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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1930-01-13 · 1 (13.1.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
6 (1930)
Issue
1 (13.1.1930)
Date
1930-01-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Nummer 1 I RaMittr-St« I | z j Berlin. | Gemernoeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Ha 6. Jahrgang ih Das Gemeindeblatt er jeden Monats und wirl der Deutsch »Jsraelitis Hamburg kosten! o int am 10. eines Iden Mitgliedern Hfn Gemeinde zu S ,»gestellt. ' Hamburg, I». Januar 1930. Druck, Verlag und Geschäftsstelle- M. Lehmann, ABC-Hof, ABC-Straße 57. Fernfpr.:, Sammelnummer C 4 Dammtor 0737. Verantwortlich für den redaktwneilen Teil: Syndikus Dr. R. M. N a t h den Inseratenteil: E.Loos, beide>i»Hamburg Anzeigenpreis 50 p. 6gesp?4ionp.-Zeile. Fianz Rosenzweig. Von Dr.! Ze»ry Philipp»Frankfurt a. M. Die deutsche Ilidchheit und mit ihr die Judenheit der ganzen Welt trauert uiti Franz Rosenzweig. Lver es noch nicht zu Lebzeiten dieses Ämnnes gemuht hat. der spürt es jetzt: dah einer unter un;! geweilt hat. der den Groben der biblischen Zeit ebenbüi tig war an Kraft des Geistes und der Seele, Franz Rosm>weig trug wie Hiob übermenschliches Leiden: aber er ha!>e:te nicht mit Gott. Er war ein Dulder wie Ieremia: aber r klagte nicht über sein Geschick. So lebte er unter uns, itu Zeuge für die trotz allem ungebrochene religiöse Energie unse:es Volkes. Lächelnden Antlitzes hat er den Tod überwunt eu. Rur wer die Sprachgewalt unserer Dsalmisten und Pi opheten besähe, nur der vermöchte das Leben und Leiden »iesds Mannes in seiner ganzen Gröhe zu schildern. Aber sol< »e Schilderung wäre gar nicht im Sinne Franz Rosenzweigs. Denn das gehört gerade zu den hervorstechenden Eigentümlichkeiten seiner Persönlichkeit, dah alles Trachten nach Ruhn und Ehre ihm fremd war: alles was er getan hat, ging nit einer ganz schlichten Selbstverjtändlichkeit aus den Tie ien seines Wesens hervor. So bleibt die schwere Aufga re, zu sagen, was seine Leistungen für uns bedeuten, was er. der als 43jähriger von uns gegangen ist. der 7 Jahre Ic ng furchtbarster Krankheit verfallen mar. in der kurzen Frist, die ihm vergönnt gewesen ist. für uns gewirkt hat. Aber auch die e Aufgabe scheint unlösbar. Denn was ist' damit geschehen, dah wir Rosenzweigs philosophische Schriften. dah wir seine fyfiilen und Aufsätze, seine Uebersetzungen hier aufzählen? Rr r i rer diese Werke selbst liest, der gewinnt eine Vorstellung oi n dem geradezu eruptiv hervorguellenden Gedankenreichtum l ies s Mannes, von seiner sprachbildnerischen Fähigkeit uni r on der Liebenswürdigkeit und Anmut seines Wesens, die ais allem, was er geschrieben hat, heroorleuchtet. „Wa< r rillst du. Dah vor deiner Gesinnung Man di: nach ins Ewige sende? Er g:hort zu keiner Innung, Blieb Liebhaber bis ans Ende." Wahrlich, kein! „Innung" kann Franz Rosenzw'eig für sich in Anspruch 'nehmen: über allen Gelehrtenhochmut lächelnd erhaben, war er zugleich Philosoph, Philologe und Historiker: und wohnte nicht auch die Seele eines Dichters in ihm, der die Heilize Schrift in ihrer dichterischen Schönheit unserem Erschlicht neu geschenkt hat? Das Werk eines solchen Männer durch Inhaltsangaben und Auszüge dem Leser vorzufühpm, ist ein vergebliches Unterfangen. Wer aber sich selbst in Franz Rosenzweigs Schriften verlieft — „Hegel und der Staat", „Der Stern der Erlösung". „Jehuda Ha evi". ..Zweistromland", „Die Schrift und Luther". ..Die Schrift, zu verdeutschen unternommen vön Marlin Äuber. gemeinsam mit Franz Rosenzweig", mögen hier genannt^ sein, wobei ausdrücklich darauf hingewiesen sei. dah vieles Bedeutsame noch in Zeitschriften verstreut sich befindet — der wird * die Erfahrung machen, dah die Mannigfaltigkeit der Gebiete, welche Franz Rosenzweig beherrschte, die Vielfältigkeit der Begabung, die ihm verliehen war. der Einheitlichkeit seiner Schöpfungen nicht im geringsten Abbruch getan hat. 2a gerade das ist für ihn charakteristisch, dah die verschiedenen Bildungswelten, in denen er lebte —!■ er. der so ganz im Jüdischen wurzelte und doch in tiefster Seele sich der deutschen Dichtung nahe fühlte — sich in seinem Werk zu vollendeter Harmoniezusammengeschlossen haben. Das ist, das Staunenswerte in dem Dasein und in dem Schaffen Franz Rosenzweligs, dah er so vielfach unterschiedenen Lebensiphären angehürte, ohne doch nur auch das Geringste einzubühen von der tiefen inneren Einheit seines Wesens.' War doch dieser ganz dem. Ewigen zügcwandte Geist zugleich mit den unmittelbaren Aufgaben des Tages aufs stärkste beschäftigt, war doch dieser Denker zugleich mit dem ganzen Vollgewicht seiner Person lichieit ein Mann des praktischen Lebens. ftnd eben in diesem scheinbaren Widerspruch zeigt sich am stärksten, dah Rosenzweig aus dem Grunde seiner Ratur eine jüdische Gestalt ist. Nicht das Forschen war ihm die Wurzel des Lebens, sondern das Tun. Oder besser gesagt — zwischen der Welt des Geistes und der Welt der Tat gab es für ihn keine Trennung. Wie aber Franz Rosenzweig in seiner wissenschaftlichen Leistung sich keiner bestimmten Richtung zuordnen läht, so kann auch keine Partei, keine Gruppe im Judentum ihn. | sofern er handelnd in das jüdische Leben der Gegenwart, cingegriffen hat. für sich in Anspruch nehmen. Und wie alles, was sein reicher Geist uns an Werken hinterlassen hgt, den Stempel der Ursprünglichkeit trägt, so war auch sein Weg als Jude, dieser Weg eines Menschen, dessen Denken, und Tun, wie oben gesagt, unauflöslich miteinander verflochten war. ganz und gar fein eigener Weg. Er freilich wurde nicht müde, seiner grohen Lehrer Cohen und Nobel zu gedenken. Und gerade dah er dessen nicht müde wurde, Hermann Cohen in seiner philosophischen Bedeutung und in seiner menichlicken Gröhe der Mit- und Nachwelt lebendig Zu machen, dah er nie aufgehört hat. Nobel, seinen „unvergehlichen Lehrer im Gesetz", zu rühmen, das enthüllt uns die Tiefen seiner eigenen Seele. Er besah jene Fähigkeit, von ganzem Herzen dankbar zu sein, welche nur bei wahrhaft frommen Menschen sich findet. Aus solcher Dankbarkeit heraus hat er jene herrlichen Worte über Nobel als den groben . Beter geschrieben: „Wenn er oben 'tauf der Kanzel» stand, war die Gemeinde ihm nicht der heih und vergeblich umrungene Zuhörer, sondern sie war nür da. um ihn emporzutragen. Er aber stand dann unimUclbar .'vor dem Angesicht. So konnte er es ansprecheu, tzo konnte er beten. Wir sahen nicht zu, wir waren -in seinem Gebet, wie die Worte und Buchstaben darin waren, s So trug es uns mit." Was Rosenzweig hier von Nobel aussagt in seiner unnachahmlichen, ganz auf das Wesentliche gerichteten Darstellungsweise. das gilt in einem anderen Sinne von ihm selbst. Auch ihm ward die hohe Gabe zuteil, durch sein blohes Dasein, durch sein Leben und Leiden schöpferisch zu wirken, die Herzen zu erwecken für bas lebendige Judentum, das er selbst verkörpert hat. Ditser Einsluh Rosenzweigs geht über den Kreis derer hinaus, wielche ihm persönlich naheslanden. Und .sie erschöpft sich gewih micht in dem. was die Institutionen. die durch seinen Antnieb bzw. unter seiner Mitwirkung ins Leben gerufen wurden, was das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt a. M. geleistet hat, und was die Akademie für die Wissenschaft! des Judentums in Berlin für das Judentum bedeujet. Wsie könnten auch Institutionen unserer Gegenwart — und jfelbit, wenn sie sich mehr in seinem Sinne entfaltet hätten —j den Forderungen eines Menschen gerecht werden, dessen Antlitz sosehr der Zukunft zugewanht war. Als er von, Felde aus 1914 in seinem Brief an Hermann Cohen (Zeit ist's, Zwei>tromland S. 7 ff.» den Plan zur Gründung eiirer jüdischen Akademie entwarf und zugleich ein ganzes Programm der jüdischen Erziehung aufstellte, da war er sich dessen wohl bewuht, dah dis von ihm erstrebte Erneuerung des jüdischen Lebens — die Verbindung von „Forschung und . Lehre, Wissenschaft und Unterricht" — keine unmittelbosre Verwirklichung finden könnte. Und in seinrpi Aufsatz zur. Vollshochschulfrage „Bildung und kein Ende" (Zweistromland S. 32 ff.) hat er es ausgesprochen: „Das Gesicht der Welt sieht heute so aus. »

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