Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 5 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Nummer 5 Seite 2 --1-«- [ Herr Alfred Levy der Ehrenvorsitzende des l'orstundes der Gemeinde, vollendet am 2.5. d. M. sein HU. Lebensjahr. Ein kurzes Begrüßungsitorl haben uir ihm bereits in der letzten Summer der amtlichen Mitteilungen der Gemeinde gewidmet. Indem u ir uul dieses verweisen, n iederholen uir den Ausdruck des Dankes und der \ erehrung. welche die gesamte Gemeinde dem Jubilar entgegenbringt, und versichern ihn für seinen ferneren Lebensabend der dauernden Ergebenheit der Gemeindebehörden, denen seine Hingebung und seine Pflichttreue immerdar ein leuchtendes l orbild bleiben wird« Dr. Herman Böhm , Vertrauensarzt der Gemeinde: ■ Zur Kinderverschickung Es wird für die Le-er dieses Blattes von Interesse sein, im Anschluß an den-Aufruf des Jugendamtes der Gemeinde uul des Vereins /.iir Gesundheitspflege schwacher israeliti- -dier Kinder einmal Nähere» über die Kinderverschickung zu hören, die einen Zweig der sozialen Arbeit des Jugendamtes der Gemeinde'bildet. \ Die Anfänge einer solchen Fürsorge für die Heimisdie jüdische Jugend füliren zurück auf das scheine See-Ferienheim deoben genannten Vereins in Duhnen, das leider dem Weltkriege /um Opfer fiel, und das Heim des Israeliti-chen Hirmainitirtn Frauenvereins im Solbad Segeberg, das von jeher wahrend der Ferienmonate seine Räume nun mit schulpflichtigen Kindern füllt, vor- und nachher wahrend des I Sommer« .Kleinkinder und Erwachsene zu kjir- und Erholungszwecken aufnimmt. Später trat hinzu da- Kinder-! erholungsheim Wilhelminenhöhe bei Blankenese als am I hohen, bewaldeten Elbufer gelegene Erholungsstätte. Leider hat Wilhelminenhöhe schon in den letzten Jahren allmählich -einen Betrieb als Kinder- und Ferienheim immer mehr ein- -e-ihränkt. um ihn in diesem Jahre ganz fallen zu la«sen. weil esich anderen Zwecken dienstbar gemacht hat. l iir eigentliche Kuren stand also von Hamburger Institutionen gehörigen Heimen in den letzten 15 Jahren nur das Segeberap-r Heim zur Verfügung. So wurde das Bedürfnis dringend fühlbar, von zentraler Stelle aus die Kinderheime in den verschiedensten Kurorten Deutschlands, die aus privater Initiative in Einzelfällen schon immer von hier au,s aufgesucht wurden,- I>ecpiem und preiswert bzw. kostenlos anserer Hamburger Jugend zugänglich zu mache*.. AU wir. die mit der Organisation des Verschickungsdieitstes Beauftragten, die-e Aufgabe in Angriff nahmen. Helfen wir uns hauptsächlich von zwei Gesichtspunkten leiten: Wir Sollten einmal möglichst allen ärztlichen Indikationen gerecht weiden und darum alle in namhaften Kurorten hauptsächlich des westlichen Deutschlands gelegenen rituell geführten Heime beschicken können, so die in Dürrheim. Nauheim. Kissingen,'Kreuznach, Norderney, Wyk und in dem an der Pommer«chen O-t-eekü-te gelegenen. Kolberg, kfi möchte gleich hier hinzufügen, clafi Wir wiederholt den V|ange| eine- Kinderheimin einem heilkräftigen Stahlbad und in einem Kurort für Erkrankungen der Harnorgane -dimerzlich empfanden. Private Unterbringung kranker Kinder an solchen Orten war stets mit erheblichen Schwierigkeiten und großen Kosten verknüpft.) Wir wollten zum zweiten unsern Großstädtkindern einen Heilfäktaf /ugtite kommen lassen, dessen AVert in zahlreichen Veröffentlichungen der letzten Jahre von Kinderärzten und Sßzialnvgienikern immer -tärker betont worden ist: neben dem We(h-el der häuslichen Eingebung den Wechsel der Landschaft und des Klima-. Der fri-die Wind und die sjä'rkere Be-Onnjing der Höhe, die Würze der Wälder, der Salzgehall der Seeluft sollten helfen,.unsern im Häusermeer der Stadt aufgewachsenen Schützlingen, die durch die Anstrengungen der Schule, durch Krankheit, durch Enteret iKihninggebleichten Wangen zu röten, die erschlafften Nerven zu -lraffen, jeder Eebensbetätigung neuen Antrieb zu verleihen. So traten zu den genannten in Badeorten nodi ■die in Hof heim und in Seesen gelegenen, lediglich der Erfindung dienenden Anstalten hinzu. — Daß wir Ixu der Eltiswähl der Heime und — es sei gleidi hier bemerkt: audi der in diese zu entsendenden Kinder — ein sdiarfes Augenmerk auf ihre erzieherische Eeitung haben, versteht «ich am Bande. Da, wo: diese sich als nicht .den berechtigten Ansprüchen genügend erweist, ziehen wir, uns unserer Verantwortung bewußt, die nötigen Folgerungen. Der Schwierigkeiten, diesen im Hinblick auf unsere l>e- -chränkten Finanzen etwas großzügigen Plan in die Tal umzusetzen, waren wir uns wohl l>ewußt. Es wurde uns klar, dal! es nur unter zwei Bedingungen möglich sei. Die 'eine war die Anerkennung unserer Vertrauensarzt] ichen Zeugnisse und Gutachten ,,als die eines quasi amtlichen Vertrauensarztes durch die BeithsversicherangSBn9ta.lt, Krankenkassen und -Versicherungen, die Anerkennung unserer Versendestelle als einer amtlichen durch die Reichsbahn und alle die Behörden und gleichen Zwecke» dienenden öffentlichen Einrichtungen, auf deren Hilfe wir angewiesen waren. Wir hatten das Glück, ohne besondere Auslände dieses Ziel eines fast reibungslosen Zusammenarbeiteins zu erreichen, und wir wünschen und hoffen, daß sich auch in Zukunft hierin nichts änik-rn werde. Als zweite Bedingung erschien uns unerläßlich die Eähigkeit. den Heimen gegenüber als gute Kunden auftreten zu können. Wir mußten, an im Bilde zu bleiben, viel ron ihnen kaufen, id. h. möglichst zahlreiche Kinder, entsenden: wir mußten nicht nur die gangbarste Ware bestellen, d. h. nidit nur in Ferien, sondern auch in den Frühlings, und Herhstmmiatcii die Heime füllen helfen: wir mußten im v oraus Plätze für die einzelnen Kurperioden belegen, .damit 'die Verwaltungen auch im voraus disponieren konnten: wir mußten endlich prompte Zahler sein. Nur so konnte es uns gelingen und gelang es uns zu erreichen, daß die Heiuilcituugen uns besondere Vergünstigungen zuteil werden ließen, uns bei gelegentlichen verspäteten Meldungen bevorzugten, uns Preisabschläge gewährten, besonders für die Kinder gänzlich mittelloser Eltern. Diese unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den VeW w altungsstellen kommen selbstverständlich nur wiederum un-ern Schutzbefohlenen zugute. Wir können um in jedem Einzelfall die vom ärztlichen Standpunkt aus vorteilhafteste Jahreszeit für die Verschickung*-aussuchen; wir können K'"- der, deren Gesundheit sich im Massenbetrieb voraussichtlich nicht hel>en würde, und die besonderer pflegerischer und erzieherischer Beaufsichtigung bedürfen, in kleineren Heimen unterbringen oder in größeren während der stillen Monate: wir finden für Kinder, welche den Schulbesuch nicht unterbrechen sollen, stets auch im Hochsommer Enterkunft. wenn die Heime voll besetzt sind. Der Geschäftsgang bei unserer Versihickungsstelle ist nun folgender: Anmeldungen nimmt die Jugendfürsorgerin der Gemeinde Sdiwester Thekla Picard in ihrer Sprechstunde entgegen. Sie missen begleitet sein von einem hau-ärztlidieu Attest, welches die Notwendigkeit der Verschickung begründet. Hierzu kommen die Schul meld u ngen, d. Ii. derjenigen Kinder, die von den Aerzten der Mädchenschule der Gemeinde Und der Talmud Tora-Schule unter informatorischer Mitwirkung der Lehrkräfte ausgesondert worden sind, und in geringer Zahl so jeher, deren Auswahl durch die Schulärzte an Staatssdiulen erfolgt ist oder die unter Obhut der allgemeinen Eungeiifürsorge stehen. Sämtliche angemeldeten Kinder* werden in kleinen Gruppen, vom Vertrauensarzt untersucht, wobei ihm die eingereichten Atteste und die Akten vorliegen, die für jedes einmal durch die Verschickungsstelle gegangene Kind fortlaufend geführt werden. Er erteilt jedem Kind eine Note, welche den gesundheitlichen Bedürftigkeitsgrad bezeichnet, wobei 1 sehr notwendig. 2 notwendig, 3 wünschenswert, 4 unnötig bedeutet. Die W ahl des Heims und die Bestimmungen der Aufenthaltsdauer erfolgt selbstverständlich ebenfalls nach ärztlichen Ge- -icht-punkten unter gleichzeitiger Ausnützang der Kenntnis von Ortlichkeiten und Persönlichkeiten, welche in der Hauptsache durch die Jugend-chwester bei den fast alljährlich erfahrenden Besuchen der einzelnen Anstalten gewonnen wird. Nicht immer stimmen die Ansichtendes Ve rtrauensarztes mit denen der Hausärzte überein, und oft lassen sich ihre Vorschläge oder die Wünsche der Eltern aus rein technischen Gründen nicht voll berücksichtigen. Noch stets aber hat in solchen fällen direkter Meinungsaustausch zwischen den ärztlichen Instanzen zu einer Einigung geführt, während unbelehrbaren Elfern gegenüber manchmal die bessere Sachkenntnis energisch behauptet werden mußte. Die Transporte i