Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 30 (22.7.1870)
- Date
- 1870-07-22
- Page
- Seite 280 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Hlelch die hochwichtige Funkzion zu versehen hat, auch etwa» fftr Sache und Tafel seiner Herrschaft beizutragen — und diese« Amt scheint merkwürdiger Weise mit dem jüdischen Kchramtc unzertrennbar — beim Schlachten einer Gan» die Luftröhre ganz unberührt (etwa» Seltene»!) läßt, die Speiseröhre hingegen kaum bi» zur Hälfte durchschneidet. Daso «tcht» weniger al» nach mosaischer Borschrift vom Leben zum Lode beförderte Bich bietet doch einen guten Leckerbissen. Und warum sollte e» nicht, besitzt doch der Herr Schlächter «in von einem Kreisrabbiner ausgestellte» und von einigen Srei»« und Lokalrabbinern gefertigte» Schlächterdiplom? In einem Orte, unweit einer größern Gemeinde bin ich wieder zufällig anwesend, wie der nichtjüdische Fleischergeselle davon dem Schochet der benachbarten CultuSgemeinde geschlachtete, nicht gesiegelte, in einem offenen Behälter sich befindliche, in Porzionen getheilte Fleisch an die auswärtigen jüdischen Parteien vertheilt. Zur Beglaubigung, daß da» betreffende Stück Vieh durch jüdische Hand in den Tod befördert -wurde, trägt der dienstbare Fleischergehilfe einen mit einigen hebräischen Brocken versehenen in einem jüdisch - deutschen, rmverständlichen Jargon abgefaßten Zettel, welcher alsCertisikat in jedem einzelnen Hause, wotzder Sinn für Religion noch nicht ganz spazieren gegangen ist, zur gefälligen Einsicht vorgehalten wird. Nun läßt sich die Frage aufwerfen. Sann mit Benutzung jene» Beglaubigungsscheines nicht auch jedes andere Fletsch den jüdischen Häusern geboten werden? Und, wenn überhaupt, wie lange ist ein solches Fleisch nach mosaischen <8esetze für den Juden genießbar? Zumal von einigen Schlächtern auf dem Lande der Grundsatz aufgestellt wird, Fleisch beim Eise brauche nicht begoffen zu werden. Ich will die geehrten Leser nicht ermüden, um ihnen all tzen Humbug und die Schwindeleien, die auf diesem Gebiete sich bemerkbar machen, vor Augen zu führen. Und wer trägt Schuld an dieser säubern Wirthschaft? Wahrlich, der hohe Beruf, den die hier vermeinten Schuldträger zu vertreten haben und gcwiffenhaft vertreten sollten, stößt zu viel Achtung ein, um seine Träger wieder und abermal ohne gewissen Widerwillen auf die Anklagebank setzen zu muffen. ' UibrigenS scheinen die ehrwürdigen Angeklagten selbst da» verdammende Urtheil der Öffentlichkeit ob der Bernachliffigung ihrtr Pflicht nicht zu scheuen und geben auf diese Weise der Hoffnung wenig Raum, daß sie gesonnen wären, fich jemals zu bessern. Denn wer ob seiner ihm so häufig in« Gesicht geschleuderten Fehler und Mängel nicht erröthet, und alle» mit stoischer Gleichgültigkeit vor sich vorüberziehen läßt, der scheint unverbesserlich verdorben. Oder hat jemand vou diesen geweihten Herren gegen die ihm vielleicht unverdienter Weise iuS Gesicht geschleuderte Insulten seine Stimme erhoben? Und wie lange sollen wir noch diese» sonst so ehrwürdige und geachtete Institut zum Zielpunkte unserer Angriffe machen müßen? »Sein oder nicht sein!" sagt Hamlet. Wer einen Posten einnimmt, der stille ihn auch recht au», «der er tute ab von dem Schauplatze seiner faulen Wirksamkeit! Oder soll die jüdische Religion noch lange zum Zerrbilde und zur Fratze der Lächerlichkeit werden? —M tvocheuchronik. V Zur Pensionirung de» Josefstädter Tehrpersonal». Mit dem 1. Noaeuibcr d. I. wird die Auszahlung der Gehalte de» an der Jojefstädicr Haupt- und Unterrealschule bisher angestcllten Lchrpersonals und der Fortbezug der Pensionen dc» seit 1 SGI in den Ruhestand versetzten Personals auden Sladttcnten eingestellt. Die ist. CultuSgemeinde in Prag tritt nun laut Ucberciukommcn in die Pflicht ein, da» Lehrperson«! der Josefstädter Haupt- und Unterrealschule entweder zu prnsionircn oder für dasselbe, so weit e» ihre kürzere Dienstzett zuläßt, anderweitig zu verwenden. Um nun die Gemeindemitglieder nicht mit einer neuen Steuerlast zu überbürden, bringen wir der istael. Cultu»gemeinde Repräsentanz den über 50000 fl. zählenden jüdischen Gemeindefond in Erinnerung, dessen Zinsmerträgniß zur Deckung der Pensionen so ziemlich beitragen würde. Bei der vollen Pensionirung ziehe man in erster Reihe die langjährige Dienstzeit, sodann j die Dürftigkeit jener Lehrer in» Auge, die faktisch auf ihren l Posten an der Josefstädter Schule angewiesen waren und durch angestrengte Thättgkeit, die nach der Zahl der verwendeten Lehrstunden leicht zu ermessen ist, sich ausgezeichnet haben. Will jedoch die Repräsentanz eine längst im Sinne gehabte jüdische ReligionSschule gründen, so können an derselben jene dienst fähigen Lehrer verwendet werden, deren jüdisches Wissen zur Anstellung an einer ReligionSschule befähigt. — V (Wissenschaftlicher Vortrag) Sonntag den 17. Juli hielt Herr Dr. M. Friedländer im Vereine »Afike Jehuda" einen Vortrag für die reifere ist. Jugend. Er wählte zum Thema die antijüdische Auffassung von Seite der Alexandrinischen Schule des Jrsaias Cap. 7 BerS 9 und suchte zu beweisen, daß die jüdische Religion nicht die de» Glauben», sondern deS Wissens sei. Eignete sich dieser Bortrag schon deßhalb nicht für die Jugend, weil der Verein „Afike Jehuda" keineswegs anstrebt, aus der ist. Jugend ein Philosophantenthum zu bilden, so war er auch zu wenig populär gehalten. Redner griff nach einer Anzahl lateinischer Ausdrücke wie a priori, conditio sine qua non, jurare in verbo magistri, terra incognita u. s. w. die sehr wenige der anwesenden jungen Zuhörer, zum Theile dem merkantilischen Stande angehörig, verstanden haben dürften und sich mehr darnach sehnen, etwas Markantes und Pikantes zu hören als alle Sophisterei! Ist e» auch nicht zu verkennen, daß Herr Dr. Friedländer ein recht genialer junger Mann ist, der mit intensivem Wissen, recht geistvolle Gedanken und Bilder zu verknüpfen weiß, so scheint noch immer seine Phantasie ungemein erhitzt zu sein und mehr für Poesie als trockene Prosa zu schwärmen. Redner ließ dieß leicht merken als er in seinem Vortrage den Mephisto zum Schüler sprechen ließ: Schon gut! Nur muß man sich nicht allzuängstlich quälen; Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Mit Worten läßt sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten. An Worte läßt sich ttefflich glauben Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben. Die Anführung solcher Citate kann man sich wohl in einer schriftlichen Abhandlung gefallen lassen, in einem populären Vortrage scheinen sie nicht am Platze zu sein. Herr Dr. Friedländer, der übrigens über ein kräftiges sonores Organ verfügt, scheint, so wie seine Vorgänger einen populären Vortrag von einer Predigt noch immer nicht unterscheiden zu können. Der elegische Ton, zeitweise begleitet von einem mächtigen Patho» scheinen bezweckm zu wollen, mehr zum Gefühle als zum Verstände der Jugend zu sprechen. wa» ganz verfehlt erscheint, da wissenschaftliche Vorträge mehr auf den Verstand einzuwirken haben. Eine Vermischung ernster Abhandlungen mit etwa» Witz oder Causerieartigem, könnte die Jugend, die bei ausschließlich sericusen Themata'» nach und nach erschlaffen müßte, mehr für die Vorträge intereffiren. Herr Friedländer, dem außer seinerbesondern Vorliebe für fremdsprachliche Ausdrücke, die deutsche Sprache zu Gebote steht, hat c» mit seinem etwa« verfänglichen Vorträge allerdings gut gemeint, aber doch nickt die Aufgabe erfüllt, die er sich gestellt, nämlich die Jugend um rin Wissen mehr zu bereichern; denn al» wir da» VortragSlokale verließen und mehrere schon der reiferen Jugend angehörige Jünglinge befragten, ob sie die Idee deS Vortrages in sich ausgenommen hätten, antwortete mir Einer von ihnen recht - lakonisch: »Wir haben von dem, waS gesprochen wurde, keine Idee." ES wäre überhaupt angezeigt in den populären Vorträgen, die der Jugend gelten, die Religionsphilosophie au»