Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 18 (29.4.1870)
- Date
- 1870-04-29
- Page
- Seite 179 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434030--661-4890971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
179 begeistert habe und dessen „Hirondelles“ vom wichtigen Hauche der heiligen Schriften erfüllt seien. Ludwig Wihl ist ein geborener Rheinländer, weilt aber seit 20 Jahren in Frankreich, wo er Lehrer der deutschen Sprache am Lyccc von Grenoble war, hat diese Stelle aber seiner vorgerückten Jahre wegen aufgeben müssen. Der Aufruf wendet sich an die französischen und an die deutschen Israeliten zu gemeinschaftlicher Betheiligung. London. Sir MoseS Montefiore berichtet im „Jew. Chr.", baß er, nachdem er unfern hungernden Glaubensgenossen in Jerusalem eine ansehnliche Unterstützung überschickt, auch für die Christen und Muhamedaner daselbst je 1200 fl. gegeben bat. Bran. (Algier). Der Un. iSr. schreibt: Wir haben schon oft Gelegenheit gehabt, über den großen und verdienstvollen Einfluß zu berichten, den Herr Haim Benichu in Oran im Gcneralrath und Municipalrath zu Gunsten deS israelitischen Cultus auSübt. Auch heute haben wir AehnlicheS mitzl'thcilen. An einem Samstag war der Municipalrath versammelt, man votirte eine Summe zur Unterhaltung der israelitischen Schulen. Einige Mitglieder wollten den Betrag von 1800 FrcS, zur Besoldung von Rabbis unter dem Vorwände gestrichen wissen, weil diese Ausgabe ausschließlich für den Unterricht im Hebräischen bestimmt ist und darum nicht von der Municipalität zu übernehmen sei. Man wollte schon darüber beschließen, als ein Mitglied bemerkte, daß eS nicht recht sei, über Fragen zu verhandeln, die den israelitischen Cultus betreffen, während der wahre Vcrthcidiger der israel. Interessen abwesend ist. Der Municipalrath vertagte hierauf die Frage zur Beschlußfassung auf Montag. Herrn Benichu, der der nächsten Sitzung mit anwohnte, gelang es nicht nur diese Summe zur Besoldung von Rabbis durchzusctzen, sondern er brachte cs auch dahin, daß man an der israelitischen Knabenschule noch einen weiteren Lehrer anstcllt, wodurch einem schon längst gefühlten Bedürfnisse abgeholfen wird. M i s c e l l e n. X „SchelPeßa ch." Der christlich-germanische Wiener, der in der letzten Woche gcmüthlich die Straßen, vorzüglich jene, welche trotz der konfessionslosen Strömung, doch noch immer den strcngkonfessioncllen Charakter beibehalten haben, durchschlcndert, wird sich verwundert fragen, was jene fremdartigen krausen Hieroglyphen, die ihm überall von den AuSlagfenstcrn der „Italiener" und „bürgerlichen Fragner,, entgegenstarrcn, wohl für eine Bedeutung haben mögen. Aber selbst die Aufklärung, die ihm durch die wortgetreue Uibersetznng „für Ostern" zu Theil geworden, wird ihn kaum befriedigen und das Geheimniß, welches hinter den mystischen Zeichen steckt, enthüllen können. Jedermann weiß, daß die Inden, weil sie bei ihrem raschen, unvorbereiteten Auszüge aus Egypten, in aller Eile unfertiges Brod ducken, znm ewige» Andenken an dieses leider etwas verdauungswidrige Ercigniß feit Jahrtausenden alljährlich eine Woche hindurch aus frommerDankbarkeit nur „Ungesäuertes" essen. Die Verherrlichung dieser Episode findet selbst die unserer Zeit die gebührende Anerkennung umsomehr, als in den letzen KriegSepochen nicht jedes Volk an die Momente dcö „schnellen Abkochens" die Erinnerung einer glücklichen Katastrophe zu knüpfen weiß. —Wenige wissen aber, wie-diescs einfache Gebot der Pietät im Laufe der Zeit durch die grübelnde Weisheit der unfehlbaren Rabbiner zu einer ganze Folianten füllenden Nomenklatur von „unerlaubten Säuren", die selbst einem Liebig und Bunsen noch fremd sind, angewachsen. Im« mit den Gesetzen der Chemie und Naturwissenschaften so^ sehr vertranten Schriftgelehrten haben unter mannigfachen ganz abenteuerlich klingenden Verdächtigungen, wodurch so viele harmlose Leben-mittel als „Säuerlinge" perhorre-zirt wurden, sogar den Zucker in dem Argwohn einer ihm anhaftenden „gottlos-» -Säure" nicht uuverschout gelassen. In wiefern aber diese durch die bloße Anwesenheit de» Rabbiner» bei der Raffinirung des Zuckers, oder selbst durch das Sieget» lack, mittelst deflen das Koschergeprägc aufgedrückt wird, gebannt werden soll, ist eben ein Geheimniß „schel Peßach., DaS Bedeutendste auf dem Gebiete der Mystik leistete unstreitig ein tranSletthanischer Scelenhirt, dessen Prohibitivsystem sich sogar bis auf die unschuldigen Zündhölzchen erstreckte und der auf die Frage eine» seiner vernünftigen Schafe, warum man am Osterfeste keine Zündhölzchen gebrauchen dürfe, die klassische Antwort gab: „Man darf sie schon darum nicht brauchen, weil man doch nicht wiflen kann, aus was sie gemacht sind." Hier unterscheidet sich eben die tran-lcithanische, den Bildungsgrad kennzeichnende, naive, primitive Orthodoxie von der cisleithanischeu sogenannten „neuen, freiem Orthodoxie", unter deren Aegide den Gläubigen in W'en sogar „Sodawasser schel Pcßach" oktroyirt wurde. Wodurch sich aber die Kohlensäure in dem Sodawasser „schel Pcßach" von der des Alltäglichen unterscheidet, das ist eben wieder ein Geheimuiß „schel Pcßach". Oder sollte jenes mysteriöse Präparat einige Achnlichkeit mit dem Getränke des Diogenes, besitzen, von dem rin altes Studentenlicd erzählt, daß er Zuckcrwasscr ohne Zucker trank? Und weil nur jene Artikel, welche nach allen Regeln der theologischen Chemie untersucht und geprüft werde«, zum Gebrauche zulässig sind, ohne daß ans die Qualität oder sonstige Beschaffenheit des .zu prüfenden Gegenstandes auch nur die geringste Rücksicht genommen wird, so lassen sich die Produzenten die günstige Gelegenheit nicht entgehen, solchen Erzeugnissen, die sic nicht an den Mann bringen können, die heiligen Peßachwcjhe crthcilcn zu lasse», und so kommt cs, daß der Wein „schel Pcßach" sich gewöhnlich durch einen Geschmack auSzcichuet, der nnS auf Augenblicke ganz vergessen läßt, daß wir das Fest des „Ungesäuerten" feiern. Ja freilich haben selbst die heiligsten Männer die Unsträflichkcit des „frommen Betrüge." gepredigt. Etwas Anderes aber ist es allerdings, wenn man sich so weit in die Skepsis verirren und die Frage auswerfen wollte, ob diese frommen Herren nicht besser und würdiger ihre» Amtes walten würden, wenn sic diesen schönen alten Brauch auf die ursprüngliche Einfachheit zurückfnhrten und von dem ciugeschlichcnen Humbug .befrcicten? Gewiß wür den sic mit solcher rettenden Thal alle Herzen gewinnen, vorzüglich jene der Armen ans dem Volle, die von dem heiligen Pcßachschwindrl am empfindlichsten getroffen werden, indem sie beispielsweise das Siegellack an de», Ostcrzucker so thener bezahlen, daß selbst die fabelhaften Preise, welche die Fürstin Lori im Wohlthüligkcits-Bazar für diesen Artikel erzielte, gegen jenen spottbillig genannt werden können. Es wäre dies eine sehr lobcnswcrlhc und achtunggebietende, wenn auch leine lohnende Frömmigkeit „schel Pcßach". Und lohnend iir das. heilige Geschäft der frommen Peßach-Wcihe und lohnend für das Rabbinat und für Alles, waS d'rum und d ran hängt. Denn ivare selbst das ganze Rabbiner-Kollegium vom frühesten Morgen bis in später Nacht auf der Wache, cö könnte kaum einen von den zahllosen, sauerstossvrrdächtigrn Artikeln gehörig überwachen. Est werden daher für die Dauer der Ostcrfesttage aus den Reihen deS Volkes solche Individuen fgcworben, welche mit der erforderlichen Qualifikalion auch noch das Talent de» SpivnircnS verbinden, diese werden mit unumschränkter rab» binischcr Machtvollkommenheit ausgestattcl und heißen Glcmbcnswächter „schel Pcßach". Diese GlaubcnSwächtcr, welche fchaarenweife die verschiedenen' geweihten Lokalitäten durchstreiften und überickt ihre Spürrrnafe hincinstecken, sind für die harmlosen Besucher eines sogeüannten .Kaffee „schel Pcßach" rin wahrer Horror. Hier ist der eigentliche Tummelplatz dieser radblni» schen Miliz, hier lagert sie von Sonnenaufgang bi« Mitternacht und bewacht imt-- Argusaugen jeden Schritt mA Tritt der Gäste.