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Die Gegenwart · 1870-07-08 · 28 (8.7.1870) · p. Seite 264

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
28 (8.7.1870)
Date
1870-07-08
Page
Seite 264 (sequence 6)
Language
German
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t 264 Mischt- Geld zu Stande gebracht worden. Würde ein Pest keine Juden geben, so würde die Landeshauptstadt auf dem Niveau deS großen Drbreczin stehen und die reichen Grundbesitzer und Comitatshelden würden in ihrem eigenen Reichthum, ihrem eigenen Stäub und Koth ersticken. Pest ist Heute weder eine deutsche, noch eine ungarische, sondern eine jüdische Stadt, und wir freuen uns d,ssen ini Interesse der Magvarrn und der öivilisation. Wir bitten das Vaterland um alle eventuell hinau-gcworfenen Juden. „Mehr Juden — mehr Licht." Ausland. Posen, den 21. Juni. Hier hat sich in der vorigen Woche «in bebau« licher Fall ereignet, der alrin abschreckendes Beispiel der unhcilsschwangrrcn Verführung in den weitesten Kreisen bekannt zu werden verdient nnd der auf der anderen Seite wirdrium den rrfieutichen Beweis liefert, wie wenig eder fast unerschwingliche Summen vergeudenden Missiovegesellschost gelingt, endlich nach längerem vergeblichen Angeln in dem Meere der BelrhrnngSsucht eine verirrte jüdische Seele derart rn ihr Netz zu ziehen, um sic auch wirtlich als die ihrige für die Dauer betrachten zu können. Bor wenigen Monaten kam hirihrr aus Kollo im Königreich Polen rin des Talmuds beflissener junger Monn, der der strengen Zucht seiner Hrimolhwegen schlechter Führung entlaufen ist. Dieser machte von Ungefähr die Bekanntschalt des in unfern Mauern weilenden Generalagenten der rnglifchrn Mifsionsgrsellschaft, de- Herrn Dr. Hesticrs und wurde ven diesem durch vielfache Versprechungen verleitet, sich taufen zu lassen. Doch , mußte in dem jungen Manne, so schlecht eS auch mit seinem Gewissen bestellt sein mochte, der Entschluß zu diesem frevelhaften Wagnis; noch fijjr schwankend gewesen sein. Denn ein hiesiger TvdtcngrLber hat ihn eines Tages, kurz vor feiner Taufe, auf dem jüdischen Gottesacker gesehen, wo er am Grabe des seligen Rabbi Aliba Eger geweint hat. Und als in den jüdischen Kreisen es inchbar geworden, daß ein ausländischer Jüngling sich arn STficifcftc in der hiesigen Paulitirchr werde taufen lassen, so eilte de>selbe Todlrngrübcr mit einigen arideren Jeic,elitcii in die Kirche, um sich dort zu tibrizengen, eb eS wirtlich derselbe Jüngling sei, ans wrlckim der AisNeli' Irfittr. beider nirdr die tranrige Ver tnnthnig zur Eiwisleit. Unter gießiin Pempr nnd feierlichem Gepränge nnide er non de», Eors.siorialrath Hin. Echnlzc in dir ck Östliche Kirele anlgenemnirn. Er erhielt nun Unter-' ftütznng. Kost »nd Wohnung in dem Hanse des MisstonSprrdigrrS Hefster Doch nicht lange sollte letzterer seines gelungenen Fanges froh werden. Denn in dem trotz der Taufe doch nicht «leuchtet gewordene» ('oiivmiuu erwachte» nun Gewissensbisse und sclrnnzl'che Gefühle der Reue, die er sich nicht scheute vor einer» andern jungen Manne, mit dem er Umgang pflegte, frei nnd offen zu gestehen. Obgleich nun dieser non Gewissensbissen gefoltert worden ist, wurde er noch von seinem Cchntzperiron, dem salbnugsreichen Stelenfänaer drstürnit und brdivht, nicht nur seinen Urbcrtritt seine» Eltern anznzrigrn, sondern diese auch durch Bitten und Belehrung zu veranleissrn, s.inem norangegangenrn Beispiel in der An uahnie des Ehrist»thnmS zu folgen. Da er jedoch von diesen, wie grdübltick, die bitieiflr» Vorwürfe und Verweise erhielt, so wurde er von seinern sich ihm ausdiängrndcn Seelendcglücker wiedrinm so lange behelligt, nochmals aber urifso nachdrücklicher als früher an ferne nnglücklichen Ellern die Ermahnung zur Taufe ergehen zu lassen, so daß er, obwohl er sich unter Thrüne» mit aller M, ckn drgrgrn sträubte, des langen Weigernd milde, sich endlich deck) grnölhigt sah, auch hierin ihm willfährig sich zu zeigen. Denn im andern Falle wlirde ihm von seinrnl Beglücktr gedroht, ihn von jetzt an aller Unters stühung bis auf drei Silbrrgroscheu täglich zu berauben. Er schrieb, aber der Brief wurde von Thräuen so durchnäßt, daß er ihn selbst bald in Stücke zerriß, und am anderen i Tage fand man den beglückten, seelenerleuchteten Convertiten, mit seinen Gebeniemrn um den Leib gebunden, in seiner Wohnung er henkt. Dieses tragische Ereigniß hat hier, sowohl unter Juden als Christen, eine große Sensation und argen den MissionSprediger eine solche Entrüstung erregt, daß er von der Presse des größten Unrechts bezüchligt worden ist. Dieser leidige Fall hat uns die Lehre gegeben, daß, so betrübend auch die Erscheinung in unserem erleuchteten Jahrhundert ist, eine solche elende Seelcnjagd auf arme, verlassene Personen zu machen, um sie ihrem ererbten, ihnen heilig und thrnrr gewordenen Glauben abtrünnig und zuletzt zu Selbstmördern z»> machen, cs doch nicht so geheuer in dem Seelen« zustande so manches Glauben-Wechslers trotz seiner gebesserten Lage und Stellung sein muß, wie der Augenschein es uuS vorfpicgclt. Schlieilich möchten wir der Missionsgesellschaft doch den wohlgemeinten Rath ertheilen, daß, da sie unter Israeliten bei ihrem so kostspieligen Geschäfte so wenig Propaganda macht, sie doch lieber ihre ungetheilte Aufmerksamkeit und Thätigkeil auf ihre eigenen Glaubensgenossen richten möge, um diese, von denen ein großer Theil, wenn auch nicht öffentlich, doch aber innerlich sich faktisch losgrsagt hat von den eigentlichen Tendenzen ihres Glaubensbekenntnisses, zu wahrhaften Gläubigen umzuschaffen, anstatt noch länger ihre Kräfte aus einem Felde zu vergeuden, wo ihr so wenig heilbringende Früchte gedeihen. Und selbst bei dem besten Erfolge, bleibt doch ihr Handwerk immerhin ein höchst elendes, das wie die Gespenster der Nacht nur im Dunkeln umherschlcicht, und nur tut Dunkeln zu fischen sucht. Es wäre endlich Zeit nnd unserem erleuchteten Jahrhundert angemcffen, wenn dieser Schleichhandel und diese unwürdige Seclenkuppelei zur Ehre der Menschheit, die heut zu Tage reineren und edleren Principien als in den Zeiten des fanatischen Mittelalters huldigt, aufhörcn würde; es würde dann auch wahrlich viel Elend und Unheil zu Grave getragen! (Jsr.) I.. Paris. Das WchUhütigkeitS-Comite hat von seinem Präsidenten Hrn. Albert Cohn nachstehenden Brief, deffen Ton sehr rührend ist, erhalten: „Livorno den 1. Juni 187V. Mein lieber Vizepräsident, meine theucre Eollcgen! Gott hat mir in seiner Güte eine neue Gunst erwiesen, indem er mir das Gluck schenkte meinen erstgrbornen Sohn S a m s o n, mit einer Frau nach seinem und unserem Wunsche zu verehelichen. Treu unseren heiligen und lieben Gewohnheiten, die wir in unserer Mitte beizubehalten wünschen, bestimmerr wir, meine Frau und ich, den zehnten Theil der kleinen Mitgift, die wir ihm geben, ten Werken der Wohlthätigkeit, nnd indem wir uns verpflichtet haben diese Summe zwischen Livorno, wenig bcmit eltcn Personen und Jerusalem zu vrrthcilen, bitte ich Sie die Summe die ich Ihnen sogleich bei meiner Rückkehr übermitteln werde, in Empfang zu nehmen und sie auf folgende Weise zu spenden: Wohlthätigteils Eomite 20« FrcS,; Spital 200 Frcs,; Schulen und Waisenhaus 200- FrcS; ArbeilSsct'ule 100 Frcs; Talmud Tora 100 Frcs; Armenhaus, Lchrzeitvcrcin, tfwnDJan 100 Frcs; Gewerbsschnlen t deren Präsidentin Frau Julie Simon ist.) welche unsere Kinder mit besonderem Wohlwollen ausnrhmen 200 FrcS; sttr die Anschaffung einer lombardischen 'Jbligrtion zu Gunsten der Albert Eohn'schcn Bibliothek im Srminär und zur Sicherstellung nach meinem Tode die 200 Frcs: Renten, die sic tragen soll, 250 Frcs. Die Angestellten bei Tempel und Eomite nach Ihrer Einsicht und der unseres lieben Sekretär, Hrn. Kahn 150 Frcs.Im Gan zcn 1700 Frcs. Ich bedauere, liebe Collrgen nicht mehr thun zu können trotz der Nothwendigkeiten, die wir zu erfüllen ha: bcii. In der Hoffnung, daß diese schöne Gewohnheit, da« im Augenblicke der Vcrheirathung gegeben, sich da er halten, wo sie besteht, und dort eingeführt wchrde, wo sie verschwunden, glaube ich, daß unsere Nolhdürttigrn, und über die« die Institute, welche die Mission haben, das Elend zn lindern und durch Unterricht, zuvorzukommen, die Folgen» dieser Maßregeln empfinden würden, welche eine mächtige Aufmunterung für alle unsere Einrichtungen werden dürfte. Nrhuien Sie rc. Albert Cohn.

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