Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 4 (10.4.1929)
- Date
- 1929-04-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4891256-5444712-5444927--0420-4891612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Gemeindeblatt der Deutsä - Israelitischen Gemeinde. L Nummer 4 Reden -erHerren Alsre- Lisser und Fnlins Schi ndler über das jüdische Paläslinawerlr.? m 10. o. M. fand in Berlin eine Kundgebung des deuticken Keren Hajeifod, dessen Zweck die Beschaffung der . Rittet für den Aufbau des jüdischen Palästina ist, unter dem Vorsitz Oscar Wassermanns statt. Es sprachen nachei lander die Herren Oscar Wassermann. Felir Rosenblüth, Alfred Lisser. Tr., Martin Buber. Dr. Nachum Goldrlann, Julius Schindler und' Kurt Blumenfeld. Wir lassen hier die. Reden der beiden Hamburger Herren im Ll ortlaut folgen.' Rede des Herrn Alfred Lisser. - < u einer Kundgebung für den Aufbau des Landes der Bäter sind wir heute hier versammelt. Ich könnte sagen, dah, da ich die Ehre habe, seit der Gründung des Keren Hajessoo Mitglied seiner' Leitung zu sein, ich es nicht nötig hätte, in Wort n Zeugnis abzulegen, die nach dem Vorhergesagten nur schwaci und dürftig sein können. Aber diese Kundgebung richtet sich ja nicht nur an Sie, die Sie durch Ihr Hiersein Ihre Verbundenheit. und Ihre Liebe für unser- Werk, zum mindeten Ihr Interesse bezeugen. Sie richtet sich an die vielen. die heute noch mit dem Problem ringen. ohne sich uns anschllehen zu können, oder doch glauben, dies nicht tun zu könnest.- Es hat mich tief betrübt, in den letzten Tagen zu lesen, wie immerhin gewichtige Kreise des deutschen Judentums sich zu dem Agency-Gedanken stellen. Und doch ist dieser Gedanke so groß undwundervoll, dah ich glauben möchte, er mühte Freude und Iubel unter den Juden der Welt auslösen. Die Inden der Welt, sonst so vielfach zersplittert, so auseinandergeheno in religiöser und politischer Beziehung, sie haben ein gemeinsames Ziel — und dieses können sie nicht dem Parteigedanken entrücken? Das können .sie nicht alle mit derselben Liebe! umfassen, die ihnen doch schon von Religionswegen, von Abstammungswegen eingeprägt sein sollte? Der Aufbau des Landes, das die Wiege unseres Volkes war, vbn wo der jüdische Geist über die Welt gegangen ist. sollte nicht ein gemeinsames Ziel lein können? Da soll man mit kleinem und Peinlichem Vergleich an dieses Problem Herangehen und nichf seine Gröhe erkennen? Ich glaube, dah die, die jetzt die Vergleiche mit kleinen Teilproblemen lokaler Natur fetzen, wirklich die Relcktivitätstheorie unseres grofen gefeierte Gastes (Einstein) sich noch nicht richtig zu eigen zemacht hüben. r Ist es wahr, und ist es nicht beschämend wahr, dah wir deutschen Juden nicht die innere Freiheit haben sollten wie die atnerikanischen Juden, die doch teilnehmen am Pälästinaaufbau und darin keine Beeinträchtigung ihrer Treue zu ihrem gewig und mit vollem Recht geliebten Vaterland sehstn? Ich erkenne im Gegensatz zu meinen zionistischen Freunden die Galuththeorie nicht an. Darin unterscheide ich mich I grundsätzlich von ihnen. Ich glaube, man wird allmählich auf diese Theorie ungefähr so verzichten können, wie die Sozialisten auf die Verelendungstheorie verzichtet haben. Wir brauchen uns hier nicht im Galuth zu fühlen, um für den Wiederaufbau Palästinas begeistert zu sein! Dieses Wort richte ich an die vielen, die gleich mir von anderen Wegen als dem des Zionismus züm Palästina-Aufbau kommen. Ich habe Befriedigung und Freude empfunden, in Gemeinsamkeit mit zionistischen Freunden an dieser grohen Aufgabe zu arbeiten. Es bereichert mein Leben, wenn ich an diesen Gedanken Herangehen und ihn weitertragen kann. Ich glaube, trotz aller Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, die uns heute noch in den Weg gestellt werden, wird es nicht lange dauern und der Aufbau Palästinas wird, dem Streit der Parteien entrückt, die gemeinsame Liebe aller Iuden fühlen, die sich noch mit Stolz zum Judentum bekenney und es auf Kinder und Kindeskinder zu vererben wünschen. Ich glaube es: ich hoffe, der Tag wird nicht mehr fern sein! Üeber Parteiungen und Parteigröhen oder Parteikleinlichkeiten geht unser guter und gerader Weg unter der Führung unseres verehrten Vorsitzenden. Alan kann nicht auf kaltem Wege zum Palästina-Aufbau kommen, nicht mit dem Intellekt, auch nicht mit nur 'wirtschaftlichen Momenten, man muh es mit dem Herzen tun, und wenn man es nicht mit dem Herzen tut, wird man es kaum erjagen können. Ist es nicht für manche unserer Glaubensgenossen beschämend, dah grohe und angesehene' nichtjüdische Kreise der Aufgabe viel unbefangener gegenüberstehen? Memt man wirklich, dah die berühmten Mitglieder der Pro Palästinakomitees in allen Ländern. Deutschland, Oesterreich, England, Frankreich. Italien nur der zwingenden Dialektik etwa von Blumenfeld unterlegen sind? Oder sollten nicht diese Männer, die das Prinzip der Demokratie auch in ihren Ländem vertreten, von einer höheren politischen Warte aus dieses Werk als ein wundervolles, die Demokratie aller Länder ehrendes begreifen? Es werden nach mir geistige Führer des Iudentums zu Ihnen sprechen. Ich spreche als einfacher und schlichter Mitarbeiter an diesem grohen Werk. Ich spreche mit meiner ganzen Liebe, mit meinen Hoffnungen, und wünsche, dah diese Liebe und diese Hoffnungen als ein heiher Strom zu denjenigen ausgehen möchten, die heute noch nicht mit uns sind und die doch teilnehmen sollten an gemeinsamem Werk und gemeinsamer Verantwortung. Denn — wie kürzlich ein geistreicher Zionist in Ahwandlung des Herzlichen Worts gesagt hat —: - „Auch wenn Ihr es nicht wollt, ist es kein Märchen!" Rede des Herrn Julius Schindler. An mich trat die Palästinafrage vor etwa 10 Jahren heran. Lange kämpfte ich mit grohen Zweifeln, um festzustellen, welchen Sinn dieses Aufbauwerk wohl für einen Mann des praktischen Lebens lzaben könnte: ich sagte mir freilich von allem Anfang an: Wenn du dafür etwas tust, so tust du jedenfalls keinen^ Schaden. Aber ich wollte weiterkommen, wollte mit der Seele dabei seich nicht allein mit dem Geld. So befand ich mich in Zweifeln.! Dieser Zustand dauerte eine Reihe von Jahren, bis ich mich entschloh, eine Reise nach Palästina zu unternehmen und. die-Dinge an Ort und Stelle zu prüfen. Ich suchte mit aller Gründlichkeit einzudringeiL und muh sagen, das Endergebnis war. dah ich mich heute von der Sache gar nicht mehr trennen kann und nicht mehr trennen wNl. Das dort Gesehene hat einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, dah ^ich eigentlich nicht verstehen kann, wie irgend jemand, der die Dinge an Ort und Stelle betrachtet, und sich der Mühe > unterzogen hat, näher an sie heranzukommen, heute noch' indifferent * oder gar antipalästinensisch gesinnt sein kann. Warum widme ich mich diesem Werk? Ich bin nicht religiös im landläufigen Sinne dieses Wortes veranlagt. Aber es lind trotzdem Gründe genug für mich vorhanden, um diesem Werk meinen Beistand zu leihtzn. Wenn wir uns mit der entsprechenden Energie an dieses Aufbauwerk machen, so werden wir die Möglichkeit haben — ich kann nicht bestimmen, wie lange es dauern kann, es kann Jahrzehnte dauern, auch länger — in Palästina ein Werk aufzurichten, das ais ein Musterwerk für die Judenschaft angesehen werden kann. Man wird uns dann nicht mehr den Vorwurf machen können, dah wir nur ein Volk seien, das in der Hauptsache auf den Handel gerichtet ist. Denn wir haben in Palästina die Möglichkeit, uns auf den verschiedensten Gebieten zu betätigen, in erster Reihe in der Landwirtschaft. Wir können ein Werk schaffen, das derübrigen Welt imponierest kann. Die Ansätze sind da. ja es sind mehr als Ansätze vorhanden, und wie klein ist letzten Endes die Leistung, die wit hier im Vergleich zu dem vollbringen können, was dort schon heute mit tiefer Hingabe, vorbildlichem Opfermut geleistet wird. Noch etwas kommt hinzu:! Ileberall vollzieht sich ein Abbröckelungsprozeh im Judentunt. Dort entsteht etwas Neuest was den Verlust des Iudentuists in der Welt wettmacht, auch dann, wenn das heutige palästinensische Judentum numerisch noch keine entscheidende Rolle spielt. Denn in erster Linie kommt es nicht auf die Zahl an, sondern auf die Oualität. i Das Palastinawerk wird ustter allen Umständen fortgesetzt und der Vollendung zuäeführt werden,. Es komnit nur darauf an: wann? Das ist! abhängig von dem Grade des Interesses und von der Mitarbeit, die die Juven der Sacke widmen. Wenn man vont Standpunkt des deutschen Juden die Sache betrachtet, so fällt uns eine noch gröhere Verantwortung zu. Denn die Judenheit der Welt glaubt, dah gerade die deutschen Juden den Dingen, die sich in der Welt vollziehen, besonderes Inttresse entgegenbringen. Versagenwir in unseren Kreisen, versagen wir in Deutschland, dann reihen wir vielleicht auch einen gröheren Kreis von Iuden anderer Länder mit. Wir! müssen uns dessen bewuht sein, dah das eine Verantwortung ist, der wir uns nicht entziehen können. 's Ich wiederhole als Nichtzionist meinen Appell in der tiefen Ueberzeugung, dah wir lalle einem ausgezeichneten Werke dienen, wenn wir den Aufbau Palästinas mit allem Interesse, mit gröhter Energie und mit gröhter Opferwilligkeit fördern. 1