Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 34 (19.8.1870)
- Date
- 1870-08-19
- Page
- Seite 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2000 Dollar gesammelt. Auch viele Christen haben betrachtliche Summen dazu beigesteuert. In Algier erscheint ein neue- Journal unter dem Titel: 9L' israelite algerien* Redakteur ist Hr. Benisti Nessim. Japan Yokohama. In einer dort sich befindlichen europäischen Kolonie befinden sich auch Israeliten. Herr. 8. Strauß, belgischer Konsul wurde beauftragt den europäischen Begräbnisplatz zu besuchen. Auf den Einwurf eines Geistlichen, daß die Juden nicht bei der Kommission sein können, weil sie keinen Rabbiner haben, antwortete er; Nun wer sagt denn, daß sie nicht bald einen haben werden? (Echo du Japan) jjlUJfLif!.1? UB.l Jl'-Il doch in ganz Deutschland von Ehre und Bürgerthum, Grand-, besitz und Zünften, selbst von vielen Handelszweigen «u»geschloffen, und ihnen 'nur Wucher und Kleinhandel gestattet. Mit allen nur erdenklichen Namen belegte Abgaben wurden von ihnen gefordert, man nahm ihnen das Geld mit vollen Händen, ohne sich darüber starke Gewiffen-bisse zu machen und ohne ihnen dafür den Schutz angedeihen zu lasten, den man ihnen versprochen. ES waren eben .Juden", und da- Wort genügte jenen .sogenannten" Christen ihre- Versprechens, was sie etwa einem solchen gegeben, zu entbinden. Doch lasten wir jene düstern Betrachtungen, die auch ohne Wiederholung nie vergeffen werden; es ist nicht unser Zweck historische Thatsachen niederzuschreiben. sondern nur einen Ueberblick über da« oft erwähnte Judenquartier in Frankfurt zu geben. Die Judengaffe daselbst ist nicht so eng, wenigsten» nicht so ganz, als in manchen andern Städten, aber gewiß leistet sie an Zerfallcnheit, Schmutz und Unrath alles Mögliche. Zur Zeit meistens von Trödl-rn — freilich nicht allein Juden — bewohnt, läßt sich auch keine andere Berbcfferung der Straße erwarten, als durch Nicderrcißen der fast ausnahmslos baufälligen Häuser. Fast nur die Häuser, wo Ludwig Börne und Mayer Anselm Rothschild da- Licht der Welt erblickten, sind in noch einigermaßen bewohnbarem Zustande — vielleicht weil auf deren Erhaltung mehr Sorgfalt verwendet wurde. In einigen Häusern der Judengaffe scheint indessen noch der uralte Typus der Kinder Israels zu sein, nicht allein im Aeußercn sondern auch innerlich. Da cinpsängt und entläßt uns der greise Hausvater, oder die Hausmutter mit dem bei den Juden üblichen Segensspruch, da erinnert Allean jüdische Sitten und Gebräuche, aber man begreift bisweilen auch kaum wie in solchen Räumen, in solcher Um» gebuug, ein Mensch zu leben und zu athmen vermag. Und doch sind für jene Straße, im Berhältniß zu früherer Zeit, wo eine unglaubliche Menschenmasse dort in einem engen Knäul zusammengedrängt war, goldene Tage gekommen. Hat doch der Mensch dort jetzt wenigsten« Raum zu leben, liegt es doch in seinem eigenen Willen, sich ein bestere» .Heim" zu schaffen, und nur der alte Schlendrian läßt ihn in der angegebenen Weise fortleben. Denn schwerlich glaubt man daran, daß ein jüdischer Handelsmann zu arm sei, sich wohnlich einzurichten. Was nun Ludwig Bärne's ehemalige Äahnaug anbetrifft, so gibt uns eine kleine unscheinbare, am Hause angebrachte Gedenktafel Kunde, wer hier geboren wurde. Zwar hat seine Vaterstadt wenig genug für ihn gcthau, fanden doch selbst seine Landsleute in Pari« Zeit und Geld, ihm auf dem Kirchhofe Pere Lachaise ein Denkmal zu errichten. Aber Ludwig Börne hat sich selbst in seinen, allerdings vielfach angefcindeten Schriften ein Denkmal errichtet, was bester ist, als alle anderen, und die seinen zahlreichen Verehrern, obgleich sie' nur aus Fragmenten bestehen weil, seinem ruhelosen Geist die nöthige Ausdauer zu größeren Arbeiten fehlte, stet« eine liebe Erinnerung bleiben wird. Auch daS Geburtshaus des Handclsfürsten und Stammvaterdes in der kommerziellen Welt berühmten Hanse- Rothschild, Mayer Anselm Rothschild zählt, wie bereit« oben erwähnt, zu den bessern, obgleich es immerhin unansehnlich genug ist. Im Januar 174.') wurde dort Mayer Anselm und zwar unter wenig günstigen Auspizien geboren, da seine Eltern unb.mittelt waren und ihn auch nach eilf Jahren al» Waise zurückließen. Ader Mavcr Anselm besaß eine zähe Ausdauer, strenges Rechtlichkeitsgefühl und eine unermüdliche Thätigkeit. Dabei war er fleißig und sparsam und so konnte c« nicht fehlen, daß er sich bald ein kleines Vermögen erworben hatte, was sich schnell genug mehrte, da sein Kredit und Ansehen wuchsen. Seine bekannten Geschäft-verhältniste zu dem Landgrafen von Hesten-Kaffel hoben ihn vollendempor, und wurdep ihm von demselben der Titel .Hofagent" und einige Jahre später „Oberhofagent" beigelegt. M i s c e l l e n. X (Benjamin d'Israeli) stellt in der neuesten englischen Geschichte eine ähnliche merkwürdige Erscheinung dar, wie seine Zeitgenoffen Heinrich Heine in Deutschland und Ludwig Napoleon in Frankreich. Zugleich Dichter und Staatsmann, zeigt er uns ein Janusgesicht, danach der einen Seite den imperialistischen Politiker, nach der andern .romantischen Voltaire" erkennen läßt. Seine großen Naturanlagen vorausgesetzt, muß der HaupterklärungSgrund eines so widerspruchsvollen Wesens bei d'JSraeli, wie bei Heine, ohne Zweifel in der Thatsache seiner jüdischen Abstammung gesucht werden, und er selbst, obgleich nominell ein Mitglied der englichen Hochkirche, hat durchgängig mit so erstaunlichem Nachdruck auf seinem Judenthum bestanden und sich als so leidenschaftlichen Vorkämpfer der jüdischen Ansprüche auf Weltherrschaft kundgethan — z. B. im.Faucotd"—daß die Bedeutung dieses Rassentypus in ihm auch der oberflächlichsten Betrachtung nicht entgehen kann. Der scharfe Verstand, die bilderreiche Phantasie, der schneidende Witz, die zähe Ausdauer des jüdischen Wesens, daö sie dem europäischen Leben gegenüber noch immer als ein Fremdes fühlt, und eben dieser Fremdenartigkeit halber keine Scheu empfindet, züggellos mit allen seinen Formen und Ideen zu spielen — dieser Typus seiner Raffe hat auf englischen Boden in d'Jsraeli einen eben so prägnanten Ausdruck gefunden, wie auf deutschem Boden in Heinrich Heine. Doch sein Ehrgeiz und seine Fähigkeiten waren nicht, wie bei dem deutschen Dichter, auf die Laufbahn eines Schriftstellers und den in dieser zu erringenden Einfluß beschränkt. Schon in ftüher Jugend gefiel er sich in der Vorstellung eines Regenerators der modernen Welt, eines mächtigen genialen Staatsmannes, der vom Schicksal zu der großen Aufgabe berufen sei, die verrotteten Zustände einer zerfallenden Welt von Grund aus zu erneuern, auf dem politisch-socialen Lebensgebiet eine eben so herrschende Stellung zu gewinnen, wie (um nicht mehr zu sagen) seine Stammesgenossen, die großen jüdischen BanquierS, in der Welt der Finanzen. In dieser zweiten Hauptrichtung seine- Charakter« zeigt d'J-raeli sich unverkennbar als den Geistesverwandten Ludwig Napoleons. X l.Die Judengaste in Frankfurt am Main.) Zwar ist die, wegen ihrer Dunkelheit und ihres Schmutzes berüchtigte Judengaffe gewiß nur noch ein Fragment aus jener rohen entmenschten Pöbelhaufen verbannt, um bei den armen verfolgten Juden die Ursache alle- Elends zu suchen was über die Menschheit hercinbrach. Stets wird das jetzige aufgeklärte Zeitalter mit mitleidigem Achselzucken, oder auch wohl beschämt sein Auge auf diese Stätte richten. Wer zählt die Thränen, Gebete die hier von angsterfüllten Herzen zum Throne Gottes emporstiegen? Wer die Flüche und Verwünschungen gegen die Peiniger, die dem Juden nicht einmal das elende Quartier gönnten? Welche entsetzlichen Tage und Nächte mögen die unglücklichen Bewohner dieser Gasse zur Zeit der Judenverfolgungen verlebt haben, als man sie der lächerlichsten Vergehungen beschuldigte! Und nirgend- Schutz, nirgend- Hülfe! Waren sie