Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- II (1869)
- Issue
- 3 (1.2.1869)
- Date
- 1869-02-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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fein muß und c9 ist konstatirt, daß sin auf kranker Basis durchgeführter Prozeß ein fauler fein '.ruß, der schließlich mit dem Zerfalle cndigt. Nicht anders istjeS mit unseren Gemeindezuständen und wer die Ursache.!-ihrer an Zerfall grenzenden Fäulnis kennt, wird nicht verlegen sein, sich die Wirkungen zu erklären. Eine solche Hauptwirkung, empfindsameren Charakters als jede andere, ist die CultuSbesteuerun g, deren unrichtiges Verhältnis jedenfalls einer Quelle entspringt, die nicht kristallrein zu sein scheint. Bei dem Um- ' staube, daß der SteuermodnS mit dem WahlmodüS ining'verflochten ist, war eS uns nicht schwer den Grund der ungerechten CultuSbestcucrung zu finden. Indem wir dem geehrten Leser in einer frühern Korrespondenz eine kleine Mosaik von Steuerzahlern vorgcführt, um durch konkrete Fälle die verkehrte Besteuerung zu präcifiren, eS jedoch Unterlasten haben, mit einem ganzen Register zu dienen, daö uns durch ein achtbares Gcmeiudemitglied zur Verfügung gestellt wurde haben wir vorgezogen, durch Anstellung von Vergleichen Studien zu machen, die uns zur Quelle des UebelS geführt haben. Nun wahrhaftig! die Arbeit war nicht groß, die Mühe lohnte sich, auch wenn der Stein der Weisen nicht gefunden wurde. Hat eS doch weniger überrascht, daß ein großer Theil der Doktoren eine geringe ja die geringste CultuSstcuer zahlen, welche bei Wahlen mit Episodenrollen bedacht werden, so mußte es fast das Gemüth empören, den in bessern Verhältnissen lebenden Steuerzahlern faktisch arme Gemeindemitglieder hinzugesellt zu sehen, die im Leben mit demselben einen wahren Kampf zu bestehen haben. Wenn man diese fadenscheinige Besteuerung! betrachtet, so ist die Perspektive dieser interessanten Wirthschaft der Präger jüdischen Hochtorys gelungen nnd jede weitere Ueberraschung verliert an Effekt. Wir könnten ein Kaleidoskop von solchen widersinnigen Besteuerungen liefern und beschränken unS hrute nur auf einen Fall, den wir seiner Originalität wegen anführen, die ihrc<S Gleichen nicht hat; denn wenn ein stadtbekannter reicher Mann, der zur Durchführung einer Paradeidee noch vor zwei Jahren mit Leichtigkeit 1000 fl. spendete, mit 7 fl. 50 kr. CultuSstcuer belegt ist, während ein notorisch unter dem Niveau des üppigen Wohlstandes stehender Kaufmann 18 fl. und manche in die VermögenSkatezorie deS Erstern gehörigen Handelsleute 25 bis 30 fl. zahlen müssen, so wäre der Rest — Schweigen, wenn man nicht Gefahr laufen will, seinen Verstand zu verlieren. Die Repräsentanz ihrer Schwäche und folglich ihrer schwachen Stellung bewußt, hat vom Aufange an das Vertrauen, das ihr die Gemeinde furchtSvollcr Achtung erfüllte. Wie er da im vollen Lichte des MondeS mit dem weißen, lang auf den schwarzen Kaftan herabwallenden Barte vor ihm stand, lag in seiner ganzen Erscheinung etwas Propheten- und Apostelhaftes. Auch der bleiche Knabe, der die Hand des Sprechenden ergriffen, und sich kindlich an seinen Arm gelehnt hatte, schaute mit seinen stillen und tiefen Augen bc. wundernd zu ihm auf. Der Greis aber strich dcm^Tnkcl 'die Wange und fuhr fort.' „Wenn Gott mich gelingen läßt, was ich mit diesem da vorhabc, wird er nicht bloß glücklich werden, als seine Väter waren, sondern auch vollenden helfen, was sie umsonst bcgönnen haben. Wenn er aus Deutschland als ein Mann zurückkehrt, wird er die Herzen schon geöffnet finden. Noch hängen sie mit fanatischer Strenge an dem Unwesentlichen, an all' dem verwilderten Aberglauben, den Jrrthümern und Mißbräuchen, die sich in den Jahrhunderten grausamer Verfolgung wie eine harte Kruste um den Kern unserer Religion gelegt und viele ihrer schönen und ehrwürdigen Gebräuche bis zur Häßlichkeit entstellt haben.. Um diese Kruste allmählich zu erweichen, brauchen wir begeisterte Lehrer und ein solchxr Lehrer, so denke und baffe ich, soll dieses Kind hier werden. Darum habe ich ihm auch^jeßt in Dessau daS Stübchen gezeigt, in dem einst der dritte Mösts feines Volkes geboren wurde." „Sic haben wirklich daS Geburtshaus Mendelssohns besucht?" „Unverändert steht es im Hofe eincS kleinen HaufeS noch auf derselben Stelle, wo eS vor mehr als hundert Jahren gestanden hat. Als ich eS betrat, fühlte ich ein tiefes Wehe in meinem Herren und doch einen Stolz. Denn rin elende- Stübchen ist'S lieber Herr geschenkt, schon dadurch nsurpirt, daß sie die Mitglieder in die Steuerkommiffion gewählt, während dieses Recht der Gemeinde oder wenigstens ihren Synagogen - Vorstehern, dir jedenfalls eine größere Personalkenntnis aiifwcisen. zugestanden wäre. Betrachtet man jedoch, daß die jüdisch: Vertretung als eine rein administrative, kultuelle, für die Administration leider zu viel, für den Kultus, für den Unterricht gar nichts thnt, sondern ihren Ehrenposten zur Erreichung, anderer...Zwecke.-cheuützt,--s»-ift-es kein-Rächsel drr^ Sphinx, warum sie die Stenerkomission zusammensetzt, von deren Mitgliedern zuweilen manche sich rühmen können. Nie manden zu kennen. So fängt jedes Jahr das Lied von vorne an und die Repräsentanz wählt ihre Minner und mit ihnen die Mittel eine künstliche Wiederwahl zu bewerkstelligen. Das ist die causa movcos, die aber leider zur Destruktion beiträgt und die Unzufriedenheit aufs Höchste steigert. Daö Cultusstencrsystem, wie es bis jetzt beschaffen, ist sowohl in mathematischer als industrieller Beziehung ein unrichtiges. Die Art und Weise der Besteuerung, die kategorischen, jedweder Begründung entbehrenden Abwcise bei Rekursen wirken, fast könnte man sagen, dcmoralisirend,.cin und eS dürfte noch so weit kommen, daß man cs scheuen wird, ein ordentliches Gewand zu tragen, oder sich auf öffentlichen Plätzen blicken zu lasten, weil die „Geheimen" der jnd. Geinciudevcrttctung für die „scheinbar gut bestellten" ein scharfes Augenmerk haben. Wer leidet nun unter einem solchen Spionirsysteme? Der volkswirthschaftlichc Verkehr, die Jugend und die Moral. Der materiell unvermögende Vater opfert unter Mühen und Drangsalen gerne für seine Kinder, - weil ihn einerseits die Pflicht, anderseits ein edler Impuls dazu stimulirt, während Lasten und Stenern ihm oft drückend fallen, das Zartgefühl jedoch nicht gestattet, sich blos zu stellen und so muß er zahlen, weil er seine Kinder nicht in Lumpen führt und ihnen eine der Zeit und dem Geiste derselben an gemeffenc Erziehung gibt. Der .Kaufmann wird bcnrtheilt nach der Regie die er hat, nicht nach dem Vermögen, daS er oft gar.nicht hat, zu dem er zu rckurircn nicht den Muth besitzt, weil ihm ein ige in der Stcuerkommission sitzende Censoren der böhm. EÄmnptebank ein Schnippchen spielen könnten und in dem wirklA vermögenden Kaufmany sträubt sich bei der zuschcüden Verschwendung der Gemeindegclder in nutzlosen Instituten, Remunerationen, ungerechtfertigten Ausgaben, eine enorme CnltuS-Steucr zu zahlen. Und dennoch wird nur fortgestcuert, aber leider nach keinem guten Ziele. Ist es doch bis-zur Evidenz bewrrfrn. ein armselig Stübchen, wie cs wohl selbst i» jenen Zeiten mir die ärmsten Familien bewohnt haben können. Es muß aber ein hoher und himmlischer Glanz gewesen sein, der einst durch diese Behausung sorgenvoller Dürftigkeit geleuchtet hat, wie hätte sonst der schüchterne Sohn des von Notb und Elend gebeugten desianischcn Schreibers jener hohe und reine Charakter werden können, als den ihm die gesammte Mit- und Nachwelt gekannt und bewundert hat? Mag dke große Welt, in die er -mit dem vierzehnten Ja!,re gctrctcn, seinen Geist geschult nnd sein Willen bereichert haben, die Keime zu allen Tugenden seines Herzeno. seine seltene Milde und Menschenfreundlichkeit hat er, bei den damals völlig ahgcschlöffcnen Leben der Juden, sicher nur auS dem engen Dunkel des jüdischen .Elternhauses initgebracht. DaS Loos dieser gedrückten Menschen, .deneu man alle öffentijchcn Schulen und Bildungsanstaltc» und eigcntlich jeden ehrlichen Erwerb verschloß, war in jenen Tagen »och vielfach ein hartes, ein sehr hartes, lieber Herr! „Um so mehr ist cs allerdings zu bewundern," entgegnete Felix mit anscheinender Ruhe, „daß sie bei so großem innerem und äußerem Drucke noch Charaktere wie Mendelssohn, au» sich erzeugen konnten. Alle Berichte der Zcitgcnoffcn rühmen seine hohe Tugend und Weisheit, den Zauber seiner Persönlichkeit. Nicht Wenigen ist er ein Vorbild geworden. Doch siel es mir aus, daß Sic seinen Vater eine» Schreiber nannten, in den Biographien heißt es. er sei ein Lehrer gewesen." (Schluß folgt!)