Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 37 (9.9.1870)
- Date
- 1870-09-09
- Page
- Seite 333 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Dt«* «fonnirtfur , Prag: «NlWIci« ft. 5.- Hottjiftri« „ S^v virtteljährig,, 1-8« Die Mil Poflrnsendnug: «Mtftlrt, fl. SLO HMähri, „ 2.75 vierteljähris „ 1.50 Für» Ausland r «anzjührig 4 Thlr. HaUjädrig 2 Thlr. Jnftrste werden billigst berechnet. Israelitische Wochenschrift sür politische, sociale und religiöse Iotereffen. Erscheint an jedem Jreitag- «rbsktis» >. fiiai. lifrfttfM fMU fJl*. trr|t(|t«i». 418^1 WH* «fe Vritft n. üttkftttMin ja richte, Zuschrift,* «rd«»> Mnc* frtrlt,. W*. uuskripte »erbe, NI Ntchtverweubung «mf. ver>o,H„ jedoch »*ft«»klrt t-klicker ftatttt. tzr. 37. Prag 9. September 1870. UL Jahrgang. Die Gefangennahme Dapoleon IIL Nicht mit cynischem Jubel sondern mit dem Gefühle von Mitleid erfüllen wir heute die wehmuthsvolle Aufgabe, Napoleon III. dem Beherrscher Frankreichs, dem Diktator Europa'« noch bei dessen Lebzeiten einen Nekrolog zu widmen, der über daS Grab ertönt, dessen Schollen all seinen Ruhm und seine zwei und zwanzigjährige Thätigkeit, von der die Geschicke Frankreichs abhängig waren, verschütteten. So wie sich Napoleon III. oaS der Gefangenschaft in Ham zu der höchsten Würde in Frankreich emporgeschwungen und sich den Thron mit dem Blute der 2. Dezembernacht 1852 zusammengrkittet hat, so! wurde zu deren Sühne der Tag vom 2. September 187V; so hoch Napoleon III. gestiegen, so tief ist er auch gefallen. — Ein Gefangener iu den Händen des deutschen Sieger«, ist er nun verurtheilt, fern von Pari« über seine Vergangenheit nachzu. denken, die an ihn mitunter wie die Traumbilder Richard III. vorüberziehen^durfte, welche ruhmvoll verlebte Tage nunmehr umnachten. Mag aber auch Napoleon IU. Ende noch so tragisch sein, mögen jetzt auch die „schwarzen Punkte," die hie und da auf seinem Horizonte erschienen, zu einem dräuenden Ge- Fenillrlon. Memoiren eines jüdischen Seminaristen. m. Nie wir bereiterzählt haben, wohnte Ludolph Tuhok im 4. Stocke de- Seminar-Gebäudein der SB . . . straßr. flwar dieein Kleine-, schmale-, düsteres öimmrrchen, das viel mehr einer üuchthau-öelle wie einer Studtrrfiube glich. In allen Ecken und Enden waren Spinngewebe, die darauf hindeuteten, dadie Rein, lichkeit in den für die Seminaristen bestimmten Spelunken eine sehr irrelevante sei, einige Strohseflel standen in diesem Loch« wie einige Armrnsündrr-Phyfiognomtm neben einander; auf dem alterthümlt» chen, mit Tintenflecken voll gegossenem Tische stand ein irdener Ktug, worin allerlei Reptilien und Ungeziefer dazu bestimmt zu sein schienen, den Labrtrank zu — versüßen. Die ganze Einrichtung hatte etwaungeheuer Trostlose-, Verzweifelte- und VrhmüthigeS. daselbst den größten Phlegmatiker traurig stimmen mußte. 2n diesem kleinen Dachstübchen waren in später Abendstunde circa 10 junge Seminaristen versammelt. Esah hier wie auf der internationalen Liga zu Gens au-, alle diese Studenten gehörten zehn Vaterländern an und alle waren fie herbrlgeströmt, um auwölke zui'ammcngezogen, feinen Glücksstern auf immer verfinstert haben, Napoleon III. hat, cs ist ein unumstdßNche- Axiom, die Tradition seine« DheiinS in der Fortsetzung des civilisatorischen Werkes in Europa zu würdigen gewußt. Nicht der nun zu den Füßen des preußischen König- Wilhelm liegende Imperator allein, dem e« vielleicht noch gegönnt sein möchte, seinem „Leben Cäsar" das eigene Leben zu einer Bearbeitung zu mache», hat die nun erfolgte Schmach des französischen Volke« verschuldet, «ein 1 die Verhältnisse haben die unerwartete Katastrophe herbeigeführt. Die absolute Regierung, die Napoleon III. als da» einzige Mittel schien, die französische Nation, bei ihrem wandelbaren, sanguinischen Charakter, niederzuhalten, sich selbst aber die Dauer des Throne« zu sichern, die auch den Zeitraum von achtzehn Jahren ausfüllte und eben dadurch seine Größe dokumcntirte, diese absolute Regierung wollte daam Gängclbande geführte französische Volk nicht länger ertragen, zu einer Zeit gerade, wo de» Kaiser- Kräfte im Ab nehmenbegriffen waren. Dieser, in dem raschen Nachlassen der solange straff angezogenen Zügel die äußerste Gefahr erblickend, ja die Revolution befürchtend, suchte, nach der Spende einiger Frciheitsdoscn, die Aufmerksamkeit de« in vielen Parteien zerklüfteten Frankreichauf Einen Punkt zu konzrntriren in dem eben die Katastrophe gipfelt, die vielleicht der Kaiser geahnt, daS französische Volk nie erwartet hat. dem vorn, d«»Br-^ . .---er eabbinifchm Kunderisnell-^zisWöpftit ~ und fich zu laben. Cie waren jedoch nicht mehr „Fuchs e." sou. dern „alte Hauser," die die Bänke dcS Seminars fett 8—10’ Jahren abgerieben und in dir Oderstadt bereitallen heirat-lustl. gen jüdischen Mädchen auf Tod und Leben den Hof gemacht. Warum befinden fie sich in der annseligen Wohnung dein Ungarn gefallenen Ludolph Tuhok? Zwei Tage waren nach der Zusanuncnknnst der Br.er Mucker-Versammlung. die de» Untergang unsere-Helden beschloflen, verstrichen und schon war der blühende, kräftige und von üppiger Leben-lust strotzende junge Ungar — gebrochen. Wie geschah die-? Ludolph Tuhok hatte nichtauf Erden, daer so liebte, wie seine arme Eltern, die ihr letzte- Hab und Gut verkauften, um den geliebten Sohn in da-(in Ungarn wie eine Sonne glänzende) Br er Rabbiners«mlnar senden zu können. Dlefies alte Elternpaar etnft glücklich zu machen, .war ver tnntgste, heißeste Wunsch seines Le-rn-, Run beging jedoch ein Geheimschreiber de- Direktor die PerMe. den Eltern Tuhokeine telegrafische Drpefchr zukonmien zu laßen, worin behauptet wurde, Ludolph wäre audem Seminar <n»-g§. stoßen worden. Diese Nachricht erfchütterte den greifen Bat«, andieser telegrafirte an seinen Sohn, ihn nm Aufschluß iu dtrsei my. steriösen Angelegenheit bittend. Natürlich war an der ganzen Deschichte kein wahre- Wort, aber dt« hökllschc Absicht der Kreaturen de» Seminar», ihn um jeden Prei» zu entfernen, that Ludolpch sehr wehe und angeficht» dieser bodenlosen Niedertracht fühite er sich ohninächtlg, den Kampf mit den Hallunken aufzunehmen. Dir.