Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1869-03-15 · 6 (15.3.1869) · p. Seite 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
6 (15.3.1869)
Date
1869-03-15
Page
Seite 53 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4890378-5433914-5433959--251-4890600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

verfehlen konnte, den Werth de» Vertrauen-, daS jedeandere durch einige hundert Stimmen oder wenigstendurch eine achtung-werthe Stimmenmajorität gewählte Mitglied der isr. C. G. R. genießt, abzuschwächen, oder gar zu paralysiren. Dieser bisher gepflogene WahlmoduS, geeignet die Autonomie und die Willensfreiheit der Prager Israeliten Gemeinde zu beschul», ken und den liberalen Bestrebungen einer hohen k. k. Regierung zuwider zu laufen, bedarf einer totalen Modifikation. Gestützt auf diese Auseinandersetzungen bitten wir untcrzcichnete Cultussteuer zahlende Mitglieder der Jsraeliten-Gcmeindc der k. Hauptstadt Prag den bisherigen in das isr. Cultus - Gemeinde. Statut aufgcnommenen WahlmoduS dahin abzuändcrn, daß: 1) allen in Prag domicilircndcn Cultussteuer zahlenden Mitgliedcm der Präger Jsracliten-Gemcindc ohne Rücksicht auf ihre Zuständigkcit zu Prag das active und paflive Wahlrecht für die prager isr. Cultus-Gemeinde-Rcpr. eingeräumt werde, 2) daß alle drei Wahlgnippcn zu Einer verschmelzen sollen, oder wenn schon dieß nicht, daß die drei Wahlgruppcn an einem und demselben Tage in gleicher Zeit und in verschiedenen Lokalen die Wahl vorzunehmen haben. 3) daß nur einfache Stimmenmajorität die Wahl in die Prag. isr. Cultus-Gemeindc-Repräsentanz zu entscheiden und die Ersatzmänner wcgzufallen haben, und für den Fall als ein Repräsentanz-Mitglicd als solches sein Mandat niederlcgt, oder mit Tod abgeht, eine Neuwahl für die erledigte Stelle stattfinden möge. Indem wir wiederholt ersuchen und uns der Hoffnung hingeben, daß diese drei voranstehcnden Puntte noch in diesem Monate (März) in unserem Sinne erledigt, und die mit dieser Erledigung verbundenen weiteren Verfügungen gcttoffcn werden, auf daß die Cultussteuer zahlenden Mitglieder der präg. Jsracl.-Gcm. bei der im Monate Mai 1869 stattzufindendcn Neuwahl, sich schon des in unserem Sinne erledigten WahlmoduS bedienen könnten. Sollte jedoch wider Erwarten die Erledigung nicht in unserem Sinne auSsallcn, so bitten wir unter Vorbehalt deS Rekurses die im Monate Mai bevorstehende Wahl zu vertagen, und der Zustellung der Erledigung unser Gesuch sammt Beilagen rückerstattrnd beizuschließcn. Prag 14. März 1869. (Folgen 180 Unterschriften.) Der Schluß -es ersten ung. isr. Lan-escongreffes. Als eben der Congreß in aller Gemächlichkeit seine Arbeiten mit gewohnter Langsamkeit und Bedächtigkeit, ohne Rücksicht der täglichen Spesen von 1500 fl., welche er den zweibeinigen stcucrzahlenden Säugethiercn verursacht, fortsetzte und nach den der noch zu erledigenden Arbeiten zu schließen, demselben eine Lebensdauer von noch wenigstens einem halben Jahre prognosticirt werden musste — wussten wir aus einmal nicht wie un« geschah; plötzlich wurden täglich zweimahl und gleich darauf sogar dreimahl Congreßsitzungeu abgchalten; die Redner erhielten vom Präsidenten Commando sich kurz zu fassen; vorgemcrkte Redner wurden h»e und da gar nicht zum Worte gelassen, das Präsidium beeilt, sich „Schluß der Debatte" auszusprechen — und in btn Zeitungen spuckte daö Gerücht, der Congreß müsse bis zum 23. Feber geschlossen sein. Und in der That der Congreß wurde bis dahm geschlossen und sämmtliche Arbeiten beendet. Die wesentliche Congreßausgabe theilt sich in zwei Hälften, rm Gemeinde- und ein Schulstatut zu schaffen; dauerte 67 Tage; — die andere Hälfte daS Schulftatut, wiewohl dasselbe auch die Seminarfrage enthält, worüber die Meinungen im Lande am weitesten ausemandergehen, wurde binnen 24 sage vierundzwanzig ©tunbtn erledigt. Wohl interpellirte ein Deputirter der .Rechten," da der Congreß .mit solcher Dampfkraft" arbrjte, ob da- Gerücht von btriTnahe bevorstehenden Schluß des CongreßeS wahr sei nnd wenn dieß der Fall, waS dann aus dem vielgeliebten Embryo der schwängern Congreß - Majorität, aus dem Seminar nämlich werden solle? Der .Barer des Congreffes" fand den Ausdruck „mit Dampfkraft" höchst unpaffcnd und amendirte ihn mit: „im Schweiße unseres Angesichtes," erklärte, der Congreß werde schon, wenn er Hebammendienste verrichten wird, binnen 24 Stunden mit dem Seminare glücklich entbinden, aber, über die Ursache, warum denn diese Angelegenheit solche Cilc habe, ob ein Reskript vom Cultnöministerium herabgelangt sei, oder ob sonst ein das Gleichgewicht CuropaS erschütterndes Creigniß den Parzcfaden des Congreffes durchriffen, darüber hüllte sich dos Prüsidinm in undurchdringlich Gewölk tiefsten Stillschweigens. Wir gestehen, wir sind der allgemeinen Frauenuntugend, der Reugierde nicht ganz bar und gäben wohl gerne eine der vielen Reden des Congreffes hin, um einen, wenn auch nur verstohlenen Blick hinter die Coulissen werfen zu können. Leider kann ein profanes Auge wie das unsrige in diese Mysterien nicht eindringen und mussten wir uns aus gemeine Bcrmuthungen beschränken. _ Eine solche Bermuthung war c-, daß der Congreß infolge des Protestes der 56 Deputieren und deren Audienz beim Cultusminister geschloffen werde. Die Rede jedoch, mit welcher Sr. Ex;. der Kultusminister nach Schluß dcö CongresseS bei Üeberreichung der ausgearbeiteten Elaborate die Congreßmitglieder beehrte, hat uns eines andern belehrt. Sr. Ex;, sagte: „Ich werde die vom Congreße auSgearbeiteten Statuten Sr. Majestät zur Genehmigung unterbreiten. Was den vom sehr geehrten Präsidenten des Congreffes ausgesprochenen Wunsch betrifft, so werde ich denselben sehr gerne erfüllen und bin ich überzeugt, daß die Legislative die autonome Organisation der israelitischen Confession mit Freuden in die Reihe ihrer Gesetze aufnehmen wird, ebenso wie die konfessionelle Gleichberechtigung jedein diesem Ba« terlande lebenden Bürgers. Gestatten Sie, daß ich bei dieser Gelegenheit gleichzeitig meinen Dank ausspreche für Ihr taktvolle- (!) und eifriges Vorgehen, welch.'« es möglich machte, daß der Erfolg meine Hoffnungen rechtfertigte und, wie ich glaube, Diejenigen glänzend deinen tirte, welche die Einberufung des Congreffes als den Beginn von Reibungen betrachten wollten. Meine volle UeberzeugmigM. . däß^wenn die Redefreiheit, welche Ihnen bei Ihren eigenen Angelegenheiten zu Gebote stand, im ersten Augenblicke auch hervorricf, daß die bestehenden Meinung- - Verschiedenheiten vielleicht schärfer hervortratcn, das Endresultat doch daS war, daß die Ansichten sich einander rascher nähern und anschmicgen werden, als dieß sonst der Fall gewesen wäre. Jetzt im ersten Augenblicke befinden sich unter Ihren Glaubensgenossen solche, welche vielleicht nicht vollständig befriedigt von dem Erfolge sind. DaS geschieht endlich überall, wo bei der Bcrathung eines Jeden nahe berührenden Gegenstandes Majoritäten entscheiden. Ich glaube übrigen« zuversichtlich, daß Sie in Ihren Statuten darauf bedacht waren, daß Niemand in der freien Ausübung seiner Religion persönlich gehindert sei, und daß solchergestalt von einer Berdräugung selbst diejenigen nicht werden sprechen können, welche vielleicht nicht jeden Punkt in der Weise entschieden zu sehen gewünscht hätten, wie er thatsächlich entschieden wurde. Ich für meine Person bin übrigens auch hier überzeugt, daß was in den einzelnen Punkten dieser Statuten Einzelnen vielleicht mißfällt, ja Einzelne vielleicht verletzt, Ihr Ernst und Ihre Mäßigung soweit ausglcichen wird, daß binnen Kurzem auch Jene einsehen werden, daß für Erledigung der Angelegenheiten der israelitischen Confession dieß die beste und zweckmäßigste Art war. Dieß wollte ich Ihnen aussprechen; gestatten Sie, daß ich, indem ich von Ihnen Abschied nehme, mich nochmals Ihrem mir bereit« so vielfach kundgegebenen herzlich.'» B.eeraa.n empfehle." Diese Rede hat um so mehr überrascht al« man bisher nicht wusste, daß Sr. Ex;. mit einer so rosenroth - gefärbten Brille die' Dinge in feinem Ressort betrachte, daß Angelegenheiten die im Grunde kohlschwarz im schrmmernd- 6*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.