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Die Gegenwart · 1869-04-15 · 8 (15.4.1869) · p. Seite 78

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
8 (15.4.1869)
Date
1869-04-15
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Gewissen über alle religiöse Glauben gibt, auSdehnen zu lasten. Der am 16. Dezember durch den Justizminister I hren Glaubensgenossen H. Guedalla Esq. durch Vermittlung deenglischen Gesandten an diese Stadt gerichtete Brief ist ein unbestreitbarer Beweis, daß es kein Unterschied mehr zwischen den Unterthanen der verschiedenen Kulten gibt. Die Regierung hofft, daß JiiJEortefi . riustimmig -deren Führung bestätigen werden, welche die Wünsche eines Lande-, das entschlossen ist, in der Mitte der Fortschritte Europa'- nicht stehen zu bleiben, treu wiedergibt. Dieses hatte ich Ihnen mitzuthcilen und ich bin mit vollkommener Achtung Ihr gehorsamster Diener I. Serauuo. Rom IO. April. Anlässlich der Sekundizfeier gewährte der Papst den Armen beträchtliche Unterstützungen, und bedachte auch arme Israeliten. Buntes. Kibtr die Abstammung -es Wortes Ghetto. Der Ghetto, wie bekannt die (italienische) Bezeichnung für Judcngasie, hat sich in vielen Sprachen eingebürgert aber die Deutung diese- Wortes scheint kein Heimaisrecht in den Lexika gefunden zu haben. DaS ist die Nemesis der Weltgeschichte, die sich bis in die Konversations-Lexika erstreckt! Der Ghetto, einst die Herberge der Verstoßenen, ihm ist jetzt auch da „kein Plätzchen angewiesen," wo doch so Vieles beherbergt ist. Spart man die Encyclopädie von Ersch und Gruber nicht zum „letzten Versuch" auf, so überhebt man sich der Mühe, in anderen Wörterbüchern erfolglos nachzuschlagen, denn im genannten Werke heißt^eS gleich zu Anfang des Artikel« Ghetto: „Die Etymologie dieses Wortes findet sich in keinem Lexikon" — wir müssen aber hier hinzufügen: auch nicht in dem von Ersch und Gruber. Denn die Bemerkung, daß Ghetto wahrscheinlich korrumpirt aus dem italienischen Giudecea und dieser Name aus Judaica, Judaearia entstanden sei (letztere beiden sind nach Muratori die Benennungen der den Juden in Venedig und Salerno angewiesenen Stadtbezirke, schon in Urkunden vom Jahre 1090 erwähnt) — diese Bemerkung ist schon aus dem Grunde nicht haltbar, weil der Name Oiudeeea, der allerdings von judaica stammt, sich nicht auf die Juden bezieht, sondern vom^veuktianischeu Ludegä (für giudicato : gerichtet, zugesprochen sich bcrleitet. Maier (Beschreibung von Venedig, Leipzig 1789) und vor ihm schon Temanza, weisen nach, daß die Giudecca (eine noch heute existirende Insel, quam eine Vorstadt Venedigs) im 9. Jahrhundert ein lerrovo aggiudieato (gerichtlich zucrkanntcs Terrain) war für die Familien Barbolani, JSkoli und Sclvi, welche wegen Ermordung des Dogen Pietro Tradonico (im Jahre 864) verbannt und später, begnadigt, nach der Lagunenstadt zurückgckehrt waren. Wir mußten also die Lexika aufgeben, denn sic sind in Bezug auf die Etymologie des Wortes Ghetto, was Zedlitz von den Frauen behauptet, nähmlich: „sie sind ein betrüglicheS Geschlecht." Mit einer gewissen Hast griffen wir daher zu Dr. Wurzbach'S „historische Wörter" (Wien 1862), hoffend, darin eine annehmbare Erklärung zu finden, die unsere „trostlose Ungewißheit" in diesem Punkte zu verscheuchen im Stande wäre — allein wie sehr auch Ghetto ein „historisches Wort" ist, das Schiller'sche „Das Gleiche nur ist'«, was an das Gleiche sich reiht" kommt hier wie auch anderwärts nicht zur Geltung: der Ghetto ist in Dr. Wurzbachs Werk nicht aufgenommen. Ob cö aber in dessen „umfangreichen Werke" enthalten ist, von welchem die erschienenen „historischen Wörter," wie der Verfasser im Vorwort bemerkt, nur ein „Auszug" sind, wissen wir nicht. Eine auf den ersten Blick ansprechende Erklärung findet sich in GregorovinS „Figuren" (Geschichte, Leben und Szenerie aus Italien, 1896.) Auf Seite 103 heißt es bei Erwähnung de« Ghetto in Rom unter Anderem: „Bis auf feine (Papst Paul IV.) Zeit halten die Juden die, wenn auch nicht ausgesprochene Freiheit, überall in Rom zu wohnen." .... „Nunmehr wie« ihnen der Papst, nach Art der Benelianer, ein streng abgesperrtes Quartier an." . . . Man nannte es zuerst Viens Judaeorum, dann kam der Name Ghetto dafür auf, der nicht mit der venetianifchen Benennung Giudecca zusammenzuhängen scheint und wahrscheinlich aus dem talmudischen Wort Ghed gebildet ist, wel- -che- Absonderrmg heißt.^ES rvar am 20. IM 1336, als die Juden Roms in diesem Ghetto zogen." „DaS läßt sich hören, doch nur vor einem ist mir bang." Dieser Erklärung liegt nämlich stillschweigend die Annahme zu Grunde: Die Benennung des JudenquartierS sei auS der Mitte der Juden in die italienische Sprache übergegan« gen. was unwahrscheinlich ist. Vielmehr drängt sich der Gedanke auf, daß den Juden mit der Sache auch ihr Name -aufgedrängt sein durfte. Und in Wirklichkeit verhält e« sich auch so, wie auS Folgendem ersichtlich wird. Daß Ghetto mit Guß zusammenhängt, wird manchem paradox erscheinen, und doch ist es der Fall, und nicht bloS aliterircnd oder „etymologisch gleicherweise stimmig," sondern in Wirklichkeit. Daß Wort Ghetto ist venezianischen Ursprungs, denn wie ein gründlicher Kenner der „alten braunen Stadt" berichtet, entstand der erste Ghetto infVenedig. Der venetianische Ghetto (ein Denkmal der starke» Ebbe, die im Anfänge de- 16. Jahrhunderts in den Begünstigungen der Juden von Seiten der Republik eintrat), liegt an dem, der Giudecca-Jnsel entgegengesetzten nördlichen Ende^ Venedigs und besteht aus zwei Theilen, eigentlich aus zwei, durch Brücken mit einander verbundenen und von engen Gassen durchschnittenen Inseln, von denen eine Ghetto vccchio, die andere Ghetto nuovo genannt wird. Letztere, heißt eö in einer Abhandlung von Tom. Temanza war bis ins 15. Jahrhundert ein Morast; die erste dagegen war viel früher erhöht, befestigt und der Ort der Gießereien, sowie der Sitz der betreffenden Behörde. Dieser Ort wurde deshalb Ghetto, (d. h. Guß,) Gießerei genannt. Allmälig ward auch die andere Insel fest gemacht und Häuser daselbst errichtet. In der ersten Zeit dienten dieselben vielen christlichen Familien zur Wohnung, bis sie den Juden im Jahre 1516 zum ausschließlichen und — setzen wir hinzu — auch verschlicßlichen Aufenthalte angewiesen wurden. Die Benennung von Ghetto ward auch auf diese neue Insel übertragen uud blieb die stete Bezeichnung des JudenquartierS; eine Bezeichnung, die auch in anderen Städten Italiens angenommen wurde. So weit Temanza. — Zum Schluß noch eine Bemerkung. Im vcnczianifdien Dialekt wird die Silbe gs (italienisch dsche lautend) wie im deutschen ausgesprochen; ein Laut, der im italienischen nur durch Einschiebung eine- 1i wiedergegeben werden kann. AuS diesem Grunde verwandelte sich daS venezianische Wort Getto in das italienische Ghetto. Fr. Briefkasten der Administration. Hrn. M. K. in Am. Betrag erhalten. — Hrn. I. Hilb. in Wim. Dieser Arttckel ist nie in unserem Blatte vorgekommen, mit der hruti» aen Nr. gleichen sich die tllarken auS. — H. L. Ros.in Cza». Ersuchen um Einscndung v. 1 fl. 40 kr.— H. I. Gol. in R. Bittm um Einsendung von 1 fl. 40 kr. Im Commissions-Verlage des A. Lpslein in ArÜMl ist erschienen und kann durch jede Buchhandlung bezogen werden: „Im Eru.v" Gedichte von vr. Plarzek. Schillerformat 214 Seiten Velinpapier Preis 80 kr. Diese Gedichte, welche sich durch poetischenSchwung und Gefühlswärme ganz besonders auszeichnen, sind nicht minder ihrer schönen Ausstattung" wegen, als ihrem Inhalte nach vorzüglich zu Prämien und ConfirmationSgeschenken geeignet. Eigrnthum.^ru^md Verlag vcu Verantwortlicher Redakteur 3

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