Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 52 (23.12.1870)
- Date
- 1870-12-23
- Page
- Seite 459 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Festung, Besatzung und sich selbst de« Feinde auf Gnade und Ungnade übergab. Die Römer zogen mordend und brennend nach der Hauptstadt, belagerten sie, bis sie nach einer langen hart- „Lckigen Vertheidigung in ihre Hände fiel. Ein ähnliches Schicksal hat vor unseren Augen Frankreich erlitten: ist es noch nicht vollzogen, so ist doch zu befürchten, daß seine Vervollständigung ganz werde. Möge der Gott der freien Nationen eS verhüten, daß das Geschick Frankreich und Paris' ganz dem von Judäa und Jerusalem ähnlich werde. Alle Freiheit-männer, alle Fortschrittsfreunde beten dies mit uns. Isidor Pohamyer. X Der jüdische Mitarbeiter des wiener FremdenblattrS W. schiebt dem verstorbenen Dr. Berger ehemaligen Minister folgende Anekdote in die Schuhe. „Als Berger in den Reichsrath gewählt wurde und vermöge seiner hervorragenden Begabung in zahlreiche Ausschüsse kam; wurde er tagtäglich von Neugierigen und Wißbegierigen umsebwärmt, welche Detailüber die bei verschlossenen Thüren gepflogenen Unterhandlungen vou ihm erfabren wollten. Als nun eine« Z«Mf Ar besonders zndringliqer Reporter, der zufälliger Weife Um Stumme Israel angehörte, ihn mit Fragen und Auskünfte bestllr»- te, gab er statt der gewünschten Eröffnung folgende» B«»««» zum Besten: Wissen Sie mein Lieber, wodurch ich «ich jetzt von meiner StudeiNenzcit unterscheide? Der Wißbe-ieri-e horchte hoch auf, und der Redner fuhr fort: „Alich Student war, kamen immer gewisse Leute zu mir und quälten mich unaufhörlich mit der Frage: Lieber Herrr, nicht» A1te»I und jetzt, nun jetzt laufen mir die Leute über den Hal» und rufen unaufhörlich: „Ich bitte, nichts Neue-?- — Diese übertragene Anekdote, mit der der jüdische Mitarbeiter de» Fremdenblattes nichts Neues bietet, da sie sich bereit» i» einem alten Provinzialkalender findet, paßt auf Berger a» allerwenigsten, indem dieser, als toleranter Mann bekannt gewesen, nie'ein den Juden unangenehm berührende-Wort über die Lippen brachte. Berger ist übrigenvon dieser Seite au» dem Prozesse Kuranda - Sebastian Brunner hinreichend bekannt. . / Schlußwort. Alwir im Jahre 1867 diese Blätter gründeten, waren wir uns unserer Aufgabe wohl bewußt, haben wir unsere Stellung nicht verkannt, die durch die überall so auch bei unseren Glaubensgenossen zur Geltung kommenden poltttschen Meinungsdifferenzen noch schwieriger wurde; nicht« desto weniger haben wir an unserem ausgestellten Programme festgehalten, unerschütterlich festgehalten, trotzend dem an uns herangestürmten Antagonismus von Seite mancher unserer Glaubensgenossen. Dieser Antagonismus aber findet nurseine Quelle in der schlechten Deuftung der politischen Lage, in der Verstümmlung von Thatsachem, in einem (5 l i q u ew e se n, daselbst in unser jüdisches Gemeindeleben . hineinragt und genährt wird durch eine Allianz von Männern, deren Zweck Selbstzweck ist, deren Ziele ganz andere sind,' als die Erhaltung eines fast schon dem Siechthum verfallenen ÄemeindelcbenS. Mit unserem Organe, das müssen selbst unsere größten Gegner zugestehen, haben wir an dem schlummernden Gemeinsinne gerüttelt, jenen die Larve vom Antlitze gerissen, die mit H.uchlermiene da- Judenthum nur angetastet, um e» je früher desto besser zu Grunde zu richten. Das mochte freilich Manchem nicht behagt haben, sei auch damit dem allgemeinen Interesse gedient gewesen. Wir ließen unS, im Kampfe mit unseren, durch Ehrsucht mit einander verketteten Gegnern, nicht beirren und kämpften für — Wahrheit und Recht. Wahrlich müßte eS mit einem Journale traurig bestellt sein, so dasselbe die Ansicht jedeeinzelnen zu der seinigen machen sollte, eine zumeist unseren Glaubensgenossen ureigene Ansicht, welche dem einen das als recht erscheinen läßt was dem andern verwerflich dünkt, dem einen das für nützlich erkennen läßt, was dem andern schädlich erscheint. Eine solche Divergenz ist kaum dazu geeignet, einem jüdischen Blatte die Existenz angenehm zu machen. Wir konnten uns daran, wie leicht einzufehcn, nicht kehren, wir beurtheilen die Menschen nicht nach ihrer Stellung, nur nach ihren Thaten. Schmeichelei liegt uns ferne, Offenheit war und bleibt die Fahne, um die sich unsere Ansichten schaarcn. Was wir noch immer getadelt haben, ward begründet, Lüge weisen wir mit Abscheu zurück. Viele aber wollen nicht Wahrheit, nur von Schmeicheleien und honigsüßen Phrasen sehen sie gm liebsten ihr. Dasein versüßt. Den Ehrgeitzigen, Selbstsüchtigen und auf Lobhudelei Anspruch Machenden mögen andere Blätter diene», unser Blatt legte sich Niemanden zu Füßen, kroch nicht im Staube, weil es eben frei und unabhängig, frei von jede»» Vorurtheile ist, dienend dem guten Rechte und der Wahrheit. Aber wir verkennen auch nicht das richtige Urtheil jener unserer Glaubensgenossen, die unser Streben, unser ehrliches Streben zu würdigen wußten; wir sind stolz auf ihre Anhängerschaft, die uns den bittcrn Mermuth in dem Kelche mehrjähriger Anstrengung und Mühen versüßt hat. Und blicken wir zurück auf die Entstehung-Periode der „Gegenwartder von Böswilligen in schlecht witziger Weise keine Zukunft prognosticirt wurde, so sehen wir jene mit dem heutigen Abschlüße de« 6. Jahrgangdieser Blätter damit Lügen gestraft, daß wir unS bereitauf den 4. Jahrgang der „Gegenwartvorbereiten, der durch Vergrößersng unsere- Programme-, den Anforderungen unserer geehrte» Leser vollkommen entsprechen und bereits am l. Jäner 1871 veginnen wird. Schließlich sagen wir den Abonnenten dieser Blätter, unseren jüdischen und christlichen Mitbrüdern, die unsere» Blatte die schmeichelhaftesten Sympathien entgegen trugen, so wie unseren geehrten Mitarbeitern den innigsten Dank. Durch Wahrheit zum Rechte, durch Recht zUm Ziele! Jakob Brattlei* Redakteur der „Gegenwart-^ >