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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1930-06-10 · 6 (10.6.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
6 (1930)
Issue
6 (10.6.1930)
Date
1930-06-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Nummer 6 K. Jahrgang der Deutsch -Israelitischen Gemeinde zu Hamburg Das Gemeindeblatt erscheint am 10. eines jeden Monats und wird allen Mitgliedern der DeutschIsraelitischen Gemeinde zu Hamburg kostenlos zugestellt. Hamburg, 10. Juni 1930. - Druck, Perlag und Geschäftsstelle: M. Lehmann,'ABC-Hos, ABC-Straße 57. Fernkvr.: Sammelnummer C 4 Dammtor 0/37. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Syndikus Dr. )L MMathan. für den Inseratenteil: L.Knudsen, beide in Hamburg Anzeigenpreis 50^ p. 6gcsp. Ronp.-Zcile. Spende für die nittellosen Kurbedürftigen vorDesner eigenen Reise. Trage bei zur Erholung und Wiedergesundung Deiner Brüder und Schwestern. Hilf ihnen ihre Arbeitskraft wiederzugewinnen , und neuen Mut zu fassen. zentrale für Kur- und krhalungsbedllrstige. Zahlungen an Äeutsch > Israelitische Gemeinde, Postscheckkonto: Hamburg 499: Bankkonto: Dresdner Bank. Tep.-Kasse Harvestehude. Einiges Bon Di. Diese Zeile» sind auch heute der. besonderen 4 fürs Stammbuch. M. Eichhol;. M. d. B. * vor mehr als Jahresfrist geschrieben, - leider — mehr al? aktuell und daher ufmerksamkeit aller Leser sicher. Die jüdische Bevölkerung Hamburgs hat Anfang vorigen Jahres mehrfach das für sie ungewohnte Schicksal gehabt, unmittelbar der Mittelpunkt politischer Erörterungen zu sein, zuerst in der Aufrollung des Schächtverbotes, später bei stets* wiederholten nationalsozialistischen Angriffen. Da dürfte es nicht überflüssig sein, auf einige Erscheinungen hinzuweisen, deren Tragweite nicht unterschätzt werden darf. > In der Hamburger Bürgerschaft bilden die Nationalsozialisten nur eisten Parteisplitter. Nach Abgabe starker „völkischer Kräfte" an!>ie Deutschnationalen zählen sie nur drei Abgeordnete. Sie haben nicht die Möglichkeit, allein oder durch Zusammenschluh mit ar deren kleineren Gruppen Fraktionsstärke (10 Abgeordnete) und damit das'Recht zu erlangen, selbständige Anträge (sog. Inftiativanträge) zu stellen, in den bürgerschaftlichen Ausschüssen inertrelen zu sein und bei grundlegenden Erörterungen als Fraktion das Wort zu verlangen. Zeitnot und das Erfordernis fruchtbarer Arbeit innerhalb bestimmter Zeit zwingen aber die Bürgerschaft, die Debatten durch die Annahme von Schlutzanträgen auf ein erträgliches Matz zu beschränken. Durch solche Schlubanträge wurden die Nationalsozialisten, wie alle übrigen Parteisplitter, oft betroffen. Ihnen gegenüber kam in gröberem Matze als bei anderen Splitterparteien die Ueberzeugung hinzu, dah sie zu einer fruchtbaren Debatte nichts beizutragen hatten. Hierfür bürgten die bisher gehaltenen Reden, Volksversammlungsreden niedrigsten Eharakters. voll Beschimpfungen Andersdenkender, vorgetragen von.Personen, deren körperliches Gebühren schon eine Kränkung jeder Volksvertretung bedeutete. Wenn in diesem Falle die Bürgerschaft einen solchen Vertreter nicht anhören wollte, sä geschah dies zur Wahrung ihres eigenen Ansehens. Nun haben wir in Hamburg eine grotze Tageszeitung. die oft betont und^ bewiesen hat, dah ihr die Anschauungen „ dts jüdischen Teiles ihrer Leserschaft nicht gleichgültig sind. Um so mehr > mutzte es Erstaunen erregen, dab diese Zeitung mehrfach in> ihren Bürgerschaftsberichten mihfällig bemerkte, man hättt bei dieser öder jener Gelegenheit den Nationalsozialisten reden iassen müssen. W i r treffen hier auf jenes Gefühl mitzratener Gerechtigkeit. bei dem die! deutschsn Juden stets den kürzeren ziehen werden. Roch mehr Gift ins Volk verspritzt, t- und kein Gegenmittel wird es restlos wieder besei.igen können. Noch mehr persönliche Beschimpfung und Anrempelung verbreitet —■ und der letzte deutsche Juhe wird der Oesfentlichkeit den Rücken kehren, die ihn so wenig zu schützen weitz. Wie es wohl ln einem Parlamente aussehen würde, in dem die Völkischen Hie Mehrheit hätten? Glaubt wirklich jemand.' datz dort ewaige jüdische Abgeordnete trotz ihrer ganz anderen Wesensart Redefreiheit geniehen würden? Die heutigen völkischen Versammlungen geben einen Vorgeschmack. Alle guten Demotraten sind sich darin einig: Redefreiheit bedeutet nicht Schimpffreihcit. Ein anderer Kriegsschauplatz. In Schleswig- Holstein entstehen Bauernunruhen. Seit Monaten haben die Nationalsozialisten unter dem Landvolk gewühlt. Triumphierend berichttten sie, dah sie in ihren zahlreichen Versammlungen zwischen Ostunh Nordsee - ungeahnte Erfolge gehabt hätten. Steuerdruck und Wirtschaftsnot, unter denen auch andere Bevölkerungskreisx ebenso wie die Bauern zu leiden haben, geben den äutzeien Rahmen her. Erst schimpft man auf die Regierung/ auf die — Juden, dann geht man zu Taten über. Gleichzeitig machen die Antipoden, die Kommunisten, mobil. Wächst doch deren Weizen überall, wo Not und Glend, wo pstitischer oder wirtschaftlicher Druck herrschen.; Es kommt zr offenem Kampfe mit Toten und Verwundeten. Da verbietet der Oberpräsident von Schleswig-Holstein vorbeugend alle öffentlichen Versammlungen und Umzüge bis zurs Wiederkehr einer ruhigeren Auffassung der Lage. Zweifellos eine vernünftige Matznahme. Dieselbe hamburgische Tageszeitung billigt das Verbot bezüglich der Kommunisten, glaubt aber, datz die. Gleichstellung der Nationalsozialisten mit de» Kommunisten unbillig hart wäre. Hier treffen wir wiederum die Verkennung der gegenwärtigen Lage. Glaubt man die Kommunisten als gesellschafts- und eigentumsfeindlich bekämpfen zu müssen, so muh dies in doppeltem Matze für die Nationalsozialisten gelten. Denn diese haben ja ein rein kommunistisches Wirtschaftsprogramm, nur datz dort überall statt Kapitalist „Jude" gesagt ist, un» stellen sich durch die Personen und!die Kampfesart ihrer Führer auherhalb jeder gesitteten Gesellschaft. Wann wird die Zeit kommen, in der die dem deutschen Juden gerecht gegenüberstehenden christlichenKreise einsehcn werden, datz der völkische Wahn nicht mit; mildem Verstehenwollen' und sanftem Anrühren, vielmehr nur durch tatkräftiges Zugreifen zu heilen ist? Auf besondere Beachtung darf die Aufrollung der Schächtfrage in der Bürgerschaft Anspruch erheben. Da der Genutz geschächteten Fleisches für einen erheblichen Teil der Judenheit auf die Dauer Glaubens- und Gewissenssache ist. darf dieser. Teil der' ujiieingeschränkten Unterstützung aller derer sicher sein, die nicht wollen, datz irgend einem Menschen seine religiös« Ueberzeugung irgendwie verkürzt wird. Aber wie schwer wird es den Freunden des Schächtverfahrcns gemacht, für dieses zu werben. Auf der Gegenseite steht der völkische Block, gcschlqssen durch den Judenhatz, nur Iteilweise aus! Mitgefühl mit dem angeblich leidenden Tier.! Hinzu treten ein grober Tei^l der Tierschutz-

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