdischen Gemeinschaft Hamburgs dienen können. Das Restaurant sei imstande, ein geselliger Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens zu werden. Eine Kegelbahn biete Platz für sportliche Betätigung. Kleinere Räume könntefi für Schach- und Kartenspielabende zur Verfügung gestellt werden. Auch Tischtennis könne vielleicht einen Platz finden. Ein Raum sOi für die Unterbringung einer Bibliothek bestimmt. . f - - I y Mit stärkstem Nachdruck wies Herr-War bürg darauf hin, daß das umgebaute Haus weit über diese konkreten Zwecke hinaus in erster Linie den jüdischen Menschen in Hamburg ein Gemeinschaftsheim bieten solle, in dem sie. der Sorgen und Nöte des Tages vergessend. Erhebung und Sammlung finden könnten. All das. was im Gemeinschaftshause geschehen werde, sei nicht Selbstzweck, sondern solle dazu dienen, die Seelen zu befreien und die Kraft zu wecken, sich selbst und dem Judentum treu zu bleiben.. Das Haus sei für alle Kreise des Judentums bestimmt, es. solle ein Ort des Friedens und der Eintracht sein, aber dieser innere Frieden müsse auch 7,um Verständnis für die großen Sorgen der Umwelt führen, deren Betrachtung uns das Tragen »nsepec-eigenen Sorgen erleichtern werde.!| . * Nach diesen- Ausführungen entbot namens des Vorstandes des Jüdischen Religionsverbandes Haniburg Herr. Dr. Ernst Loewenberg dem Gemeinschaftshaus Gruß und Wunsch. Er bezeichnete es als glückliches Vorzeichen, daß der Jüdische Religionsverband nach dem Anschluß der drei bisher preußischen jüdischen Gemeinden zum ersten Male bei der Weihe des Ge- -meinschaftshauses an die Oeffentlichkeit treten könne. Ob es angezeigt sei, gerade jetzt ein Fest zu feiern, da am anderen Ende dieses Erdteils Hunderttausende von Juden um ihre Existenz bangen und auch in unserer Stadt die Daseinsbedingungen immer schwerer würden, könne bezweifelt werden. ..Aber wir müssen das Leben der hier Bleibenden sinnvoll gestalten und den hier Heranwachsenden die Kräfte stählen." ' Dieses Haus, fuhr der Redner fort, werde dafür zeugen, wie sich der jüdische Wille zum Leben bewährt habe. Die Juden haben schon immer an dem Theaterleben in Hamburg innigen Anteil genommen. Und wenn sich am Abend der Vorhang teile, so wollten wir daran denken, daß in ..Romeo und Julia" das Hohelied von der Macht der Liebe in der Welt des Streites und Hasses verkündet werde und das höchste Recht, das die Natur uns Menschen gegeben habe. Weiterhin erinnerte der Redner daran, daß mit dem Kulturbund auch die Franz-Rosenzweig- Gedächtnis-Stiftung jetzt ein würdiges Heim für ihre bedeutungsvollen Bestrebungen erhalte, und schloß mit den Worten des Propheten: " ..Größer wird sein die Herrlichkeit dieses .zweiten Hauses, und an diesem Orte wird Frieden sein." Mit einem selbst verfaßten Spruch, den Julius K ob ler, der Senior des Kulturbundtheaters, in sichtlicher Ergriffenheit vor-, trug, und dem Gesang einiger Verse des 80. Psalms in der Vertonung von Salomo Rossi fand die Feier ihren Abschluß, an die sich noch eine Besichtigung des neuen Hauses anschloß. A. M.

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