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Die Gegenwart · 1870-02-25 · 9 (25.2.1870) · p. Seite 83

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
9 (25.2.1870)
Date
1870-02-25
Page
Seite 83 (sequence 1)
Language
German
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t aßonnirtfür Prag: vauzjährig fl. 5.— Halbjährig „ 2.50 vierteljährig,, I SO Mit Postzaseaduvg: tSaa-jährig fl. 5.50 Halbjährig „ 2.75 vierteljährig,, 1.50 FürS Ausland: Saa-jährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Iajerate werden billigst berechnet. Die Gegenwart. Hrgan sür die Interessen des Judenthums. Erscheint allwöchentlich am Freitag. «ebaktia» flb»iniflratia, Prag, Ritter, afle Re,. 408—l »ahia alle vriese u. Seldltndnagen zn richten sind. Zuschriften werde, franco erbeten. Manuslripte werden bei Richtverwendung ans Prrlangru jedoch unsranlirt zurück» stattet. Ur. 9. Die Juden in Löhmen. ii. Wir haben in der zweiten Nummer dieses Jahres in diesen Blättern daS Verhältnis zu beleuchten versucht, welches sich zwischen der böhmischen Nation und den israelitischen Bewohnern dieses Landes entwickelt hat, und mit Bedauern darauf hingewiesen, daß von beiden Seiten eine Unduldsamkeit eingetreten ist, wie sie endlich zur vollständigen Abneigung auSarten mußte. Solche Gegensätze find schon in persönlichem Verkehr sehr bedauernSwerth, im Völkerleben aber oft von den weittragendsten und unglücklichsten Folgen begleitet. Wir müssen, wollen wir gerecht sein, beiden Theilen gleich große Schuld dieser traurigen Erscheinung beimessen; den Juden, daß sie sich von einer egoistischen Kotterie zu geradezu unvernünftigen Demonstrationen gegen die Ma« loritöt der Bevölkerung in Böhmen Hetzen lassen, und den Böhmen, daß sie mit Ungestüm das verlangen, was endlich — nach der Natur der Sache—nur langsam und schrittweise erreicht werden kann. Wäre eS den Böhmen ernst mit dem Wohlwollen, das sie den jüdischen Mitbürgern entgegen tragen wollen, so dürften sie nicht gleich die Geduld verlieren, nicht von einem Extrem ins andere überspringen, wenn nicht momentan der ganze erhoffte und erwünschte Erfolg erzielt wurde und dies zwar in Erwägung des Momentes, daß der natürliche Gang der Dinge kein sprunghafter ist.— Seit 200 Jahren nämlich war die Erziehung der Juden in Böhmen, wie sie auch gewesen sei, jedenfalls keine böhmisch-nationale, so wenig wie bei den übrigen Bewohnern dieses Landes, seit circa einem ///. Jahrgang. Jahrhundert aber war sie eine exklusiv deutsche; der Jude nun, der eines wahren Enthusiasmus fähig ist, in dcffen Herzen die Dankbarkeit tiefere Wurzeln zu schlafen vermag, bewährte eine innige Anhänglichkeit, nicht so sehr für die deutsche Nation, als vielmehr für ihre Literatur und Sprache, denen er allerdings seine geistige Emanzipation verdankt. Wie konnte man also annchmcn, daß er vtanto peile mit seiner ganzen Vergangenheit brechen, augenblicklich die ganze Art seines Denkens und Seins vertauschen werde? Nichts Geringeres aber muthete die plötzlich an ihn herantretende Mahnung, sich unbedingt dem Ecchenthum hinzugeben, ihm zu! Gönnt sich selbst der erklärte Feind jeder Festung, die er nicht mit Sturm zu nehmen mag oder kann, eine Ueberlegungsfrist zur Kapitulation; der Jude aber war nock nicht recht zur Besinnung gekommen, noch hatte er sich nicht einmal bezüglich der neuen Sachlage orie»tirt, dg begannen schon die Geschütze der böhmischen Journalistik gegen ihn von allen Seiten zu donnern. — Man bedenke doch: Noch sind die Narben, durch zweitausendjährigc Fesseln dem Leibe des Juden eingedrückt, nicht vcrharrscht, da schmerzt jeder Nadelstich. DaS war ein Kapitalfehler der böhmischen Organe. Der Jude mußte und muß erst für die böhmische Nationalität herangrzogen werden, und zwar nach den Regeln einer gesunden Pädagogik, durch sanfte Mahnung, nicht durch rauhe Stöße; diese haben den Uebcrgang verleidet, wenn nicht ganz unterbrochen. Dadurch wurde ein tiefes Mißtrauen ins Herz der Juden gepflanzt, denn noch habe» sie sich — wenigstens nicht bevor die jetzt waltende Eassinocliquc ans Ruder kam — nicht solchen Ausschreitungen der Parteileidcnschast hingegeben, Prag 25. Februar 1870. Feuilleton. Plaudereien (zweite Folge.) II. Co oft ich daS Urthcil der Rcpräsentanz über den jüdischrn Moniteur in Prag au» Ihrem Munde vernehme, lautet es : Rieht» als Dpofition, nichts al» Oposttion l Cie würden mich nur verbinden, wenn Eie dem jüdischrn Miuisterkolleginm antworten würden : „Cr schreit, schreit er, ich schrei. " Ich leugne e» freilich nicht, daß all' die Dinge, wir sie sich im Schoße de» handeismännischadvokatischen Ministerium» in der Belrlesgaffr zntrogen, einer scharfen Kritik de» kleinen Moniteur» unterzogen werden muffen, die jedem einzelnen de» gesetzgebenden Körper» gegenüber der Alt- «euschule nicht konveniren mag. Wenn ich so dir jüdffche Time» durchlest, finde ich nicht-al» Wahrheit und Wahrheit ist dem kleinen Culturvölkcheu im Hause „zur bloßen Komödie," der Meerrettig, der gerieben, in der Rase beißt. Ich verkenne, gleich Ihne», nicht dir ehrlichen Al stellten jener Herren der Cituation, die sie verfolgen, ich weiß so gut wie Cie, daß sich diese Absichten um die egoistische Seite jener Männer l»en»ege«i, denen stc ehrlich erschein«» und je inehr ich darüber nachdcnke. desto mehr findeich den Ausspruch eine»„hochachtbaren" tKemeindemitgliedc», die jüdische Rathsstube sei nicht» andere» al» ein Ableger de» deutschen Kaff, no'», gerechtfertigt. Dasselbe „hochachtbare" Kemkindtmitglird will sogar wiffen, wenn man dein einen einen lande»ausschußlichen Abschied geben, den andern au» dem Landtage nach Hause schicken und dein dritten die HandelSkamnier vor der Rase znsperren würde, allen diesen Demiffionirten der verfaffungssreundliche Ddem entzogkn und die Lust beiiomme» würde, jüdisch.deutsche Politik zu treibe». Ja. Eie verzeihen schon, jüdisch ist den Leuten unter anderen politischen Verhältnissen ein Vors, da» ihnen wie rin Hexenschuß diirch da» Rückrath lauft, und ein podagristlsche» Leiden verursacht. Diese Leute denken, r» sei zu jüdisch wenn inan jüdisch ist und dadurch

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