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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg · 1928-02-10 · 2 (10.2.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
Volume
4 (1928)
Issue
2 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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was sie auch eifern und quälen mochten: der Jude lebte. Was sie nicht brechen konnte«, das war der Wille des Judentums, was sie nicht töten konnten, das war der Geist des Judentums. Wir stehen in der Gegenwart. Geblieben ist das Judentlrm. geblieben ist der Kampf, geblieben ist die Frage von Freund und Feind: ..Was willst du hier?" Geblieben ist die Antwort: „Das Verlorene will, ich suchen, das Verirrte will ich zurücksühren." f In dieser Antwort ist der Weg vorgezeichnet, den wir alle'gehen müssen als Juden, den vor allem ich gehen muß als Rabbiner. In. dieser feierlichen Stunde sei das erste Bekenntnis, das sch von dieser Stelle ablege auf die Frage: „Was willst du. hier?"" die Antwort: „Das Verlorene will ich suchen, das Verirrte will ich zurückführen." Als Suchender kommg ich zu euch, nicht als ein Fertiger. Wäre ich fertig, niemals würde Ich den Weg finden zu euch, niemals den Weg vor allem zu der Jugend in unserer Mitte. Das ist ja das Kennzeichen echter Jugendlichkeit: dieses sehnsuchtsvolle Streben nach einer Aufgabe, dieses nie Z-ertigwerden im Sinne des Tichterwortes: ,,Wer fertig p, dem ist nichts recht zu rnachen, ein Werdender wird immer dankbar sein." Darum ist ja unser Judentum, so jung, weil es nicht die fertige Wahrheit, das fertige Dogma besitzt, sondern weil jedes Geschlecht die religiöse Wahtheit sich immer wieder neu erkämpfen muß. um sie zu besitzen. „Das Verlorene will ich suchen!" Kein besseres Losungswort wüßte ich für die besonderen Aufgaben des Israelitischen Temprlverbandes, als diesen San des Propheten. Was! anders war es denn, das vor mehr als hundert Jahren eure Väter veranlaßte, dieses Gotteshaus zu gründen, wenn nicht der sehn« süchtige Wunsch, das Verlorene zu suchen, all den Brüdern und . Schwestern, die. geblendet, durch das Licht einer neuen Zeit, in die Irre zu gehen drohten, zu Helsen, durch das veränderte Gewan« das sie der Gottesverehrung gaben, heimzusinden in die^aeösjneten Arme des Judentums! Hätte der Tempel m den hundert Jahren sonst wohl alle Kämpfe so siegreich überstanden, hätte er sonst wohl vermocht, aus das gottesdienstliche Leben zahlreicher deutscher und ausländischer Gemeinden befruchtend zu wirken, wenn nicht die heiße Liebe zum Judentum seine Glieder umschlossen hätte, der unerschütterliche Glaube an die ewige Zeugungskraft unserer Religion, die Fähigkeit. alte Zweige abzuwerfen, um desto lebendiger neue Sprossen, treiben zu können? > Das geistige Erbe der Väter jst in unsere Hand gelegt. Mit stolzer Dankbarkeit empfinden wir es zumal in dieser Stunde. Ties empfinden wir aber auch die Verpflichtung, die uns daraus erwächst: An der Väter Mut, an der Väter Opferwilligkeit sollen unser Mut, unsere Opferwilligkcit immer wieder sich entzünden, wenn wir auch zur Verwirklichung ihrer Ziele heute vielfach andere Wege gehen müssen als sie. Ihr Aufbauwerk mußte zumal im Anfang — in einem Niederreißen bestehen, wir brauchen nicht mehr niederzureißen, wir wollen in ihrem Geiste getrost weiterbauen. War es chr Ziel, in erster Linie den Tempel als würdige Stätte der Gottesverehrung für die Gemeinde zurückzugewinncn. so ist es daneben unsere Aufgabe, das religiös geweihte Haus der Familie wiederzugeben. War es der Väter Pflicht, gegenüber der Fülle aus dem Mittelalter überkommener Bräuche und Gebete der Vernunft ihr Recht zu wahren, so haben wir umgekehrt die Aufgabe. den in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Anschauungen groß gewordenen Menschen unserer Tage die Gxenzen aller Wissenschaft, das Geheimnis in Natur und Völkerleben aufzuzeigen. In einem Punkte nur haben sich unsere Anschauungen gegenüber denen jener Männer vor hundert Jahren nicht gewandelt, und das ist in dem entschlossenen Willen zur Sam mll u n g. in dem ernsten Vorsatz, das Wort des Propheten: „Das Verlorene will ich suchen" zur Verwirklichung zu bringen. Dieser Ruf zur Sammlung ergehtin erster Linie an die Mitglieder des Tempelverbandes zu gemeinsamem Wirken im Dienste des Gesamtjudentums. Unsere innere Verbundenheit mit ^2, mit der Gesamtheit Israels, kommt heute besonders sichtbar zum Ausdruck in der Anwesenheit des Vorsitzenden des „Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland", die mich persönlich mit dankbarem Stolz erfüllt. Seine Teilnahme <ßt dieser Feier bedeutet uns ein Sinnbild für die -unlösbare Verkettung des Tempels mit dem Geiste des ^rabbinischen. historisch gewordenen Judentums. Im Sinne dieser religiösen Verbundenheit aller Juden ergeht der Ruif zur Sammlung über den engeren Kreis des Tempelvfrbandes hinaus an alle diejenigen. die den Weg zu uns noch nicht gefunden haben, die aber, erschüttert durch! das gewaltige Erleben der Kriegs- und Nachkriegszeit.! dm Wunsch empfinden, in Anlehnung, an die Gemeinschaft, der sie untrennbar angehören durch Blut und Schicksal, ihrer Aufgabe als Juden wahrhaft gerecht zuj werden. Dieser Ruf zur Sqmmlung im Sinne friedvoller Zusammenarbeit ergeht an die anderen religiösen Verbändeder Deutsch- Israelitischen Gemeinde Hamburgs, er ergeht endlich an alle Glieder unserer deutschen Heimat, insbesondere des hamburgischen Staates. Das Wort Hamburg kanch nicht fallen in einer solchen Stunde, ohne des Stromes zu gedenken, der dieser 'chönen uich arbeitsamen Stadt Kraft und Größe gibt. Tropfen drangt sich an Tropfen, Woge an Woge: Tropfen und Woge, getrieben von einer geheimnisvollen Unruhe nach dem Meere, dem Ziel ihres Sehnens. Jst's nicht ein Gleichnis allen religiösen Gebens? Was sind die Religionen anderes als Ströme^ des Ewigen aus dem, Boden der Menschheit, alle beweht von dem geheimnisvollen Drang zu dem Einen, dem Unendlichen, zum Frieden in Gott. Von allen Strömen religiöser Sehnsucht hast du. mein Judentum, den längsten Weg. hast du die stolzeste, ehrwürdigste Geschichte. Wie viel Generationen haben ans deinen Wassern getrunken, wie viel Völker haben deine Ufer geschaut, wie viel Wetter und Stürze sind über deine Wogen dahingegangen!- Laß sie toben, die Wetter, laß sie blasen, die Stürme:; bu rollst weiter deine Wogen, du ziehst 'weiter deine Bahn, du bist weiter der Quell, aus dem die Durstigen Lochung schöpfen, du bist weiter bei Führer, der der Menschheit den Weg weist zu dem eilten Ziele, dereinst „an jenem Tage", da alles Verlogene auf Erden gesammelt, alles Verwundete geheilt uyd „voll sein wird die Ecke der Erkenntnis Gottes wie Wpsser die Meerestiefen bedecken." Afnen! . Ter-überaus eindrucksvollen Predigt, die mit Gebet und Segen endete, folgte als Schlußgesang das Adaun aulom in der machtvollen Komposition von W. Würfel. Unter den Klängen eines Postludiums von I. S. B a ch verließ die Gemeinde das Gotteshaus, erfüllt mit der zuversichtlichen Hoffnung, daß dieser Tag in der Geschichte des Israelitischen Tempels eine Wende darstellen möge zu weiterem erfolgreichen Aufstieg und zur Erneuerung eines starken,, in sich gefestigten religiösen Judentums.

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