Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Gemeind eblatt der Dentscb-Israel Mischen Gemeinde Nil mm er 5 r r-pro-m -oix inx •o x^ 'n Fürchte <hdi nicht, denn mit dir Hin Ich, und Ich segne dich. I. Buch Mosh 26.24 Rede ■Thalien liilfi' .hu ( )l) Ii ull \\ crelen meisten Ii-Iii Ii ir pl-rti je« Höf 2*1 «irk i Ii p-A be Ii (I der Jüdischen Küns.rler- Prof. Wa I t1 r A. Benn .1 s o Ii n. hifiische Professoren an -deutschen Hoehsthnleh ■iti {.ess M. \iiii könnet, ist sehr -fraglich geworden. Dir ns Ausland froh}1!« müssen, imi dort /u Iber bis /um let/ti'ii Tape werde ich rden und zu lehren. Ir Gelegenheit ergreifen, um, Zciipnis ah/iilepen für ini-ini- 1 i«• 1 >«■ zur deutsdieu Heimat und zur deutsdieu Kultur. It-h dentic dabei an jene peistige Welt, von der Gotthold Kpliraiin Leasings Werk (. ine der unvergänglichen Verkörperungen darstellt: es jrehört als.mächtiger Bestandteil /um Ii,in dciitsche'r lliinntnilät. der in der /weiten Hälfte des 1K Jahrhunderts eine wundervolle Blütezeit deutscher Dichtung und Jfbilosophic barg, der einer damals' werdenden t|eittschca Nation den kulturellen Untergrund und Rahmen schuf und der ihr /upleich geistige Weltgeltung bei allen KiilturMilkiji n .einbrachte. Die Kant-. Lessingnn<l Coethefeiern di>s^letzten Jahrzehnts |*»24. I9\> .haben imaier wieder die Bereitschaft aller Aölkcr bewiesen, diesen Sduipfe-rn clcutsdkty Kultur ihre 11 n LI ig n ng darzubringen. Wir Heutsdien Juden aber haben besonderen Anlal!. dieser Zeit dcutsdicr Humanität liebevoll zu gedenken, Ist in Durchführung ihrer Ideen über Mcnschenredit und McnsdienwSnie doch die Befreiung der Juden aus dem Ghetto, aus allen rechtlichen Fesseiii ans-der. .Stellung verachteter Fremder geschehen. Der politisch-bürgerlichen Gleichstellung pilig aber eine" gepensjpitige geistige Annähe \.or uns lebendip wird Freundschaft /wischen ti p und Moses M e n - uadidom er 174' tincb fein talmudisdie r'riieraup voraus, die nirpends greifbarer als in der jahrzehntelangen innipen den pleiUiftltrigen Männern I.cssi il e I s s o Ii ii. Der iiidiMhe Philosoph strebte. Berlin übcrfpesieelelt war. über die bunp und Schulunp seiner Jupend hinaus mit allen Kräften seines Geistes nach deutscher und europäischer Bildunp. [Es pelanp ihm kraft des edlen Glcidlpew idits seiner Seide, einen tiefen sittlichen Finflufi in eleu peisiipen Strömunpen Deutschlands auszuüben. Die Berliner Akademie verlieh ihm l7f>> in einem Wettbewerb für eine seiner Sdtriften den ersten Pnivor Kant, ja sdtltig ihn 1771 zu ihrem Mltplied \or. was der prolle Preulii qkönip Friedridi II. ablehnte, i Durdi r sein Werk über (||e Unsterblichkeit der Seele :vuann er europäisdien Ruhm: man nannte ihn den ileutscheil $okrates. Durdi seine deutsche literarische Tätigkeit, die u. 0. auch Uelx-rsetzunpen| der Psalmen und (1er fünf Buditiir i Mosis umfaßte, trup |-r viel da/u bei. da* Juden tuiti peistip der deutschen Kulltur einzufügen. Alich tat er mit seinen jüdischen und dijfisilidicn Freunden zusammen alle*, mii den Juden die Millen Menschen rechte] zu erkämpfen. I.essinp war e~. der (Iii] erste Schrift des kaufmännischen. Budihalters Mcndelssol n anrepte. ohne «»in Wissen zum Drink befÜTilerte. ihn I so auf die literarisdie Laufbahn -leitete und sie in der |ossj sehen /<:ituiip mit freudigem f'.tjb anzeigte. Lessing war von früh auf geneigt, den Juden als Menschen mt-iischlijh /u begegnen and ihre fremde Kipentümlidikeit als schicksalshaft gewordene Sondcrafl /n verstehen wie wir durch die Aufführung seines Jugenelw erke-s: Die Juden heule sehen werdend er fand M inen Glauben au das Judeiitlim in dem peistip Torrtehmen und. sittlich reifen ("haraktirr Mendidssohns plütklidi lii-^lätipt und erfüllt. So träptj;ein Nathan der Weise manchj- /üpe des jüdisdien Freuml Dal! .er in seiaem Drama der Humanität nidit den Miijelmami mler den Christen zum eigentlichen Träper seiltet Relipion der Mensdilühkeit pemadit hat. wäre ohne die bedeutende Stelltinp Memlidssrthn* im deulsdien und eul opäisdien Geisteslehen der Zeit iliklenkbar pewesen. Die ul dihaltipe Wirknmp beider. Mendelssohn* und Lessinps. aufjklie c'iffentlidie Meiminp in Deutschland hat die sogenannte tjfmanzipation der Juden im Anfanp.des 19.- Jahrhunderts, welentlich pefördert. Audi die jüdisuh»' fS'issensdiafl. die Wissenschaft vom Judentum, hat von <Wr innipen Beriihrunp mit der deiitsdien Wjssensei sdiaftlidien' Weil, .dieser Zeit reichen Gewinn pehabt: Deutschland ist ihr Zentrum peworden. Es liept in den Stürmen der Gegenwart nahe, bei der Belipiosität Nathans einen Augenblick zu verweilen. Wir werden nachher die Erzählung von den drei Ringen hören. Ihr Sinn isi ja. dal* Religion sich als edit erweisen könne und müsse-, durdi ethische Wirkung auf ihre Träper, clnrdi deren Taten in der Wirklichkeit! Im -Werk findet sich aber nicht nur diese Lehre', sondern: auch die zugehörige Tat Nathans. In der 7. Szene des 4. Aktes erzählt Nathan dein Klosterbruder aus der sdiwoistvn Stunde seines Indiens. Die Christen haben zu Gath alle'Juden erschlagen, darunter sein Weib und seine sieben Söhne-. Dre-i Tage hat er mit Göll pehaelert. pc-wehklapt und pewülei und den ( hriste-n ewigen! Ilal! geschworen. D-mn abej hat er das Gleichgewicht seiner Seelezurückpe-wonneti. sich in das Sdiicksal. in Gottes Willen pefüpt: und als man ihm in diesem Augenblick ein ( hriste-nkinel zuträgt, nimmt er es dankbar auf und wird ihm ein gütiger, väterlicher Frzie-her. Relipion per Menschlichkeit im Sinne I.essinps ist ein Stück Selbstüberwindung, ist ein Sidihinausheben über das Getriebe von Gc-wohnheiten. I.eidensdiafti-ii und Nöten des Alltags, hinauf in eine peislip-sitt^che Wc-lt'. ist. psy'diolo^isdi betrachtet, eiti trolz aller Erschütterungen immer erneutes Strelieu nach jenem (deidipew idit der Se-c-le. aus dem heran* sinn\etiles, zielbewuRti-s. sittliches Handeln .null in stürmisch bewegter Zeil möglich ist. Ich habe mir in den.letzten Monaten oft die Frage vorpc-lept, was eigentlich den Juden M iliiiltiiisinäfiip so viele Verinmenssteliungen als Ridtte-r. Anwälte. Aörztc, Hochschullehrer. Kaufleiiti-. \ i'-einsvorsilzenihusw. inmitten , nicht jüdischer Kreisegewonnen hat. leb plaulie. dal! es sich hierum ein uraltes Frltput jüdischen Geistes handelt. Rechnet man nur bis zur Zeit der großen Piophe-ten. so is( diejüdische geistige Kultur mehr als zweieinhalb Jahrtausende alt. In ihrem Mittelpunkt bat slets die eindringliche Be- 'Schäftigung mit relipiöseii. ethischen und jthilosobhisch.eii Fragen gestanden. Viele Jahrhunderte la-np ist dic-se peistipe Welt in der Not und der Armut des Ghettos die pröllte. ja oft die einzige Freudeder biesten und innjerltchsten Juden pewesen. Erhüben Siemir. dal? ich dafür ein schöne- Zeupnis aus den Jüdischen Geschichten von J. L. Pete-/ (InsetbUchcrei Nr. 204) anführe. Fr handelt sich um einen be ttelarmen Lehrer einer o*tjüdischen Gemeinde: ..Wenn ich manchmal selbst mit grqftCT l're-uehstnclierc. können e-s meine Schüler ans den reichen Häusern nicht begreifen; Sie frape-n midi, ob ich auch noch lernen milB? I nd wer mein Reblteist? Die? Dummköpfe! Sicwissen nicht, dal! die Welt ein guter Rebbe ist. und die Sorpv tnn- Brot — ein par vortrefflicher Reblte! Leiden und il'nplück sind Bote Melameds ... Die Mücke-, die ewig das Gehirn sticht mir der Frage: Und was werden wir rissen?, ist ein par feciriper Rebbe! l ud dann sind auch meine Schüler selbst mitsamt ihren Vätern - meinen Brotgebern — sehr feine Lehrer, ausgezeichnete Lehrer! Alles treibt /um Lernen. Aber wie die I hora. so auch Lhr Lohn. Schlage ich 'den Talmud auf. so werde ich ein andrer Mensch. Ich fühle, dal! sich mir ".der Himmel nuftul! Dal! der Herr ele-r Well mir in seiner grollen Gnade Flügel, proüe-'iind breite Flüge] verliehen hat! Und ich flic-pe auf dir-sen Flüpeln empor — ich bin ein Adler, und ich flic-pe in wvite- Fernen fort: nicht übers Meer'fliege ich. sondern aus der AVeit ganz hinaus! Aus der Well Sedier Lüge, Ycr- V'Hunp und bösen Leiden ... l ud ich schwinge mich in eine ganz andere Well hinauf, in eine neue Welt, in eine Weltj wo es nur Gutes gibt. In eine A\elt. wo weder dickbäuchige. Hnusbesit/cr noch unwissende Vtrrnehmc Herren etwas gelten; wo es v\e-ele-r Geld noch Kanrungssorgen iribt. weder schwere Kimlesnöie. noch hiinperndc Kinder, noch schreiend«; Weiber! Unlfl dort bin ich. ichele»r arme, kranke, iinlerdriickte. biiagernde Melamcd, ich ärmster Bettle r, de-r ich hier stumm wie ein Fisch bin und'.von allen wie ein Wurm getreten werde - dort bin ich der Mensch, der Vornehme, dessen Meinung gilt! Und ich bin frei. .....1 mein Wille ist frei, und ich halu- /ii befehlen! Welten baue ich auf und Welten zertrümmereich und bau mir neue au ihrer Stelle! Neue, schönere und bessere Welte.nl Und ich lebe in diesen Wedtc-n und scb'wene in ihnen herum! im wirklichen Paradiese! Ich bin im Paradiese.