Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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I Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Nummer 6 zixifeltcr Verwirrung floh jung und alt, floh, da niemand vrfolgte!') Ich kann und werde das nie vergeffen, niemand, d, r's erlebte, kann, und wird es vergeyen. Und von diesen T »«zweifelten weg! nach den wolkenhohen Feuersäulen, nach d eser Flammcnwüsfel — Und doch glich noch kein Moment an schrecken dem vom. Sonnabende in der Frühe, als der Pct rill rm, die schönste und bewundcrungswürdiLte Pyramide, ein Juwel an Echönheit. eine der Hauptzierden der Stadt, in Flammen gevitl. Mir waren im Tempel. Wir dursten nicht fehlen an dem Orte. wohin wir eilen in der Freude, wie im Lchmcrze unseycr Seele! Es.waren nur wenige Leute da, aber a le, die kamem sic wollten hier Luft und Friede für das schwcr- »elastetc Herz, juchen. Die Sturmglocken, welche längst schwiegen, fU schlugen wimmernd, in schnellen fieberhaften Pulsierungen atleknander. tlllcsi stürzte aus dem Eotteshause, und da leuchtete der schlanke Turm weijt hinaus vor seinem Sturze, n th und ferne zur. Fürbitte rufend? Aber feine Stunde war ' g kommen. Et sank in sich, undmit ihm der letzte Schimmer v.>n>Mut in btt Brust aller.Zu gleich verbreitete sich das Derllcht von Mordbrennern, die die Stadt durchzögen und if achte das Blut in den Adern erstarren. Es hat sich dis jetzt it cht bestätigt, dieses unheilvolle Gerücht; doch war es mächtig g nug, traurige Exzdne gegen gewiß Unschuldige herbei.zuführen, u id. sechs Menschen fielen, ein Opfer der Volkswut. Man best mldigtc hauptsächlich einige Engländer und. spanische Matiosen des gräflichen Frevels, und wehe dem, den man für einen d eser beiden ftnsah. — Doch galt es, nicht bloß den Jammer zu bl weinen, sondern dem «Jammer zu steuern. Die Obdachlosen froren, hungrttcn. Es mußte ihnen Schutz gegen Kälte, Brot g> gen Hungvri gereicht werden. Es konstituiert sich am Sonna >end mittag! l Uhr der „Hilfs-Verein" 3) zu diesem Zwecke. Ich schloß mich ihm unverzüglich an, und nun fühlte man sich in elvas gestärkt, da man andere trösten, andere ermuntern konnte. Hunderte von Wagen mit Brot, warmer Suppe, Fleisch, Wein, Bier wurden herbeigeschafft und unter dem Schutze eines B ürgerfoldate« von den Mitgliedern des Hilfs-VereiNs, die an B lechen auf den Hüten mit der Aufschrift „Hilfs-Verein" kenntlich waren, ast (die.) die auf den Wällen und Wiesen der Vorst idte lagcrreck. verteilt. Wo ein frkistehendes öffentliches, noch w reitetes Gebäude sich fand, wurde es zur Aufnahme Abkj branntör eiifgeräumt; so auch durch meine Vermittlung mit libenswertcr Bereitwilligkeit von der Direktion des Tempels dir große Dorßaal des Tempels') und zwei große zum Abbruche fi r den zu crpauenden neuen Tempel 3) bestimmte Häuser der Tempel-Gemeinde. Auch die beiden englischen' Kirchen, die ktrholische p. j>., alle Tanzsalons wurden zu diesem schönen Zvecke eingeraumi, Zelte aufgeschlagen, Betten und Leinenztug und Kleidung gesammelt und verteilt.' Das war alles das Werk weniger Stunden.! Ich sah meine Lieben nur selten und war froh, wenn ich nur einmal des Tages mich überzeugen konnte, daß sie, für die llm- - Ü! in»c, wohl seien. So ging cs auch, als das Feuer sein Ziel .oji Sonntage erreickt batte, fort, und im Retten und Helfen ke m uns- Hilft und Beistand von nah uyd ferne. Ich war te ls in den Brotmagazinen, teils im Bureau zur Anweisung von Wohnungen und dies unausgesetzt bis zum Donncrsilag. Pun hatte ich für Sadbath'-) die Predigt und eine weitere für .iljriai? b? '3 tjiv) oorzubereiten, die elftere ' womöglich so Drucken zu lauen. daß sic unmittelbar, nachdem ne gl Hallen worden, zum Besten der Abgebrannten verteilt werden kennte. Wie ^s gehen sollte oder wie es ging, weiß ich nicht, ^a »er — cs gingf Gort gab mir Kraft; auf einem mit Viktualicn —3 füllten Speicher jckirim» ich die Predigt nieder, sandte sie in die Druckerei, nachdem'mir zum llcberlescn wahrhaft nicht Zeit b ieb, und am sSabbalb in der Frühe ll llhr — mit dem Amen ') Biblisches Zjtai. i. Leo. 26, 17. Df». 37. -) Dicse Schilderung in nicht ganz richtig. Der Pelriturm g riet bereits Freitagabend um 9 llhr in Brand und wurde die g nze Nacht verteidigt. Am Sonnabcndnlorgen gegen 10 llhr?rad) in sich .selber dumpf der Turm zusammen ' Und gruftw rrts eilend, l arg er. schmuckberaubt / iief in den Boden sein g, sunknes Hau it." — S. Jul. Faulwaner: Der große Brand u id der Wiederaufbau von ,Hamburg. S. 18, woselbst auch ein a >f die Szene bezügliches Bild, sowie V. Dirksen: Ein Iahrbsndcrt Hamberg, S. 173. ') S. über ihn Faulwaiicr, S. 30 ff. > ') In der 3-runncnsiraßc. -) In der Boolstraße. ") Den 114 Mai. ■) X. i. den 2. Tag des Wochenfestes, der damals auf den ltz. Mai fiel. von der Kanzel, wurde die Predigt gedruckt in den Tcmpel- Vorhof gebracht und ausgcgeben, mehrere 100 Exemplare sogleich verwertet und nach wenigen Tagen die erste Auslage vergriffen. Von einer zweiten ließ ich Dir, lieber Bruder, durch Buchhandlung zwanzig Exemplare zum Verkauf zu dem auf dem Titel bczeichneten Zwecke zugchcn. Du wirst dicse Bitte mir gerne erfüllen, schon um der guten Sache willen. — Von der Teilnahme Deutschlands, ja Europas an dem Unglücke Hamburgs. liesest Du in allen Blättern. Es ist groß und erhebend, diese Wohltätigkeit, dicse 'heilige Begeisterung, groß und erhebend, aber auch wohl angewandt und von Hamburg wohl verdient! Wahrlich, in seinem Elend auch zeigt sich Hamburg als DN1 *py; ')• Es ist nicht auszusprechen, wie viel zur Linderung der Not.auch im Innern der Stadt geschieht, und die israelitische Gemeinde ist dann nicht die letzte. Herrlich haben sich auch ihre Mitglieder alle, alle benommen, in der unmittelbaren Nähe der Eejahr und nachdem diese gewichen. Es sind unzählige Familien, die täglich 100 — ,500 — ja 1000 Personen, die durch den Brand gelitten, vollständig speisen. Und mit welcher zarten Sorge hilft man den Wankenden auf, beugt man der Verarmung vor! — Meine eigenen Verluste aus der Zeit der Bedrängnis — ich weiß nicht, ob ich sie ersetzt erhalte. Sie sind mir sehr empfindlich, sie bringen mich insofern zurües, als daß sie mich an der Absendung bestimmter Summen nach Württemberg hindern, wozu ich mich so sehr freute; doch — was will das heißen gegen die Milliarden, die verloren gingen. Dazu bleibt niir nächst meinem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott noch ein süßer Trost — 2V!' '21X '»v yra-1') Ah, es ist ein braves Volk, der Hamburger, cs ist eine herrliche Gemeinde, in der ich lebe und wirke, des schönsten Segens von Gott wert und gewiß auch bleibend, auch aufs neue teilhaftig! — Welche schöne Züge könnt' ich Dir von ihnen erzählen, bei wie unzähligen Wohltaten bin nur ich Bote und Mittler! Unser Tempel blieb verschont, sowie zwei Hauptsynagogcn. Ueberhaupt war die eigentliche Neustadt, in der der größere Teil der israelitischen Gemeinde lebt, „ein Häuslein im Weinberg. eine Nachthütte in den Kürbisgarten". J) Der Bau des neuen Tempels wird allerdings schwerlich in diesem Sommer, und in keinem Falle vor dem Herbste eröffnet werden^können. Doch bleiben Akkorde und Bauplan unwiderruflich fest! Von meinen näheren Freunden aus -der Tempel-Gemeinde sind abgebrannt außer dem Freunde Gottes und der Menschen Sal. Heine, L. Eoldschmidt, G. Meyer, Segalla, Dr. Herjchcl, 0r. mecl. Salomon, Dr. Levy, Sam. Cohen, Gust. Solomon, M. Lippert usw. Doch hat dieses gottlob auf deren Berhältnisie keinen störenden Einfluß. In wenigen Wochen erscheinen die gesammelten Gutachten über unser Gebetbuch, mit einer sehr schönen ausführlichen Einleitung von der Redaktion des Gebetbuches. Du sollst unverzüglich ein Exemplar erhalten. Auch alle anderen Broschüren, so weit Du sic nicht gelesen, will ich-Dir auf Verlangen gerne zugehcn lassen. Meine Predigten erscheinen zu Anfang Augusts. Ich bin gespannt auf Dein Urteil über dieselben.' Es sind vorerst zehn. Darunter meine Antrfitsprcdigt,') fünf Festprcdigten '-) und vier dogmatische. Wir hatten einen harten Winter durch die Krankheit unserer lieben Emma und Paulinc.«) Doch sind jetzt unsere Kinder alle gottlob recht wohl. Emil wird ein süßer Junge; Gott segne ihn fortan! Bist doch Tu, geliebter Bruder, wieder vollkommen wohl? Und ist's Deine liebe Frau, Du. meine gute Schwägerin? und Ihr, lieben Nichten, und Du, holder Albert? — Ach. ich dachte mit so vieler Freude, Dich zur Einweihung unseres Gotteshauses auf den Spätsommer 1813 hier zy sehen! ') Etwa:-eine Stadt, die der ganzen Welt ein Beispiel gibt. -) D. h. ich wohne inmitten meines Volkes. 2. Könige i, 13.;) Biblisches Zitat, s. Jesaja 1,8. ') Gehalten am l.5. .September 1810. -•') Gehalten von Rausch liuschuimh bis Schowuaus 1810—11. ') Frankfurter war seiu-dem 21. Dezember 1831 verheiratet mit Ainalie, geb. Maier aus Leimen bei Heidelberg. Die hier genannten beiden Töchter wutden dem Ehepaar vor seiner Uebcrsiedlung nach Hamburg, der Sohn Emil Meier wurde in Hamblirg am 23. März 1811 geboren.