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Die Gegenwart · 1870-01-14 · 3 (14.1.1870) · p. Seite 32

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
3 (14.1.1870)
Date
1870-01-14
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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1 — 32 — Philantropischrn Anstalt Jakobsohn-, trug dafür Confirwanden vorgeschriebene Rituale so vernehmlich und mit so richtiger Accentuirung wie ein vollsinnigrr Knabe vor, und folgte der an ihn vom Direetor der Anstalt, Herrn Deutsch gehaltenen Ansprache, die er vom Munde ablaS, mit voller Aufmerksamkeit und mit gründlichem Verständlich. Herr Dr. GünSburg nahm von dieser Feierlichkeit Bcranlassung, dem Taubstummen-Jnstitutc 50 fl. und fünf armen taubstummen Zöglingen fünf Sparcassabüchlein mit je 50 fl. zu schenken — eine sehr praktische und empfehlenswerthe Weise, an armen Kindern WohlthätigkcitSacte auSzuübcn. — Der Vorstand der Wiener israel. Kultusgemeinde hat den Prediger Herrn Dr. Mori; Güdemann zum Rabbiner ernannt. Dr. Güdemann, eine geborener Hannoveraner, war ögling des Rabbiner Seminars in Breslau und früher rediger in Magdeburg. Cr ist 34 Jahre alt. —(Begnadig u u g.) Der im Jahre 1866 auf Anklage der Gräfin Grün ne wegen Fälschung der Unterschrift eines Wechsels, lautend auf ihren auf dem Schlachtfeld«: bei Königgrätz gefallenen Sohn, zu vier Jahren schweren Kerker vcrurtheilte Markus Hirschfeld ist durch den Kaiser begnadigt und au« seiner Haft entlassen worden. — Der Börsianer Reich hatte vorgestern im Gedränge vor der Börse in der Strauchgasse sein Notizbuch mit einem Betrage ron 1200 fl. verloren, welches bald darauf von einem Dicnftmanne RamcnS Glolner gefunden und dem Vcrlnstträger behändigt wurde. Reich rrtundigtc sich nach den Verhältnissen desselben, und als er erfuhr, daß er Familienvater mit 4 Kindern sei, nahm er das Notizbuch und schenkte dem redlichen Finder die darin enthaltene Baarschaft von 1200 st. AuS Pest, (5. d. M., wird geschrieben: DaS Leichenbcgängniß des Herrn Karl Stern hat heute Nachmittags in aller Stille stattgcfuiidcn. Der Unglückliche hatte einen- Verlust von 200.000 fl. an der Effcttcnbvrsc erlitten, dessmnngeachtct soll sich in seinem Nachlasse noch ein Aktiv- Vermögen vorgefuiidcn haben. Stern war 27 Jahrrralt und' erbte nach dem Tode seines Vaters ein beträchtliches Vermögen. Dieser, ein achtbarer Kaufmann, hatte ihm ein großes Gut vermacht und wollte so seinen einzigen Sohn alö wohlbestallten Oekonomen bestens versorgt wissen. Doch der Sohn kam häufig nach der Hauptstadt und fand, daß man auf der Börse schneller reich werden könne, einige glückliche Spekulationen in Pestcr Straßenbahnen fesselten ihn an die neue GlückSguelle, er verließ seine Pachtung und bildete sich zum Börsianer heran. Die Pestcr Straßenbahn, welche ihn die Börse liebgcwinnrn ließ, sollte jedoch sein Unglück sein; er nahm einige hnndcrt Stück in Depot, verkanste diese lind begann dann in der Contrcminc zu spekuliren. Dach zn Neujahr hoben sich seine Effekten und er wurde mit der Ablieferung gedrängt. Am 4. d. M. fuhr er ins Stadtwüldchen und erschoß sich. Der Schuß traf so sicher' ins Herr, daß der Tod augenblicklich erfolgte. Ein Konstabler hörte den Sckmß, durchsuchte die Taschen des Unglücklichen und fand seine Adresse, vcranlaßtc den Transport der Leiche ins RochnSSpital und ging spornstreichs zu der alten Mutter des Entseelten, um ihr die entsetzliche That des Sohnes milzuthcilcn. Der Schmerz der Mutter, welche ihren einzigen Sohn verloren, soll ein unbeschreiblicher gewesen sei». Durch 36 Stunden blieb der Leichnahm in der Todtenkanimcr. Der Mann, der mit Hunderttauscndcn gespielt hatte, lag in Gesellschaft von 8 Leichnamen von armen Leisten, die selbst keine hölzerne Truhe erhalten. Erst heute Walde er ins Israeliten Spital geführt, von dort ins Haus seiner Mnitcr und dann ins Grab gesenkt. Lrirst lNekrologie) Die israelitische Gemeinde in Triest erlitt durch das Ableben ihres würdigen ObcrrabbtnerS, Herrn Professor Marcus Tcdcschi, welcher in seinem 52. Jahre an» 17. Tcwcs d. i. am 21. Dezember nach längerem Leiden in ein besseres Sein überging, einen sehr großen Verlust. Er wurde in Piova im Monferratischen, im Jahre 1817 geboren; sein Vater war der berühmte Odcrrabbincr Felix Tedeschi, unter dessen Leitung er seine Studien am Collegium Foä zurücklegte, und sich große theologische Gelehrsamkeit und andere Wiffenschaften aneignete. Im Jahre 1848 wurde er Professor der schönen Wiffenschaften, und nachdem er die RabbinerSwürde erlangt hatte, zuerst Rabbiner in Nizza dann in Monferrato, später in Saluzzo, hierauf in Aste. Wegen seiner außerordentlichen Rednergabe und Gelehrsamkeit wurde er zuletzt nach Triest, einer der größten Gemeinden Italiens, als Oberrabbiner berufen, welchem hohen Posten er 12 Jahre Vorstand. Durch sein ausgezeichnetes Rednertalent und seine herrliche AnSdruckSweise wußte er auf das Gemüth seiner Zuhörer mächtig einzuwirken, durch seinen sreunvlichcn Umgang erwarb er sich allenthalben Wohlwollen und Hochachtung. Seine Schüler liebten und verehrten ihn wie einen Vater. Er ist auch Verfasser mehrerer gediegener Werke und stand deshalb mit den größten rabbim« schen Gelehrten Europas in Verbindung, worunter wir nur die Herrn Albert Cohn und S. D. Luzzato anführen. Die hohe Achtung, in welcher Verewigte stand, äußerte sich auch bei dessen Leichenbcgängniße, welches am 23. statt fand, denn die höchsten Stadt- und andere k. k. Beamten, mehrere Kon« sulcn, Gymnasial-Professoren, die vornehmsten Mitglieder der israelitischen Gemeinde, ferner Depntirte aus andern Städten, so wie auch eine ganz große Menge Glaubensgenossen und andere ReligionSgenoßenschaften gaben ihm das ehrenvolle Geleite. Die über ihn gehaltenen Trauerreden liefern die besten Belege, welchen großen Verlust das Judenthum durch dessen Ableben erlitten. Auch erschienen die italienischen israelitischen Journale dieses Mal mit schwarzen Rändern. Triest. Die vorletzte Nummer des Ovrriere israelitico» wurde in Rom wegen des Artikels „die Religion der Zukunft" konfisziert. Anstand. Bukarest, 31. Dezember. Ein Antrag LaScar Balliac's, die Kammer möge eine Kommission wählen, welche ein Judcngesetz ausarbeiten soll, wurde den Sektionen überwiesen. Die Kammer ging alsdann mit einem Vertrauensvotum für die Regierung zur Tagesordnung über. Rom. Man schreibt der „Triester Ztg.": Wir haben seit dem Beginne des Conclls hier unablässig Regengüsse, welche die ohnehin schlechtbestellten Strassen unzugänglich machen und mit so ungewohnter Hartnäckigkeit anhalten, daß der FlavuS Tiber bereits alle tieferlicgenden Stadttheile überschwemmt hat. Der Platz, auf welchem das am besten erhaltene auf unsere Zeit gekommene Meisterstück alter Baukunst, das Pantheon, steht, die nach dem Vatican führende und andere Strassen sind theilweise unter Wasser. Am ärgsten sind jedoch die armen Juden daran, in deren Ghetto das Flußwaffcr bereits über das Erdgeschoß gedrungen ist. Tic unglückliche jüdische Bevölkerung Roms ist, wie Sie wohl wissen werden, in einem der ältesten Stadttheile zu wohnen vcrurthcilt, wo sie in den engsten Strassen in vierstöckigen Häusern des gebrechlichsten Alters und in wahren Höhlen von Laden ihren Handel und Wandel treibt. Noch unter dem früheren Papste Gregor XVI. wurde dieselbe mit cinbrechcnder Nacht von der übrigen Stadt durch zwei große Eiscngittcr abgeschlossen, was bei FcucrSbrünstcn oder plötzlichen Ucbcrschwemmungcn eben nicht sehr väterlich war. Aber auch heutzutage ist den Juden nicht g e st a t t e t, sich in anderen besser gelegenen Theilcn der ewigen Stadt nicdcrznlassen. Ja, über zehntausend Menschen sind verurthcilt, jährlich eine Ueberschwcmmung zu bestehen, welche ihre Maaren beschädigt und ihr Leben in die größte Gefahr bringt, da das Wasser meistens über die Erdgeschosse bis in den ersten Stock dringt. — Jerusalem. Der „Corriere israelitico“ veröffentlicht zwei Schreiben, welche die Vertreter der israelitischen Gemeinde in Jerusalem an den früheren Gouverneur von Palästina Mehemed Nasif Pascha und an den Großvczir in Konftaniinopel richteten, worin sie ihren Dank für die äußerst humane Behandlung des ersteren aussprachcn. Fortsetzung in der Beilage.

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