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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1935-11-26 · 12 (26.11.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
11 (1935)
Issue
12 (26.11.1935)
Date
1935-11-26
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nummer 12 Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Seite 9 Die Herren A. Weißgerber und R. Goldschmied veranstalteten am 24;v.M. einen Sonatenabend, dessen Bestich deni abwechslungsreichen Programm und dem Hufe der Künstler leider nicht entsprach. Man hörte eine der unbekannten M oz a r t - Sonaten für Violine und Klüvier, die mit viel Laune und Geschmack vorgetragen wurde und dem Pianisten Goldschmied Gelegenheit' gab; seine kultivierte Ansehlagskunst zu zeigen,'und — der Höhepunkt de!? Abends — Bachs berühmte Chaconne. Weißge-rbcr spielte dieses vielstimmige Wunderwerk gar nicht akademisch, dem Hörer' kam das Variationsprinzip der Chaconne nicht so reiht zum Bewußtsein. Er faßte Ba<h vielmehr romantisch auf und trug ihn frei im Ausdruck vor: die technische Vollendung seines Spiels ermöglichte ihm. das Werk nach seinem, musikalischen Inhalt zu gestalten; er entlockte seiner Geige berauschende Klangwirkungen im schwierigsten Akkordspiel, vornehmlich, wenn er Doppelgriffe im Bogenaufstrich crescendo anschwellen ließ. In, der dritten Programmnummer bewies Goldschmied den lobenswerten Mut, seine Hörer mit Strawinskis Serenade in La (1925) bekanntzumadien. Diesels knapp gefaßte, in der Form sehr übersichtliche Werk ist auch melodisch gar nicht so ..schlimm", wie man befürchtete: in der Harmonik allerdings läßt es die ausgetretenen Bannen der Dur- und Moll-Tonalität weit, [hinter sich. C h o p i n s ßarcarole, glanzvoll gespielt, löste dann den herzlichen Beifall aus, den schon der Vortrag der Serenade verdient hätte. Den Beschluß des Abends bildete Beethovens Kreutzersonate. In eleu Ecksätzen schienen die Partner sich nicht immer einig zu sein über Temposchwankungen: dadurch wurden die aufpeitschende Kraft des Rhythmus und die hinreißende Kantilene teilweise beeinträchtigt. Die Variationen des Mittelteils wirkten geschlossen qurdi ausgeglichenes Zusammenspiel. * J. J. Am 5.d.M. führte Gerhard Chajim Gotthelf einen gemischten Kammer- und kinderchor in einem .Konzert mit anspruchsvoller geistlicher Musik vor. Rein und klangschön würden zuerst drei französische motettenartige Psalmcnliedcr von Claude Goudimel (um 1500) gesungen. Kostbarkeiten des polyphonen Stils. Die Darbietung dieser gedrungenen, herben, melodisch ungenehmen kleinen Sätze war ein Zeugnis für Gotthelfs Geschmack ebenso wie für sein unverkennbares Dirigiergeschick. — Carissimis lateinisches Chororatorium Jephta (um 1600) konnte erfolgreich gestaltet werden; Rezitativ des Historicus, Hymne, Düetf, Terzett und Chöre dieser. Perle aus der Frühzeit des Oratoriums, das mit starker sdiildernder Kraft den Vulgatatext vertieft, waren fein gegeneinander abgetönt. Der sechsstimmige Klagechor der Gespierinnen von Jejphtas Töchter, .der durch seine innere Größe das Oratorium zum geschlossenen Kunstwerk rundet, wurde mit Recht wiederholt. — Den Schluß bildete der 9. Psalm von Benedetto Marcello. Er ist dem Estro Poetico armonico entnommen (Venedig 1725). Dieses fünfzig Psalmen enthaltende Werk verwendet in einigen Stücken Themenintonationen der spanischen und deutschen Juden; allerdings werden 'diese meist elurdi die Kantaten} .form verdeckt. In seiner beweglichen, sinnvollen und farbigen Gestaltung wäre die Aufführung durch eine stärkere chorische Besetzung besonders der Frauenstimmen noch wirkungsvoller geworden: so trat die chorisdie Leistung leider etwas zurück, pic Solopartien sowohl in dem Oratorium Jephta als in 'dem O.Psalm waren besten Kräften anvertraut: Wally Henschel. Selma Hurwitz. Karla Müller. Lena Schönlank: Julius Dobriner, Salomon Fisdd, Bernhard Gelber. — Gotthelfs Versuch, alte. Vokalmusik zu beleben, ist aufs entschiedenste zu begrüßen. An diesem Abend verband sich damit eine anerkennenswerte musikpädagogische Leistung, denn der Kinderchor haue sich geschickt dem ihm fremdartigen Stil der älteren Musik angepaßt. Leider war das wertvolle Konzert nur sehr sich wach besucht. J.J. Am 12. d.M. spielte das verstärkte Orchester des Kulturbundes Rhein-Main unter der Lei ung von, Generalmusikdirektor II. YV. Steinberg. Der festliche "Abend erfüllte die Erwartungen: vereinigt dieses, Orchester doch in sich Künstler allerersten Ranges. Der/(Streich kör per ist ebenso gut besetzt wie die Bläsergruppe uhd das Schlagzeug; dabei ist eine dem Ganzen dienende; Cljereinstimmiin Dirigenten und Musikern erreicht zwischen - worden. Mit Recht teilte Wir rufen zur ehrenamtlichen Mitarbeit in der Jüdischen Winterhilfe auf. Wir bitten Damen und Herren, die sich .für Büroarbeit zur Verfügung stellen wollen, um ihre Meldung, und zwar bitten wir bei der Meldung tun Mitteilung ihrer besonderen Bürokenntnisse und des Arbeitsgebietes, in dem sie sich betätigen wollen.. Wir planen eine , ■ ' I Werbung für-die Winterhilfe nach Berufsgruppen und bitten auch hier um Meldung von Damen und Herren, welcheinner! all) ihrer Berufsgenossen die Werbung übernehmen wollen. 1 ' -'] * Da am 1. n. M. bereits eine neur- Monatsrate des Winter hilfsbcit-rags fällig wird, richten wir an alle. Novemberrate' noch nicht'gezahlt Ilaben, die herzliche Bitte, diese alsbald zu zahlen bzwl zu ('^ vermeiden, diesäumigen B Zahlung zu erinnern, zu ersparen welche die überweisen. Wir itragspflichtigen möchten an i h re fei'ge nüber um "allen Bi-te-iJigte-n unnütze Arbeit Wir erwarten von allen., daß sie im Gefühl ihrer Verantwortung r Gesamtheit gern und freudig ihre Pflicht tun. Jüdische Winterhilfe Hamburg daher Generalmusikdirektor Steinberg den begeisterten Beifall mit den Spielern, die unermüdlich seinen Winken folgten. Holzbläser und Streichinstrumente sind besonders gut aufeinander eingespielt: daß die Blechinstrumente zu Anfang nicht ganz rein klangen, mag infolge der überaus empfindlichen Akustik des Saales besonders aufgefallen sein, doch kommen kleine Horn« ntgleisungen gelegentlich auch in altgesihulten Orchestern vor. Zuerst hörte man Glucks Iplligenien-Ouvertüre in der Überarbeitung: und mit (lein Kör zertsehluß Wagners. Dermassige Klang des Orchesters, da? Sozusagen für die grolle Symphonie am Schlüsse des Programms bereitstand, rechtfertigte die sehr gedehnte Tetnponahme: nichts wurde über hastet:' in klassisch stolzer, hohei svoller Würde erklänget« die aufsteigenden Unisonogesänge: eindrucksvoll warderele-- gische Wechselgesang zwischen I lolzblüsern und Violinen, die Klage der Iphigenie; '[", Georg B.e r t r a m als Solist verzichtete auf Virttiosenleisfungcn. Er stellte sein hohes pianistisches Können ganz in den Dienst des Werkes, eines [selten gespielten Klavierkonzertes von Mozart (G-Dur i K. V.453). Der empfindsame Andantesatz mit dem sonderbaren Wechsel zwisdien Dur- und Midikadenzen bewies wieder einmal, wie töricht es ist, Mozart nur als den tändelnden, naiven, „leichten" Komponisten zu nehmen: er ist in der Tat unerreichter Sehilderer seelischer Stimmungsspannungen. Dieser Tatsache wurde Bertram vollauf gerecht, sein Spiel verschmolz harmonisch mit der Begleitung des Orchesters zu einem wohlabgestimmten Ganzen. Die Krönung des Abends bildete die Wiedergabe der 1. Symphonie Gustav M a h I e r s. Dieses gigantische Werk, das mit dem Typus der Bcetliovcnsehen Symphonien zwar noch die Vicrsiitzigke.it des äußeren Aufbaues gemein hat, zeigt innerlich schon alle Merkmale Mahlcrscher Symphonik, wie sie sich in seinen späteren Wifrkcn immer stärker manifestieren. Als Kennzeichen dafür sei in erster Linie die Verlegung des Schwerpunktes Vön ersten in den Finalsatz erwähnt. Bei allem großartigen, effektvollen Instrumentalaufgebot ist der melodische Gehalt des Gcsamtwerkcs so überreich, dennoch aber sex klar | gegliedert, daß einepoetische Idee unschwer hineinzudeuten ist. Die> Melodie steht bei Mahler unverkennbar unter .dem Einfluß des-Volksliedes; und zwar ist sieeinmal nach dem deutschen Volkslied, dann aber auch nach dem slawisch-östlichen (3. Satz) orientiert. Die Aufführung war ein würdiges Gedenken an den 7>. Geburtstag Mahlers. ' ' ': J-J-

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