Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 30 (22.7.1870)
- Date
- 1870-07-22
- Page
- Seite 275 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I V-«S» «Wlftlril V. 5.- Wm*l „ 2-50 «rrlelMi-,, 1*0 «1 Paflzaseadaag: Gaazjiihrig fl. 5.50 HMjiihri, „ 2.75 vierteljährig,, ILO Für- An-land: «aazjährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Jaferate wrrde» billigst berechnet. Die Gegenwart. Israelitische Wochevschrist für politische, sociale und religiöse Iutereffen. | Erscheint an jedem Freitag. Rebakttaa ,. AHM» atßratiaa Pra^ MtttrgaffeRra. 40»—1 awlia tüt vrirfe ». Cklfefcatoigni |« richtea Zaschrtstea »erbe, fraato ertetea. Manuskripte werde» lei RIchtvenaendaag aas vrrlaagea jebach nafraaktrt zaritcker- - stattet. Ur. 30 Die präget Josefstädter Hauptu. Untemalschule und die präget Ltadlgemeinde. Die in diesem Monate erfolgte Auflassung der prager Josefstädter Haupt- und Unterrealschule durch die Stadtgemrinde hat den verfassung-rasenden Tagesblättern Stoff geboten, aus dieser simplen Schulangelegenheit politisches Kapital zu schlagen, um den Juden die HechisirungSlüst deS Stadtverordnetenkollegiums zu demonstriren und sie wieder einmal gegen die Präger Stadtvertretung zu Hetzen. Wir haben *6 bis jetzt vermieden, der Josefstüdter Schulfrage ein Wo>t zu reden, weil deren Lösung einzig und allein auf einer Abmachung zweier Parteien beruht, nachdem diese Frage jedoch in der immer und überall rührigen Clique Staub aufgewirbelt hat, um sie zu einer politischen Frage umzuschaffen, so müffm wir selbstverständlich aus unserer Reserve hrrauStreten, um die Josefstädter Schulfrage, respektive die Auflassung der Josefstädter Schule in'S richtige Licht zu stellen. So sehr wir sonst für die Existenz jenes geistigen Eigentums der prager CuluSgemeinde schwärmten und die Schule selbst für ein Stück des jüdischen Gemeindelebens ansahen, so bleibt uns, trotzdem wir für die Interessen unserer Glaubensgenossen sonst rückhaltlos eintreten, der Rechtsstavdpunkt, den wir einnehmen, ein Palladium, das wir Feuilleton. Aus dm Leben der Rachel. Im Verein für die Geschichte Potsdams hielt Herr Geheimer Hofrath L. Schneider einen Vortrag über die Tragödin Rachel, dem wir Folgendes entnehmen: ES war den 13. Juli 1852. Am Hofe Friedrich Wilhelms IV. wurde dieser Tag, der Geburtstag seiner Schwester, der Kaiserin von Rußland, festlich begangen, um so mehr als diesmal der Kaiser Nikolaus mit Gemahlin die Mecklenburgischen Verwandten, die Deffauischen Herrschaften u. <. am Hoflager des KönigS weilte». Für den Abend war ein Gondelcorso an der Glicnickcr Brücke angesagt, darnach Thec auf der Psaueninscl. Al» Neberraschung für seine Gäste hatte der König die berühmte Tragödin Rachel, welche zwar schon 1850 in Berlin ausgetreten war, aber von dem Könige nicht gesehen werden konnte und jetzt wieder in Berlin weilte, nach Potsdam berufen, um am Abend den hohen Herrschaften auf der Pfaueninsel einige Proben threr Kunst zu zeigen. Dieser Ruf kam der Rachel sehr gelegen, die nicht» sehnlicher^ wünschte, alS Nikolaus von ihrer Persönlichkeit einzunehmen, damit er ihr endlich den Zutritt in Rußland gestatte, dessen Goldregen Ui Jahrgang. einer ungerechten Sache wegen nie entweihen werdm. Do*! Doktorenkollegium der jüd. CultuS-Repräsentanz, dem die deutsche Sache bekanntlich mehr am Herzen liegt als die jüdische, und nur dann die jüdische, wenn esich um die deutsche handelt, erblickte in dem Vertrage, der bezüglich vorgenannter Schule seiner Zeit zwischen der Judengemeinde und der Stadtgemeinde abgeschlossen wurde, eine Verletzung dedeutschen Rechte- und so mußte daehrenhafte Doktorenkollegium durch seinen Pedell Teweles in dem „Tage-boten* eine die Wahrheit total entstellende Notiz bestellen, um den Juden dadüstere Gewölk zu zeigen, welches sich über dem Grabe der Josefstädter Haupt- und Unter-Realschnle zusammenzieht. Weit entfernt den einen oder den anderen Contrahenten in Schutz zu nehmen, genügt es un- Thalsachen vorzuführen, deren Logik hinreicht, jene zu verdammen, die die Schuld trifft, eine Schule, die Bildung-- und Pflanzstätte der israelitischen Jugend, förmlich in die Luft gesprengt zu haben. Die Frage des AnschluffeS der ehemaligen Judengemeinde an die Hauptgemeinde bildete den Anfang, sie nahm in sich und zwar nur durch Verschulden der jüdischen Gemeindevertretung im Jahre 1851 von der noch ein Theil der gegenwärtigen EultuS-Repräsentanz angehört, auch die so vitale Frage der Josefstädter Schule auf und so wie die Anschlußfrage der Willkühr einer jüdischen Repräsentanz entsprungen ward, so ihr dann gewiß war. Denn Rikolau» .haßte dieß Mädchen, da» 1848 auf der Bühne mit der Trikolore drapirt, die Marseillaise gesungen hatte. — Während nun die Herrschaften auf dem „Aiezanbria" oder in Booten sich auf dem blauen Haveibecken schaukeln und mit der jubelnden, jauchzenden Menge in Booten und am Ufer im Blumenwersen ihr neckische» und ergötzliches Spiel, treiben, eilt der damalige Vorleser de» König», i.'. Schneider, nach dem Bahnhof, um die Rachel mit ihrem Bruder nach der Pfaueninsel abzuholen. Da tritt ihm die Künstlerin in einem sehr kostbaren von den edelsten Spitzen gefertigten Kleide, aber in Schwarz, entgegen. »Aber mein Fräulein, warum in Trauer? Sie wissen doch wohl bei Hofe erscheint man gern in hellen Farben I" .„Ganz recht, allein ich wollte höchst einfach erscheinen und wählte schwarze Spitzen, weil man mir sagte, die Ezarin liebe diese Farbe!"* „Wie sehr bedauere ich diese» Mißverständuiß. da gerade dir Kaiserin der Rüsten ain allerwenigsten durch Schwarz an den Tod und Trauer gemahnt sejn will." Doch die Cache ließ stch vorläufig nicht ändern. Auf dem Wege nach der Insel ließ Hosrath Schneider die königliche Equipage am Glienicker Schloste de» Prinzen Karl halten, er pstog hier Rath init Gräfin Haacke und die Toilettenirage fand hier befriedigende» Abschluß. Dir gewandte Bühnenheldin drapirte ihr Kleid, legte auf Kopf und Schulter in graziösen Falten zu einer spanischen Mantillc einen kostbaren Spitzrnschleier der Prinzessin, Prag 22. 3nii 1870.