Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 4 (15.2.1869)
- Date
- 1869-02-15
- Page
- Seite 31 (sequence 1)
- Language
- German
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HnldjährigeS Abo»- »t«e»t für Prag nnb die Provinz iuNusive Zustellung ins Haus oder Postvrrsrudnog ’i. W.. .Ist. 40 kr. siir's Ausland IThlr. fiirAmerika 2 Dollar. Jnsera.e werden dill'i berechnet. Die Hrgan für die Interessen des Zndenthums. Gegenwart Redaktion und Administration Ritter« gaffe Rro. 408 — 1 wohin alle Briefe ». Geldsendungen zu ' richten sind. Die „Gegenwart" erscheint am l. und 15. eines jeden Mo» uates. Aro. 4. Inhalt: Leitartikel: Eongreß-Lrief« — Modern. — Ein Wort über Werth und Wesen der geistigen Bildung. Corres-oudeoz: Pardubitz, Ezkin, AuS dem Piseker Kreise, Wien, LoealeS. — Auswärtiges. — Bom vüchertische. Feuilleton. — Inserate. Congreß-Sriefe. u. Die in meinem vorigen Briefe angedeutcten Hoffnungen schwinden und Befürchtungen bewahrheiten sich leider immer mehr und mehr. Der Congrcß hat eine abschüssige Bahn betreten und nähert sich mit Riesenschritten einem unheilvollen Abgrunde. Während in der öffentlichen Meinung längst mehr kein Zweifel darüber obwaltet, daß eS die Aufgabe der Kongreß.Majorität sein muß, die erste unerläßliche Bedingung zur Realisirung einer gemeinsamen Organisation zu erfüllen, welche darin besteht, der Minorität Vertrauen einzuflößcn, da das Mißtrauen auf der einen die Intoleranz auf der andern Seite die eigentlichen Klippen sind, an welchen das Organisationswerk scheitern muß; während es längst jedem Vernünftigen klar ist, daß mit jedem Fünkchen Vertrauen ein Stein zum Ausbau des Gebäudes gewonnen ist, und jeder Schatten von Mißtrauen den Boden, worauf das Fundament des Gebäudes ruhen soll, unterwühlt: scheinen die Herren der Fortschrittspartei dies nicht begreifen zu können oder cö nicht zu wollen. Ich hoffte in diesem Briefe nen, leider ist das gerade Gcgentheil erfolgt. n. Jahrg. Wenn nun der Zwiespalt der Parteien, durch n o t tzwendige Eonscqucnzen der einander gegenüberstehenden Prinzipien, welche nun wiederum in den Ereignissen und. Zeitverhältnissen ihre unabwcisliche Begründung finde», wenn nur dadurch der Zwiespalt erweitert worden wäre, würden wir wohl auch die Ereignisse und Verhältnisse, welche solches zur Folge haben, beklagen, aber wir würden Niemanden a n k l a g c n, nicht diesen oder jenen Personen die Schuld zuschieben, den Bruch erweitert zu haben, weil in solchen Fällen nicht die Personen, sondern die Ereignisse und Prinzipien eine Eollision Hervorrufen, welche zu verhüten sich jede irdische Macht als zu schwach erweist und denen gegenüber gewöhnlich beide Theile im Rechte sind. Anders aber ist es beim Eongreffe: nicht die Eollision zweier feindlichen Prinzipien, sondern noch bevor die prinzipiellen Partcidifferenzen zu Spkache kamen, die Intoleranz, der Muthwille, oder um mich eines populären Ausdruckes zu bedienen, das RischuS der Fortschrittspartei, namentlich ihres Präsidenten deS Augenarztes Hirschler, und daS daraus nothwendig erwachsende Mißtrauen der Gegenpartei sind es, welche eine so grenzenlose Erbitterung Hervorrufen und so viel Unheil anzustiften drohen. ES sind dies — ich weiß es sehr wohl schwere, gewichtige Anschuldigungen, welche erwiesen sein wollen. Wohlan, Thatsachcn mögen sprechen. — Ich will nicht zurückgreifcn auf die Zeiten vor dem Eongreffe, auf die Wahlagitationen, auf die Eonstituirung des CongresseS, auf die Präsidenten- und Schriftführerwahlen auf die Wahl der Verificationskommissiorr ct cctra et ce- {ra, utn von allen denen den Nachweis zu liefern, wie von Prag 15. Feber 1869. Feuilleton. Sapphische Verse. — Kritisch und pudelnärrisch.—Feierlicher Einzug.— Eongreß und stiebender Holländer. — Ungesäuertes Comite. — Eine zweckmäßige Pietät. — Waisen-oder WetscnhauS. Clavierspielcn und Rccensiren, sagte einst Saphir, sind die gras, fircndstcn Kinderkrankheiten unseres Jahrhunderts. Diese Doppelgliedrigkcit der Jugend hat noch lange nicht genug die Auftncrksamkcit unserer psychologischen Kindcr-Aerztc aus sich gezogen. Die drei Worte unseres unvcrschäinten Zeitgeistes: Frcch-Ruhr, Sprech-Ruhr und Brech-Ruhr sind bei weitem nicht so miasmatisch um sich grcisend, als die Clavier-Ruhr und Recensir-Ruhr unserer Kinder. Kinder haben die Gewohnheit der meisten Rcccitscnten: alle ihre Gegenstände zu Munde zu sührcn und sie nur dcßhalb anzugreifcn, um etwas zu „beißen" zu haben. Gewöhnlich haben cS jene älteren Rccenscntcn auf die Jüngerinncn der Thalia abgesehen und ich, der ich mich zwar ^hr wenig um die Partcrrelagcrer oder sogenannten Habitues kümmere, kennt einen talmudischen Federritter, der sei es, daß er ein Feind sapphischrr Bcrse ist. von denen Horaz so gerne Gebrauch gemacht, sei eS, daß er wegen SapphoS Geliebten Alkäos eifersüchtig geworden, mit jener griechischen Dichterin so barbarisch zu Werke ging, indem er deren Darstellerin, rin wahrhaft künstlerisches Genie, auf das Korn seiner zweiäugigen Kanone nahm und gegen sie in fünffüßigen Jamben loSzog, weil sie wahrscheinlich um die Gunst deS eifersüchtigen Hclcnncn gebuhlt oder keine Prätcnsioncn gemacht, von besten Schützling mit obligaten Kranzspcndcu-^dcglückt zu werden. Diese beiden, nämlich der ältere talmu. dffche ewige Jude — und 8er junge — typographische Theatercursor scheinen so siamesisch zusammcngcwachscn ju fein, daß, wenn der eine einen Künstler oder eine Künstlerin nicht will gelobt haben, diese vom andern getadelt iverden. Ich pstcge zwar nie, Dank meiner kritischen Natur, auf die langathmigcn Reccnsionen des altern so oft „schillernden" denffch-lateinisch-gricchischen Kosmopoliten zu achten, da ich mir mein eigenes Nrthcil bilde, doch wird mir oft, vorausgesetzt der Faden der Geduld reiße mir nicht, beim Durchlesen der citatenschwangcrn Kritiken jenes modernen Klopstocks, so pudelnärrisch zu Muthc, daß cS mir schier dünkt, im Reiche der Chinesen zu sciu. So geschah cs an einem Abende eincö TageS. an dem Ruhe geboten ist, da schritt die Burschenschaft „Rostclnarria" in die Narrhallia, um daselbst von den gefärbten Insulanern freundlich ausgenommen zu werden. Die jüdischen Chincscit zumeist hielten ih. rcn Einzug, an deren Spitze der Vorsitzende mit Glatze und 3opf, welch letzterer auS einem alten WahlmoduS zusammcngcsiochten war und traurig hcrabhing ob der verlorenen Heiratsgebühren, die man gewöhnlich mit Schmerzensgelder bezeichnete. Ludi eröffnete wie im Vorjahre den Reigen mit einem Repräsen tanz, ihm hüpfte hintendrein nach ein thruereS Sekretärlein gutgeknöpfelt, wolgezöpfelt, beide einander so ähnlich, daß man den infrrnalischen Sekre-