Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 11 (10.11.1929)
- Date
- 1929-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 11 zu Berlin. * 1 Gemeindeblatt 8. Jahrgang der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg Das Gemeindeblat; jeden Monats und der Deutsch-Jsrailit Hamburg lo'ti erscheint am 10. eines wird allen Mitgliedern irischen Gemeinde zu enlos zugestellt. Hamburg, K«, November lSSN. Druck, Verlag und Geschäftsstellen M. Lehmann, ABC-Hos, AVCz Straße 57. Fernspr.: Sammelnummer C 4 Dammtor 07.37. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Shndikus Tr. 9?. MNüthan. für den Inseratenteil: tz. Loos, beide in Hamburg Anzeigenpreis 50^ p. Kgesp. Ronp.-Zeile. Der Alton« e Johann I» r Ebergerichtsadvokat Friedrich cobsen über <<d»ard Michaelis. Von Z. Lichtenstädtcr. „Briefe an eine deutsche Cdelsfrau über die neuesten -.englischen Dichte:ist eine Schrift betitelt, die-den in der s Ueberschrift gemmnten Rechtsgelehrten zum Verfasser bat. . Ter Jude, der ich der Lektüre die'es Werkes widmet, wird sich bald nicht nur von der Bewertung der besprochenen Autoren, sonderr auch vom jüdischen Standpunkte aus interessiert fühlen. Ter Verfasser schweift nämlich <3. 562—82) von seinen eigoitlichen Betrachtungen in einer Eikursion ab, die sowohl »ls. Hamburgische wie namentlich als jüdische Angelegenheit unsere erhöhte Aufmerksamkeit erweckt. Jacobsen spricht hier vjm.dem leider fast völlig vergessenen jüdischen Menschenfreund kdmard Michaelis-). Die Voruri« lsjosigkeit des christlichen Advokaten Jacobsen und die sich au opfernde, selbstsose Nächstenliebe des Juden Michaelis sind le: lichtende Beispiele wahrer Humanität und gleichzeitig beachtensn trte Waffen im Kampfe gegen unsere Ävider sacher. Wenn a «lisemitisch angekränkelte Menschen einer Betehrung zugängl ch sind, können sie sie in der Denkungsart und dem Tun Jacobsei^ mög« in dje Beleucht: Buch besteht aus der für uns von Hinsicht unveränrert wiedergegeben werden. — Jacobien beantwortet in d« Dame an ihn m erwähnten Briefe die von der adeligen gerichtete Frage und schreibt ihr folgendes: „Von aller Juden, der v dienen, für denj Religion, insofei offenbart, ausge rung Hamburgs die bertriebenen in den übrigen ein Feuer im düt! Herr Graf Blij Zustand der Hos lagen auf ocrf. Elend gesehen', deuten, der Pro Hause kann haben.' Bald d der eigentliche Rande des Hauses nun, ooji trat in der ge nur Herr Micholel mit augenblickliche^ Hirns. Ein angenommen .Michaelis sei ihn in! diesem kehrte ein Toch Entsetzen zurück. Scheintoten her: Lichtes gewesen. Oft legte sich i) Altona *) s. über Instituts 1916. der beiden Männer finden. Das Werk deshalb aus der Stille der Bibliothek ng der Gegenwart gerüat werden. Das einzelnen Briefen, und der Teil des Briefes, Bedeutung ist, soll gekürzt, aber in stilistischer Menschen, die ich kenne, halte ich einen ieslfach dem Tode trotzte, um Menschen zu ligen meiner Bekannten, der am mehzstcn die i Religion nur in Tat und Handeln sich btz hat. Wie nämlich zur Zeit der Belage ich Jahre 1813 in dem zum Hospital für Hamburger eingerichteten Waisenhause und Hospitalien zu Altona die Seuche sich wie ey 'Reisig verbreitete, lieh der Oberpiäsident, von Altona, durch hiesige Aeijzte den itäler untersuchen. Kranke, Sterbende, Nackte l^m Stroh nebeneinander. .Ich hgbe viel lgte einer der Kommissarien des Oherpräli- , essor Nissen, .aber von dem Elend in die'em kecher, der es nicht gesehen, eine Vorstellung «rauf lag auch er auf den Tod; dem et, sowie Arzt des Wcnsenhau'es. Tr. Jensen, hur am Grobes entging. — lieber die Schwellt dieses 11 dem der Tod und das Schrecken ausging, jährlichen Krisis von den Gesundgrbliebenen Oft ergriff der Typhus die Befallenen Wahnsinn durch Entzündung des Geber von Michaelis als Ilnterüufseher. r, stürzte eines Tages, indem erj. schrie: schuld, dah er sterben müsse', auf Michaelis. Hause.des Todes zu würgest. Ein andermal ngräber aus der Totenkammer mit dem ein Toter sei erstanden. Michaelis rih den >r. aber es war das letzte Aufglimmen des und alle angewandte Hilfe war vergebens. Michaelis im Fieberanfall nach seinem« mühe sol I)< wi 1 Lß20. . , . ihst die Festschrift des Israelitischen Vorschub vollen Tagewerk nieder,-c^bcr er erstand immer!gestärkt mit Kraft und Mut zu neuer Arbeit. Jeder blickte auf ihn: als dem Tode geweiht, viele 'flohen ihn wie die Krastkheit selbst. Michaelis hatte in dem Waisenhaus«: gegen 60 Hamburger Kinder, die in Altonaverwaist waren, in 3 Zimmern unter seiner Aufsicht. Es waren christliche Kinder, er nannte sie s ei n e^ K i n d e r. In einer Versammlung der übrigest Vorsteher, der er krankheitshalber nicht beiwohnen konnte, ward beschlossen, diese Kinder nach einem anderen Hospital in der Ottensener Badeanstalt zu bringen. Sowie er dies erfuhr, machte der Schrecken, dah sie dort in gröherer Gefahr sein möchten,! ihn augenblicklich . wieder gesund. Michaelis be- . schwor die anderen, üver die Kinder nicht, ohne ihn gehört j zu haben, zu verfügen, ging hin und sprach für sie. und be-. wirkte, dah ei» eigenes freiliegendes Lokal, der Hahnenkamp i , genannt, für iie gemietet wurde. Wäre er nicht in der be- > geisterten Stimmung gewesen, in welcher die auf Moral/ begründeten verschiedenen s Religionsseiten iooicl' Heldensinn in ihren Bekennern bei überkommenden Gefahren offenbarten, er hätte bei seinem reizbaren Nervensystem und bei der ihm innewohnenden Phantasie das kühn Pegonnene nicht glücklich verbracht. Was Michaelis geleistet hat, besteht darin, dah dieser Israelit die kranken, sterbenden Christen, die in grober Menge, einige fast nackte, in den Sälen des Waisenhauses Hilfe heischend auf faulem Stroh lägen, den Pesthauch ihrer Kleider nicht scheuend, kleiden, iie reinlich betten lieh, dah er Reinlichkeit durch das ganze Haus Jieritellte, dah er. täglich alle Krankenipeiien kostete, über die Reinlichkeit der! Krankengeschirre wachte. Folgsamkeit unter" den vom Elend verwilderten Menschen schuf, die Vermächtniswünsche der Ster . benden aufnahm. lieber alles führte Michaelis die detaillierteste Rechnung und bezahlte lieber Pöste aus keiner Tasche, wenn Gestorbene nicht guittiert hatten oder schlechte Menschen nicht quittieren wollten, als irgendeine namhafte Summe in seinen Rechnungen unbewie'en zu lassen. Michaelis-Verdienst besteht auch darin, dah er das Haus am Hahnenkamp zu einem allgemeinen Hoipitäl einrichiete, dah er den.Aerzten und Wundärzten, die ihm zur Seite standen, half. Herren der Sterblichkeit zu werden, und dem! Typhus füt das Haus und die Stadt Grenzen.zus setzen." Jacobsen hat schon im Jahre 1815 in. seinem Werke „Beiträge zur Geschichte vom Altona.während der Einschliehung von Hamburg in dem Wnter von 1613 bis 1814" Eduard Michaelis ein literarisches Denkmal ge'etzl. Tort, finden wir. dah nicht nur der Vizepräsident der Schleswig-Holsteinischen patriotischen Gesellschaft. | der Oberpräsident Conrad von j Blücher, sondern auch der dänische König selbst sich veranlaht sab, der rastlosen Hilfsbereitschaft des edlen Michaelis zu gedenken. Ter König dankte, wiees in Jacobiens Schrift heihl, gerührt allen Mitgliedern des HilfskKinitees für die vielfache Müh» und Sorge, vor allem für den Mut. mit welchem' sie der Gefahr trotzten, besonders zeichnete er Michaelis aus für seine „Sorgfalt. Beharrlichkeit und den Mut,- womit er der Krankenanstalt im Waisenhause oorgestanden und dadurch der Kontagion uyd Sterblichkeit in diesem Hause und für die Stadt Altona Grenzen gesetzt , hatte". — « Von Mick>aelis Woblfahrtsbestrebungen innerhalb der Judcnheit Hamburgs und seinen vielfachen Verdiensten um die Hebung des jüdischen Proletariats in Hamburg!, war gelegentlich des 125jährig0n Bestehens der von ihm gegründeten Firma'E. Michaelis u .Co. die Rede. Wenn es gelungen sein sollte, durch die ausführliche Behandlung .eines Lebensabschnittes dieses Biedermannes von neuem das Interesse für Michaelis zu. wecken, vielleicht auch ein Scherflein zur Bekämpfung antisemitischer Gesinnung beizutragen, so wäre beides freudig zu begrüben.