Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 18 (15.9.1869)
- Date
- 1869-09-15
- Page
- Seite 175 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redsktlo» nnfe Nt misiflrition Witter« gaffe Stro. 408 —t, wohin alle Briefe ». Geldsendungen z» richten sind. Die „Gegenwart" erscheint am 1. und 15. einejede« Monates. HMjährige- Abo«- vement für Prag nnb die Provinr inNnside Anstellung in» Hanober Postversendong ö. W.. . 1 fl. 40 kr. für'- Ausland IThlr. fiirAmerika 2 Dollar. Inserate werden billigst berechnet. Die Gegenwart. Hrgan für die Interessen des Judentums. Nro. 18. Prag 15. September 1869. Inhal t: i Leitartikel: Die Juden vor den Wahlen 'in den böhm. Landtag. — Die Repräsentanz hat ausgeschrieben. — Ebräische Nöthen in Böhmen. — Literarischer Bericht: Die Literatur über K. WagnerS Pamphlet: ,daS Judeuthum in der Musik.* LoraleS. Auswärtiges. Buntes. Bom Büchertische. Feuilleton. Inserate. Die Israeliten vor den Wahlen in den böhm. Landtag. Indem wir heute das Thema der bevorstehenden Landtagswahlen besprechen, laufen wir zwar Gefahr, nicht im Sinne einiger jener Glaubensgenossen zu handeln, denen es mehr um das egoistische Prinzip, daS ihre ehrsüchtige Existenz bedingt, zu thun als um da« geordnete Wesen, welches die künftige Stellung der Israeliten zn ihren Landsleuten zu präcisiren geeignet ist'; allein es ist eine unbestreitbare weil nicht wcgzuleugnende Thatsache, daß der böhmische Landtag als die große Interessenvertretung unsere« Vaterlandes auch für die Israeliten desselben von unberechenbarer ✓ Wichtigkeit und die daran geknüpften Wahlen als nothwendige Prämissen erscheinen, welche jene Consequenzen nach sich ziehen, die die nahe zu chaotisch gewordenen Zustände ordnen und wieder inS Gleichgewicht bringen könnten. Den böhmischen Israeliten traf und trifft so oft der Borwurf den Bestrebungen der Majorität der Bevölkerung hemmend entgegenzutreten, indem er sich angeblich der Minorität anschlicßt und nach deren Pfeife tanzt. Wir haben Feuilleton. Bilder aus dem Oriente. (drr „Gegenwart" berichtet.) Am 28. September 1867 fuhr der französische Dampfer „Junon" in den Hafen von Alexandrien (Egypten) ein. Hier angekommcn, hatte ich erst die Schwierigkeiten meiner Paßangelegenhcitcn seitens der Hafcncontrolle und meines ConsulateS bcizulegen, hernach quartirte ich mich ein in die Machmudich, eine der Hauptstraßrn Alex., welche einerseits zu der „Piazza," dem schönsten Piayc in ganz Egypten führt, woselbst alle Consulatc sind, anderseits über eine Brücke, die sich über einen Nielarm zieht, auf der man zunl Bahnhose, zu den engl. Maschinenfabriken, zu einem ausgezeichneten Garten nebst Harem dcS JSmael Pascha, zu mehreren Palm- Hainen n. dgl. gelangte. — Ich hatte mich von meiner frühem Herrschaft getrennt, um wo möglich hier eine Beschäftigung zu sinden. Sin vornehmer Spanier, mit dem ich mit der engl. Sprache gut fortkommen konnte, nahm mich mit nach Kairo. Diese Stadt ist ungewöhnlich groß, zeichnet sich besonders durch die vielen fchönrn Moscheen au- und man zeigt hier noch PotipharS HauS nebst Hem Kerker Joseph -, welcheaber krine-wegfichergrstellt werden ll. Iahrg. schon einmal in diesen Blättern den Standpunkt der böhmischen Israeliten klar gemacht und haS Gewicht auf das Dankgefühl derselben gelegt, das sie für die empfangene ihnen wohl abgetragene längst verfallene Schuld der vollsten Gleichberechtigung beseelt. Mit uns, glauben wir, dürfte ein jeder, sein.freiheitlicherGefichtökreiö mag ausgedehnt oder enge begrenzt fein, übereinstimmen, daß man sich gegen die Freiheit selbst versündigt, wenn t^an sic von sich stößt. Dieß hauptsächlich, der Grund mit dem viele Israeliten Böhmens ihre BeraffungSfreundlichleit erklären; denn in der Erschütterung des politischen Systems erblicken sie leicht eine Erschütterung ihrer uach Jahrhunderte langem Drucke erlangten Freiheit, die in der That unter allen Umständen nicht gerne aufgegcben wird. Freiheit ist Leben, wer die Freiheit verliert, verliert auch das Leben. Und gerade ist es der Jsraelite zumeist, der für die Freiheit Alles zu opfern bereit ist. In Oesterreich in den Märztagen war der erste der auf dxm Wahlplatze der Freiheit fiel, ein Jude, ein mährischer Jude, mit dem letzten Seufzer hauchte er die erste Idee für Freiheit und Aufklärung aus. Und dieß genügt wol zu beweisen, daß der Jsraelilc die Freiheit sich und anderen zu gönnen weiß. Wer wahrhaft frei sein will, kann keine Sklaven neben sich dulden, wer sie duldet, ist trotz der Freiheit der Sklave seines Egoismus. Wir haben alle ob Ehrist oder Jude, ob Böhme oder Deutsche einerlei Leiden, einerlei Thräncn, keiner kann sagen, daß er sich cincö besonder« WolseinS erfreut; wir haben einerlei Lasten und Verpflichtungen, denen wir zum allgemeinen Wohlc und Erhaltung des Staates Nachkommen «Een und in dieser alle gleich treffenden Belastung sollte kann. Besondere historische Merkwürdigkeiten fehlen; hingegen ist Kairo reich an mnhamcdanischc Sehenswürdigkeiten, so z. B. der Mamelukcnplatz, nebst vielen Moscheen, Grabmälcrn, GrabcShöhlcn, der Citadclle u. dgl. Nach sechsstündigem Ritte zu Pferde gelangten wir bei den Pvramidcn an, welche hier in der Sandwüstc einen schönen Anblick gewähren; da ich jedoch daü Reiten nicht gewöhnt war, fiel ich unterivcgs und beschädigte mich bedeutend, musite daher eine viertel Stunde vor denselben zurückblcibcn. Ich kehrte den andern Tag sehr unzufrieden nach Alexandrien zurück, lieber die Israeliten lAschkenasim) daselbst, über ihre .tuständc näinlich will ich einen dichten Schleier ziehe», denn eS gebietet der Anstand eine solche Eharakterzcichnung nicht zu entwerfen; die Scphardtm hingegen größtcnthcilS Kausieutc auS Italien, Frankreich und dem Oriente sind sehr respektable Leute, welche allen Abscheu vor der crsteren Klaffe haben, und denen sich auch die ordentlichen deutschen Israeliten angeschloffcn haben. Sic bcsipcn gemeinschaftlich eine schöne neue Synagoge außerhalb der Stadt in der Nähe der Pferdebahn die nach Ramlch führt. Hier wurde näinlich eine Höhle entdeckt, in welcher inehrcre uralte hebräische Schriften vorgefunden wurden, auf diesem Plaße steht nun die Synagoge, welche die „Elta-schul" genannt wird. Die Erremonien daselbst find sephardisch und ich habe am Simchath-Thorafeste daselbst unter dm schönen reich an Gold, Silber und Edelsteinen geschmückten Thorarollrn auch die da-