Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 26 (24.6.1870)
- Date
- 1870-06-24
- Page
- Seite 247 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434046--737-4891039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
247 geborenes Knütteln, am achten Tage der Geburt, za einem daselbst wohnenden Israeliten, der den Akt der Brschueidang vorzunrhmen pflegt, and rrsachte denselben um GotteSwillen, auch ihr Kind zu beschneiden. — Dieser weigerte sich Anfang-, doch die Bäuerin bat so dringend and erzählte, eS hätte ihr geträumt, ihr Sohn werde ein Wundermensch und der Erste seine- Zeitalterwerden, wenn sie demselben da- Bunde-, zeichen de- JudenthumS aufdrücken ließe, daß der Mann schließlich ihrem Drängen nachgab und die Operation vollführte. Als diedem OrtSpfarrer zu Ohren kam, stellte er die Bäuerin über diesen ihrem Glauben angethanen Schimpf zur Rede, und forderte sie auf, an dem. Kinde die Taufe vornehmen zu lasten, denn, sagte er, da- Kind würde trotz der vorgenommenen rituellen Operation noch immer ein guter, stommer Christ werden können. — Die Frau blieb jedoch hartnäckig bei ihrem Willen, und erklärte, der Knabe müffe Jude bleiben. Selbst die von dem Pfarrer gemachten Drohungen von Exkommunikation, Kirchenstrafen und ewiger Höllenpeiu vermochten nicht, die Bäuerin von ihrem Borsatze abzubringen. Allen Vorstellungen setzte sie immer nur die Erzählung ihres Traumes entgegen. Bon einer ähnlichen Erfolglosigkeit waren auch die Bemühungen de- Bezirksstuhlrichtcrs begleitet, welcher sich endlich, um die wachsende Aufregung zu beschwich, tigen, gezwungen sah, die Sache dem Komitatsgerichte zur Entscheidung vorzulegen.' — Dieses war liberal genug, hier, über auch da-Gutachten des Herrn Oberrabbiners Landesberg einzuholen und legte demselben die Frage vor, ob das Kind vom jüdischen Standpunkte auals Jude zu betrachten sei oder nicht. Derselbe sprach sich hierüber folgendermaßen auS: „Proselytenmacherei ist dem Judenthume fremd. Es ist un- Juden sogar verboten, die Bekenner anderer Religionen in die unscrige aufzunehmen, nach den Ueb.rlieferungen unserer Väter und den Worten de- Propheten (Micha 4,5). Nur in seltenen Ausnahmsfällen, wenn ein Erwachsener, trotz der ihm von uns gemachten Abmahnungcn seinen Wunsch in das Judenthum auS innerer Ueberzeugung cinzutrcten wiederholentlich und unbezweifelt zu erkennen giebt, ist eS uns gestattet, demselben zu willfahren. In dem gegebenen Falle jedoch wäre eS für uns schmachvoll und nicht nur sündhaft, wenn wir ein unmündiges Kind, gegen dessen Uebertritt von Seite Erwachsener Protest erhoben wird, in den Bund de-JudenthumS aufnehmen würden." In Folge dieses Gutachtens wurde beschlossen, bis zur Zeit, wo daS durch den Landtag zu schaffende Gesetz der Religionsfreiheit in Kraft treten und auch über ähnliche Fälle verfügt werden wird, das Kind der Bäuerin in dem Glauben, in welchem eS geboren wurde, zu belasten. AuS Szegedin wird dem „Fremdenblatt" vom 15». d. M. geschrieben: Ich war während der Bittage hier und begegnete gerade der Prozession, als ich über die Toleranz der katholischen Geistlichen staunte, dabei aber nicht wenig lachen mußte, da ich den Israeliten Jakob Deutsch (Schustermeister), die Fahne der heil. Jungfrau Maria und den Schneider Israel Fischer (ebenfalls Jude) die Fahne mit der Dreifaltigkeit tragen sah, wie derselbe ganz ernst, entblößten Hauptes, stolz unweit der Geistlichkeit die ganze Prozessionszeit mitmachen mußte. Nachmittag begegnete ich Herrn Deutsch und frug ihn, wie er als Jude dazu kam, die Fahne der heiligen Jungfrau bei der Prozession zu tragen, da erzählte er mir, daß an ihm die Reihe als Meister wäre und er, wenn erdie Fahne nicht tragen wollte, 3 fl. öfter. W. als Strafe zahlen müßte. — Dies sc« ihm zu viel, darum ging er lieber selbst. Au« Crzanow, 14. Juni, wird berichtet; Der hiesige Rabbiner sprach über ein Mitglied seiner Gemeinde den Bannfluch au-, weil der Unglückselige bei einem HochzeitSschmause über die Rase seine- Rabbi gespottet hatte. Die Geschichte endete mit einem Kriminalprozeffe, durch welchen dem „Verfluchten" die ihm gebührende Satisfaktion zu Theil wurde. Neuerlich kam ein der hiesigen Synagoge abermalzu bedauerlichen Auftritten.- Ein Jude sollte vom Rabbi «xkommunizirt werden, well angeblich durch sein Verschulden ein Anhänger der RabbinatSpartei zum Militär astentirt wurde. Der Exkommuntzirte ließ sich jedoch nicht so leicht auS der Gemeinschaft seiner Glaubensgenossen hinauSdrängen und da man ihn ander Synagoge entfernen wollte, so rief er eine Gendarmerie-Patrouille zu Hilfe, die ihn wenigste»» gegen Thätlichkeiten schützte. Ausland. Leipzig. Das hiesige „Tageblatt" berichtet über die Jubiläumsfeier de- Dr. Jellinek. Dr. Jellinek hatte die an ihn ergangene Einladung, den Tag, da er vor 25 Jahre» zum ersten Male und zwar hier gepredigt, hier zu feiern, freundlichst angenommen. Am Donnerstag früh traf derselbe mit Gemahlin ein.und wurde von einer Anzahl Freunde feierlich empfangen. Am Vorabend des Pfingstfestes begrüßte bei Gelegenheit der Predigt Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt in begeisterten Worten den Jubilar als Mann des „Worte-" uud als „Kenner der Schrift" und flehte den Segen de» Herrn auf das Haupt seines auserkorenen Rüstzeugs herab. — Am Sonntag, nach feierlich vollzogener Eonfirmation einiger Mädchen seitens des Herrn Dr. Goldschinidt, hielt der Jubilar die Festpredigt: „Die Religion auf der Höhe". Wir müffe» cö uns au dieser Stelle versagen, den überreichen Inhalt derselben auch nur annähernd w edcrzuzeben, und können nur berichten, daß deren W'rkung eine wahrhaft zündende und nachhaltige war. Die dann folgenden Gratula» tionS- und Banketlfcicrlichkeiten können hier nicht ausführlich geschildert werden, sie bewegen sich wohl im Kreise deS bei solchen Gelegenheiten lieblichen; die reiche Füll: deS Geiste», der dabei entfaltet wurde, und der Theilnahme von verschiedenen Seilen, die dabei sich zeigte, ist jedoch ungewöhnlich, wie die Begabung deö Gefeierten. Berlin. 7. Juni. Da? hiesig: Stadtgericht hat vor einigen Tagen einen Bekenner .der jüdischen Religion zum Vormund eines evangelischen Kindes verpflichtet. Es ist bieder erste derartige Fall. _ Bonn. Dr. Ludwig P h i l i p p s o n richtet in Sachen der Judenverfolgung in R n in ä n i c n Nachstehendes an die „Köln. Ztg.": Äuö Bukarest werden jetzt die öffentlichen Blätter mit Versicherungen überschwemmt, daß die Berichte über die jüngste Judenverfolgung in B o tt u s ch an übertrieben seien, und daß Letztere vielmehr auf — einen Scherz hinausliefen, dem politische Motive eine gesuchte Auslegung verliehen. Es ist dies unwahr. Es liegen mir authentische Berichte aus Bottuschan vor: zweitägige Demolirungen zahlreicher, von Juden bewohnter Häuser, das Zerschlagen von Möbeln, das Ausrauben ihrer Vorräthe, die körperliche Verletzung vieler Individuen, Greise, Bk Inner, Frauen, Kinder, so daß viele Verwundete noch heute darniederliegen — ist dies alles ein Scherz? Und wenn die Behörden solchem Gebühren wilder Haufen von Gymnasiasten, Gastenbube» und betrunkenen Arbeitern ruhig und thatlo« zuschen, könne» die Klagen der Mißhandelten vor dem einzigen ihnen z» gänglichen Forum der öffentlichen Meinung in Europa, ihm» verargt werden? Die jüdische Gemeinde in Meiningen hat da« Bedürfniß, einen Friedhof anzulegen, und nachdem ihr von höchster Stelle (dem Herzog) die Erlaubniß versagt wurde, rin dazu erworbene» Grundstück zu dem erwähnten Zwecke zu benutzen, hinge»« der Platz hinter dem allgemeinen Friedhofe als geeigneter angewiesen worden, begrüßte sie diesen Vorschlag mit Frende», um durch Anlegung de« Friedhöfe« neben dem christliche» wieder eine Schranke de» EonfestioaaliSmu» fallen zu sehr». Um jedoch leicht auf da- Grundstück hinter d«m christlich« Friedhöfe zu gelangen, muß man den Weg durch denfelb» benutzen dürfen, weshalb der Vorstand der jüdischen OmriaW ein dleSfallstge» Gesuch an den Magistrat »nd Ge«ei«der»ch