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Die Gegenwart · 1870-07-15 · 29 (15.7.1870) · p. Seite 272

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
29 (15.7.1870)
Date
1870-07-15
Page
Seite 272 (sequence 6)
Language
German
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272 Mufiksachen Folgendebringen: .Eliasvon Mendelssohn, Thetl 1 und 2 au- Haydn'S .Schöpfung," .Rebekka" von Barnby, „Tde Prodigal 8ouvon Sullivan, Stücke au- „Juda-MaccabäuS", „Salomon" und .Jephta" v. Händel, da- Anthem „Zadok de Priest" und Ouvertüre zu .Esther" von demselben, eine Cantate von Holme-, und — wie gewöhnlich — der .Messias" von Händel. Zu alledem kommen nun noch zwei weltliche Eoncerte, so daß wohl auch der beste Musikmagen übergenug haben kann. Bon den engagirten Gesang-kräftcn hört man nennen: die Damen Tietjen«, Edith Wynne, Einico, Patty Whytok und die Herren Bernon Rigby, Montem Smith, Vewis Thomas und Sautlry, Hauptdirigent endlich ist Mr. Town-hend Smith. R i - c e l l e n. X (Der .Kaufmann von Venedig" und die Inden.) Dem interessanten Buche Rudolph Genre'- .Geschichte der Schake-p eare-'schen Dramen in Deutschland" entnehmen wir folgende charakteristische Mittheilung. Gelegentlich der im Jahre 1780 stattgehabtrn Aufführung der in der Urberschrift genannttn Komödie in Dresden rief der Berichterstatter in 'der .Vit.- und Thraterzeitnng" ganz naiv: .Sollte enicht möglich sein, auch Juden durch'« Schauspiel zu bessern."*) Au- Mannheim wird eine beachtenSwerthe Aeußerung de« Freiherrn von Dalberg über die Rothwendigkcit des jüdischen Jargon« beim Shylok mitgethcilt. In Berlin hielt man bei der ersten Aufführung de« „Kaufmann von Venedig" (1788) eschon für geboten, dem Stücke einen Prolog vorau-zuschicken, welchen Ramler verfaßt hatte, und den Fleck al« Shylok sprach. Dieser höchst merkwürdige Prolog lautet: Run da« kluge Berlin die Glaubensgenossen de- Weisen Mendelssohn höher zu schätzen anfängt, nun wir bei diesem Volke (dessen Propheten und ersten Gesetze wir ehren). Männer sehn, gleich groß in Wissenschaften und Künsten; Wollen wir nun dies; Volk durch Spott betrüben? dem alten Ungerechten Haß mehr Nahrung geben? und Nöthe Denen in'« Antlitz jagen die menschenfreundlich gesinnet Gegen arme Christen und Inden gleich gütig sich zeigen?? Rein die« wollen wir nicht. Wir schildern auch bübische Christen Schilder» «mit Abscheu) verfolg. Christen; wir tadeln der Klöster Zwang und Grausamkeit an den ciflfiicit Glauben-verwandten. Unser Schauspiel zeigt da« Vächcrliche, da« Vaster Au dem entarteten Adel und an den Tyrannen der Erde, Höhnet den schlcchle» Arzt, beschimpft den bestochenen Richter. Straft den geizigen Dicncr-dc« Altar«.—In Rathan dem Weisen Spielen die Christen die schlechtere Rolle, im Kaufmann Venedig- Thun e« dir Juden. - Run wen e« jucket, der kratze sich! so sagt Unser Hamlet. Wir sagen: Wer heile Haut hat, der lache! - X (Eine l o st s p i e l i g e B c s ch n c i d u n g.) In Rew-Orleans wurde vor kurzer Zeit ein Proccß entschieden, der vielleicht einzig und allein in seiner Art dasteht. Der Procrß Rokenthal gegen Meyer entstand dadurch, daß der Verklagte Meyer von Bekannten in BrownSville, Texas, dm Auftrag erhielt. Jemanden zu schicken, der zwei Kinder israelitischer Konfession beschneiden könne. Der Verklagte Meyer nun zeigte den Brief seiner Freunde an Rosenthal, der hier auf hinrriste und die Operation vollführte. wofür er nun von Meyer Dlr. 1000 forderte. Meyer bestritt, ihn beauftragt zu haben i Rickiter Coolry, nachdem er von Dr. HeidengSfelder erfahren, daß die Operation Dlr. MO wrrth sei, entschied zu Gunsten de« Kläger«, dem er Dlr. <»00 zusprach. *)Echade daß da« famose katbolifche Kasino zu Alsergrund, da« erst vor Kurzem eine derartige derüchtige Pret«ausgabe gesetzt hat, aus den Lorschlag diese« klugen und Welsen Krltiku« nicht eingegangrn ist! « r e«l a u. 8. Juli «dokptz K«hat. X (H a j e e b, -d a S Wunder des Orient«.) Der sydenhamer Krystallpalast birgt seit einiger Zeit eine neue Merkwürdigkeit: am südlichen Ende de- Prachtbaues, wo man an die verheerenden Wirkungen des Brandevom 30. Dezember 1868 durch die zahlreichen Trümmer leider noch sehr erinnert wird, ist in einem besonderen Raume eine Maschine aufgestellt, welche Schach spielt. Dieselbe ist von einem Herrn H o o p e r konstruirt und wird allgemein .Hajeeb, da- Wunder des Orients" genannt, denn der Automat hat Charakter und Maske eine- Orientalen. Da« mittelgroße hölzerne Schachbrett befindet sich auf einer hölzernen Säule über einem Kasten, auf dem die gekrelizttn Beine de- Orientalen ruhen. Die Schachfiguren sind sämmtlich gleich hoch und so geformt, daß sie der Automat bequem fassen kann. Hajeeb kann den rechten Arm, den Kopf, sowie den oberen Körper vor- und zurückbewegen nnd hält in der linken Hand den Schlauch einer Pfeife. Er zieht seine Steine, indem er die zu ziehende Figur mit dem beweglichen Daumen, Zeige- und Mittelfinger ergreift und sie auf das betreffende Feld setzt, wobei er den Kopf neigt. Will er einen Stein schlagen, so erfaßt er zuerst denselben, setzt ihn neben da« Brett und stellt dann seine eigene Figur auf den Platz, wo die weggenommene feindliche gestanden hat; bietet er «Schach," so nickt er bei dem betreffenden Zuge mit dem Kopfe; setzt er matt, so zeigt er mit dem Finger auf den mattgesetzten König; gibt er die Partie auf, so legt er seinen König neben da« Brett. Macht ein Spieler einen unmöglichen Zug, so stellt er den gezogenen Stein zurück; wiederholt jener scherzweise solche Züge, so wirft er die Figuren um; er spielt meist sehr rasch und ziemlich gut; spielt sein Gegner zu langsam, so schüttelt er mit dem Kopfe. Die Maschine steht ganz frei in der Mitte des Saales und hat nur einen Aufseher, der einige Fuß von ihr entfernt steht. Bor jeder Partie zieht er mit einem Schlüssel da« Uhrwerk aus und öffnet vier Thüren, um das Innere zu zeigen, in dem man eine Menge Räder und Schnüre erblickt. Die Thüren befinden sich vorn und hinten am Kasten und auf Brust und Rücken de« Türken. Während der Vorstellungen, die gegen ein mäßige-Eintrittsgeld, nachmittags von 2 bis 8 Uhr, wie schon bemerkt, im Krystallpalast stattfinden — die Maschine war zuerst im Polytechnikum ausgestellt — führt der Automat auf Verlangen der Besucher mit wunderbarer Schnelligkeit und Geschicklichkeit die Bewegung des Springer« über alle 64 Felder au«, worauf der Aufseher jedebereits berührte Feld mit einer Marke belegt. Der Zuschauer mag den Springer auf irgend ein beliebiges Feld setzen, die dämonische Hand macht in weniger als zwei Minuten den vollständigen Röffelsprung! Außerdem ist Hajeeb mit jedem Besucycr auf dessen Wunsch zu einer Partie bereit, doch zeigt er hierbei einen durchaus nicht chevalcresken Charakter: al« Sieger verweigert er Revanche, als Besiegter verlangt er keine — er spielt eben mit Jedem nur eine Partie. Auf die Frage nach dem Gehcimniß diese- Kunstwerks kann augenblicklich noch keine exakte Antwort gegeben werden. Daß hier nicht allein eine Maschine, sondern auch eine denkende Kraft arbeitet, wird ein Jeder, der da« Schach nur einigermaßen kennt, wohl wissen — eö beweist die« ja schon der Umstand, daß der Automat in schwierigen Positionen länger, als sonst auf einen Zug warten läßt. Die Nächstliegende Hypothese wäre, eine elckttische Verbindung anzunehmen, doch dieselbe wird durch den Umstand hinfällig, daß dann unserem Gegner unsere Züge auch auf elektrischem Wege übermittelt werden müßten, wa« nach dem eben beschriebenen Verfahren kaum möglich ist. Eine magnetische Vermittelung wäre allzu schwierig, e« bleibt also nur noch die Erklärung die der englische „Punch" gab; sobald die Thüren geschloffen werden, in dem Momente, wo die Partie beginnen soll, steigt rin Knabe oder Zwerg nach Ocffnung einer Fallthttr in den Kasten, resp. den Automattn. Doch mag dem Geheimniß ein noch so ttiviale- Verfahren zu Grunde liegen, das Werk bleibt trotzdem bcwnndernSwcrth.

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