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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1930-03-14 · 3 (14.3.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
6 (1930)
Issue
3 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 ©emeinbeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeind^. Nummer A nicht a»ch in Hamburg möglich sein, hier, wo die Verfassung der Gemeinde so ganz besondere Rücksicht auf die Anschauungen der Konservativen nimmt. Nun sagt Herr Schloß, der Eemeindefriede werde erschüttert. Mit diesem Argument kann man alles verhindern; die Geschichte hat erfreulicherweise gezeigt, daß solche Befürchtungen grundlos find. Auch dieses Mal wird es so sein. Eher wird der Friede erschüttert, wenn das Frauenwahlrecht abgelehnt würde. Ein Sturm der Entrüstung würde bei den Frauen und, füge ich zu, bei den Männern der Gemeinde entstehen. Es ist endlich falsch zu sagest, das passive Frauenwahlrecht sei unnötig. Es ist nötig vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus und aus Grund der Leistung der jüdischen Frau. Dieser ethische Gesichtspunkt verlangt, daß wir Männer den Frauen ihr Recht gewähren, und ich hoffe, daß beide Gemeinde-Körperschaften dem Anträge zum zweiten Male zustimmen. Michaelis: Die Eingabe und mit ihr Herr Schloß reden von einem Kuhhandel. Da in der betr. Stelle der Eingabe nur von Vereinbarungen, an denen ich beteiligt bin, die Rede sein kann, so möchte ich wißen, was ich bei -diesem Kuhhandel eingetauscht haben sollte. — Schindler: Die Eingabe sagt selbst, dar passive Frauenwahlrecht sei bei der chsiten Beratung nur infolge des Fehlens zweier liberaler Herren abgelehnt worden. Bei dieser klaren Sachlage ist es unverständlich, wie sie später von Vergewaltigung reden kann. — Offenburg: Nachdem der liberale Standpunkt hier heute nochmals zum Ausdruck gebracht worden' ist, muß auch der orthodoxe Standpunkt nochmals dargelegt werden. Das eine ist doch sicher: was Herr Schloß hier mit den Worten des Herrn Ladrian ausgesprochen hat, ist ein Beweis der tiefgehenden Erregung eines Teiles der Orthodoxie. Die konservativens Mitglieder der Gemeinde sind ausgescheucht worden, zumal der vorliegende Antrag nur eint „Abschlags-' Zahlung" bedeuten soll. Wenn nun gar das passive Frauenwahlrecht auch für den Vorstand im nächsten Kollegium verlangt werden sollte, wird der konservative Teil her Gemeinde i nur noch mehr veitletzt. Wäre es bei dem ablehnenden Beschluß der Sitzung vom (j. Januar geblieben, dann hättest die Wähler zu entscheiden gehstbt, wie es sonst, bei wichtigen Entscheidungen per Fall ist, und das hätten die Wähler auch verlangen können. Die heutige Entscheidung wird der Ausgangspunkt einer weitgehenden Verstimmung sein, und gerade darum hätte man sich auf eine Befragung der Wähler einigen sollen, zumal die Liberalen das ohne Gefahr, hätten tun können. Ich möchte nun jedenfalls von den Herren, die sich zur Wiederwahl stellen -rvon den neuen ist es ja nicht möglich — die Zusicherung erbitten, daß sie in den nächsten 5 Jahren, bis abermals Neuwahlen zum Kollegium stattfinden müsien, keinen, Antrag unterstützen werden,' der den Frauen das Recht geben würde, in den Vorstand der Gemeinde hineingewählt zu werden. Mit einer solchen Zusicherung könnten wir den konservativen Wählern ein wenig Beruhigung bringen. Jedenfalls appelliere ich schon jetzt an den Vorstand selbst, in w^Sietn bei der Beratung des vorliegenden Antrages, wie ich vermute, nicht die hier herrschende Hurra-Stimmung obgewaltet hat. — Tr. Spitzer: Wenn Herr Schloß die Eingabe des Herrn Bndrian verlas, hat er damit nicht jedes ihrer Worte sich zu eigen, sondern nur die Stimmung kenntlich machen wollen, die in unseren Kreisen herrscht. Herr Badrian gehört i zu der Richtung der Herren Dr. Lanzkron und Ofsenburg, die treu zu der Gemeinde stehen. Bei einem Herrn von seiner Zurückgezogenheit und Bescheidenheit sollte man nicht jedes Wort auf die Waagschale legen. Er hat sich an das Kollegium gewandt, um einen Beschluß abzuwenden, den er für unrecht hält. Ich stimme Herrn Offenburg Wort für Wort zu: „Bestürzung und Resignation herrscht in den mir nahestehenden Kreisen, das sollten die liberalen Herren doch bedenken." Heber den Eemeindefrieden kann ich nichts sagen, aber die Gemeindefreudigkeit wird durch die daucxnde Provokation des Religionsgesetzes, die jetzt in der Verfassung oerankett werden soll, aufs tiefste erschüttert. Und dafür ist der Badriansche Brief ein Beweis. . Ich richte an die Liberalen den Appell, dem Religionsgesetz zu entsprechen, mag die Vorlage ihnen auch noch so opportun erscheinen. — Schindler: Wir würden den Wählern einen schlechten Dienst erweisen, wenn wir ihnen die Entscheidung überließen. Herr» Ofsenburg frage ich, oh er und seine Freunde, sofern er von uns die gewünschte Erklärung erhält, geschlossen oder in der Mehrheit für das passive Wahlrecht der Frauen zum Repräsentanten-Kollegium stimmen werden. Wenn das nicht der Fall ist, entfällt für mich der Grund zu einer solchen Erklärung. — Schloß: Durch Verlesung der Badrianschen Eingabe habe ich niemanden beleidigen wollen. Wer wie! - ich weiß, wie er an der Gemeinde hängt und mit ihr verwurzelt ist, wird verstehen, daß ich ihn ,zu I Worte kommen laßen wollte. — Lisser: Ich werde in der Eingabe des Herrn Badrian angegriffen, weil ich anläßlich des Wettkongresies der jüdischen Frauen mich selbständig für die Einführung des Frauenwahlrechtes eingesetzt habe. Das habe ich getan, weil ich niemanden binden wollte, aber der Meinung war, den Stein ins Rollen bringen zu müsien. Die Orthodoxen haben kein Recht, sich zu beklagen. Monatelang ist diese Frage in der Kommission be>prochen worden, der Herr Ofsenburg «angehörte. Es ist für die Liberalen nicht leicht gewesen, 'das passive Wahlrecht der^ Frauen auf das Repräsentanten- Kollegium zu beschränken. Wir haben es getan, weil wir Grund hatten zu glauben, daß diesem eingeschränkten Antrag die konservativen Herren in der Mehrheit zustimmen könnten. Auf den Wunsch des Herrn Offenburg haben wir die Behandlung meines Antrages im Plenum bis Ende Dezember hinausgeschoben, um die Wahlen im Synagogenverbande nicht zu stören. Der Zustimmung der Volkspartei glaubten wir angesichts des eindeutigen Parteiprogramms sicher zu sein. Aber auch sonst schien uns die -/--Mehrheit nicht zweifelhaft, sonst wäre vielleicht der Antrag hier nicht zur Abstimmung gekommen, als 2 Liberale fehlten. Ich lege einen Brief des Herren Offenourb vor vom November o. I., in dem er für die Sitzung des Kollegiums, die den Wahlrechts-Antrag behandeln soll, den 23. Dezember vorschlägt und hinzufügt, daß er selbst seine Stellungnahme sich Vorbehalten müsie (die von einer sür ihn wichtigen Auskunft abhänge), daß aber nach seiner Kenntnis die -/--Mehrheit gesichert sei. Es ist Herrn Offenburgs gutes Recht, seine Meinung lfalls sie, was ich allerdings annahm, vorher zugunsten des Antrags war) zu ändern, er hat zweifellos nur nach seinem Gewitzen gestimmt. Was ich nicht verstehe und was mich angesichts der Vorverhandlungen befremden mußte, war sein Auftreten als Führer der Einheitsfront der Orthodoxie von Spitzer bis Lanzkron mit einer deutlichen Anspielung aus die mangtlndc Einheitsfront in manchen Phasen der Tempelbau-Verhandlungen. Völlig unverständlich ist die Besorgnis des Herrn Offenburg vor einer baldigen Erweiterung dis passiven Frauenwahlrechts auf den Vorstand. Keiner weiß bester als er, daß wegen der Rücksichtnahme auf die Orthodoxie die Liberalen sich für meinen Antrag entschieden haben. Sie waren natürlich grundsätzlich nicht in der Lage, gegen den Antrag Kalmus zu stimmen, mit dem der Antragsteller bei der ihm wohlbekannten Einstellung seiner Fraktionsgenotzen kein großes Risiko einging. Ohne die von Herrn Offenburg geforderte und von Herrn Schindler schon treffend zurückgewiesene Erklärung abzugeben, glaube ich die Herren von der Rechten wegen einer baldigen weiteren Wahlrechtsoorlage beruhigen zu können. Im übrigen hat die bekannte Führerin des Humanitären Frauenvereins erklärt, daß die Frauen nicht den Wunsch haben, in den Vorstand einzudringen, und der Vorstand bringt, soviel ich weiß, dieser Auffassung Verständnis entgegen. Gegen die Herren Schloß und Spitzer, die ihre Aufsagung stets offen bekundet haben, habe ich hier nichts zu bemerken. Wohl aber erinnere ich daran, daß auch in den Gemeinden Kowno, Riga und B i a l y st o ck die Frauen das passive Wahlrecht besitzen. — Offenburg: Ich bekenne mich ruhig zu dem von Herrn Lisier erwähnten Brief. In ihm steht nur, daß bestimmte Herren für. den Antrag stimmen werden. Sie sind anderer Meinung geworden und haben damit von einem Recht Gebrauch gemacht, daß jeder vorsichtige Mensch sich vorbehält. Meinerseits habe ich erklärt, daß ich meine Entscheidung mir Vorbehalte; die letzte Abstimmung ist entscheidend, und mir gebietet mein Gewitzen, daß ich den Antrag 'ablehne. - Schloß: Herr Lisier sagt heute, er glaube nicht, daß das nächste Kollegiuni das Wahlrecht der Frau für den Vorstand beschließen werde, früher hat er aber erklärt: Wir würden das passive Frauenwahlrecht für den Vorstand fordern, wisien aber, daß es jetzt noch nicht erreichbar ist. — Li > ser : Das ist richtig. Mein Antrag beruhte eben auf den Vorbesprechungen, auf Grund deren die Hoffnung gestand, daß die Liberalen mit den Konservativen sich über die Beschränkung des passiven Frauenwahlrechts auf das Repräsentanten-Kollegium einigen könnten. - Alexander Levy: Mein ganzes Bestreben im Kollegium ist gewesen, der religiösen Führung der Gemeinde den Weg zu ebnen. Die Entwicklung der Dinge hat mir recht gegeben. Darum weise ich den Ausdruck von einer dauernden Provokation des Religionsgesetzes, den Herr Dr. Spitzer gebraucht hat, zurück, abgesehen davon, daß die Herren gar nicht befugt sind, als Vertreter der Orthodoxie zu sprechen. Für die Forderung des Herrn Ofsenburg bin ich im Interesie des hier vielfach zu Unrecht angerufenen Gemeindefriedens einyetreten. In den Kommissionen und den Anstalten der Gemeinde sitzen Frauen; die Satzungen des Altenhauses schreiben vor, daß in dem Vorstande Frauen sein müsien. Im Ausschuß des Verbandes der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte sitzen neben

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