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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1935-11-26 · 12 (26.11.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
11 (1935)
Issue
12 (26.11.1935)
Date
1935-11-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Deatsch-Israelitischen Gemeinde Nummer 12 Eins! sang er vom Siedler, der in der Gemeinschaft eine bessere Zukunft erkämpfen will, einst sang er in den Sonetten ..Die Schöpfung", deren kühne, von Artistik nicht immer freie Sprache an Rilke geschult ist, von den Wundern der Erde — nunuIht will er aufrütteln zu neuer jüdischer Lebensgcstaltung. Nicht versiegt ist der Strom der Geschlechter ... Der Lenz der Besinnung hat ihn Beißend gemacht. So stellt sich Sturmann in seinen neuen Gedichten „llerkanft und (lesinnung"*) bewußt in das Kampffeld des Tages. Sein Ziel: lebendige jüdische Gesinnung. Er fühlt seihst, wie das Nachwort zeigt,'das dieses Huch der jüdischen Jugend widmet, daß Gedankliches hier oft die Feder führte, daß letzte Gestaltwerdung des Erlebten fehlt — al>cr gerade so werden diese Gedichte bleiben als Zeichen willensstarker jüdischer Jugend. * * Cl>er den Gedichten von Eritz Romenthal (Ben ' C li-o r i n ) „Das Mal der Sendung"*) stehen Verse Stefan Georges als Motto. Per sänger aber sorgt in traaer-läuften Dali nicht das mark verfault. Der keim erstickt: Er schürt die heilige Glut, die überspringt End sich die leiber formt. Er holt aus hüchern Per ahnen die Verheißung, die nicht trügt. Hoher Verpflichtung ist sich der Diatfter bewußt, der uns Trost und Stärke geben möchte, wenn er uns Menschen jüdische Geschichte, jüdische Sage, jüdische Gegenwart darstellt? Wir wissen nicht, woher wir kommen. Wir wissen nicht, wohin wir gehn. Wir sind von einer großen Hand genommen. Wir sind die Frage: Du bist da-s Verstehen. Dieser Zerrissenheil des Ichs, ilie wir Heute alle verstehen, stellt der Dichter Symbole der Krall und Bewährung gegenüber — aus biblischer Zeit: Adam, Am Dornbusch, Abraham, Josef, Samuel, David. Ruth. Esther — aus der Gegenwarl: llerzl, Wassermann. Liebcrmann. Bialik, von dem er auch ein Gedicht --übertragen hat. * Die Tragik des Juden in Deutschland aber wird nirgends so .spürbar, als wenn er nach der Nachdichtung der mittelhochdeutschen Verse Süßkind von Triml>ergs in dem Gedicht „Muttersprache — mütterliche Sprache" anhebt:* r Meine Zunge, die dich sprechen will. Lebt wie meine Seele im Exil. ' ' Wenn ich lallend mich um dich bemühe Spür ich meiner Heimat Morgenfrühe. - » Wir alle fühlen uns heule verstoßen; viele sehnen sich nach dem Lande der Väter. Wo die Sprache der Erväter — uns zur heiligen Sprache geworden — zur Sprache unserer Kinder wird. Unserer Mütter Sprache aber war und bleibt Deutsch. Wer sich ^da fremd fühlt, sollte nicht (iedichte schreiben, sollte nicht George nennen, der auch im Sprachlichen zu Strenge mahnt, die mau bei Ben Choriu allzuoft vermißt. Neben sehr vielen unreinen Reimen stören vor :dlem die Versenden mit hebräischen Worlen —; aw horaebamim — König von Sedöm (im Reim auf Lohn!i — oder in Ruths Schlaflied: Schlafe mein Owcd. oder gar in den „Kreuzfahrern" der Huf der Geängstigten: owinüT du. malkcnu. du! I);it; solche Unsicherheit aber, auch im Weltanschaulichen besieht, zeigt der in dein Zusammenhang dieser (iedichte befremdliche Zyklus: ..Der Hahbi von Sazareth." Sie sind Max Brod ge- 'Widmet, der dem Dic hter diesen Weg zeigte. Aber sind wir nicht heilte, wo wir den Weg zu uns zurückfinden, hellhöriger denn je für das Trennende, Besondere. Andersartige, unserer Aufgabe? - Können wir zwei Jahrtausende rückgängig machen? (Ml rufen diese Gedichte zum Widerspruch, oft zur Ablehnung; j Vieles lilei|>l uns Erage wie die merkwürdigen Masken des Einschlags. Vielleicht sind diese (.iedichte zu früh erschienen. Sie fordern uns zur Stellungnahme — auch das ist notwendig — und so I renen wir uns. doch über diese Verse eines jungen Kämpfers. »I Erich Reiß Verlag, Berlin. *\ Verlag B. Heller, München. J Mein Lied ist anders, als eures. Das aus lichteren Eiiden gewebt: Mein Lied ist ein ungeheures Hingen um mein teures Volk, das am Abgrund lebt. * . . - I Dreiklamj „Worte von doli, von liebe, vom Tay" nennt Hilde Marx4) ihre Gedichte. Einfacher als der gewollt klingende Titel, in anspruchslosen Versen singt ein empfindsamer Mensch von der Suche des Einsamen zu Gott: Ten weiß nicht, wo Du bist. Ein"großes Keuchten nur zeigt zu Deinem Throne mir die Stufen. Ich kann allein nicht gehn und Tränen feuchten mir heiß die Wangen und ich muß Dich rufen. Die Liebeslieder scheinen uns zu nah dem Erlebten, zu stark noch im Erleben zu stehen („Wo die Lieder enden — fängt die Liebe an"). Aufhorchen lassen dann aber einzelne schlichte Verse (Verzeih, Erinnerung, Dank an eine Mutler). Den Beschluß bildet ein Sprechchor: „Chor der jüdischen- Frauen in Deutschland." Wer die Problematik des Sprechchors kennt, wird diesen Versen mit ihrem steigenden; inneren Rhythmus die Anerkennung nicht versagen. Aber würden diese Verse heule noch so klingen wie vor zwei Jahren — welche Spänne Zeit! * * * i „Worte am Wege"*) nennt sich ein lleftchen Gedichte, das der Bund deutsch-jüdischer Jugend aus dem Fahrtenliederbuch sammelte. Ohne die Verfasser zu nennen, die nurgemeinsam am Schluß aufgeführt werden, singt hier hündische Jugend aus dem Glauben an Deutschland in frohem Kraft Überschwang von Wind und Wellen, Sonne und Regen. Menschen Lust und Menschen Leid. Aber es sind Worte am Wege einer vergangenen Zeit. Wohin soll der Weg führen, wenn die Führer heute als Ausdruck „ihres wahrhaften Werdens und Seins" an das Ende dieser Sammlung einen deutschen „r'eueqspruch" setzen .' * Ehe der Einbruch der Zeit den Dichter zu neuem Lied erschloß, ist (ieorge A. G o 1 d s c Ii I a g gestorben. Seine (iedichte gibt nun der Vortrupp-Verlag Berlin heraus mit einem Geleilwort von Manfred Swarsensky, das mehr von Gedichten im allgemeinen als von diesem Menschen spricht. Einsam, voller Sehnsucht die Welt suchend und doch ganz umfangen vom Heute sieht Goldschlag die Wunderwerke der Menschen, die er in Balladen von der Untergrundbahn, vom Dampfer Europa, vom Verkehr, vom unbekannten Toten besingt. Vor den Wundern des Lebens steht die Unrast des heimatlos gewordenen Menschen dieser Zeit. Aus allem klingt die Sehnsucht nach einem FYieden, den der Mensch nur im Tode findet. Diese Unruhe spiegelt sich auch im Bilde Eulenspiegcls, den der Dichter mit dem Slalic „Narrheit" und seinem Hunde „Weh" durch die Welt ziehen läßt. Die rein lyrischen Gedichte lassen stärker des Dichters Vorbilder — [taten, C F. Meyer. Liliencron — anklingen, aber die schwermütige Sehnsucht jüdischer Menschen, das todesnahe Gefühl eines allen Volkes findet im Gottsuchen eigenen Klang. Stimme Gottes Einmal als ilie Nachtgeräusche schwiegen. Kam ein Brausen mir herabgestiegen — Wie GeMimm von unsichtbaren Chören, Dumpf nur mit dum innern Ohr zu hören. Aber durch das Punstgewölk der Stimmen Schien ein unbewegter Stern zu schwimmen — End ich wußte: Gottes Stimme rief«'' . I Aus den tiefsten Tiefen seiner Tiefe.' _y Fortsetzung Seite 4 4I Philo-Verlag, Berlin.

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