Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 25 (1.12.1868)
- Date
- 1868-12-01
- Page
- Seite 263 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Halbjähriges Abonntmcnt für Prag nnb die Provinz inklusive Anstellung ins HauS oder Postverfruduog ä. W.. .Ist. 40 kr. fiir'S Ausland IThlr. ■> Inserate werden billigst berechnet. Die Gegenwart. Hrgan für die Interessen des Iudenthums. Expedition für den gefammtcn Buchhandel Oskar Seiner in Leipzig Verlagsbuchhandlung. Redaktion und Administration Rittergasie Rro. 40S — 1 wohin alle Briefe n. Geldsendungen zu richten sind. Tie „Gegenwart" erscheint am l. und 15. eines jeden Monates. Nro. 25. Prag 1. Dezember 1868. 1. Jaljrg. Inhalt: Leitartikel: James Rothschild. — Ein interesianteS Streiflicht. — Uebrr Setdstmoed.— Ueder Schweinzuchl ä>ei Juden. Journalistik. Correlvoudenz: Czkin. Locales. — Auswärtiges. — Kunst und Literatur, vom vüchertifche. Nachtrag: Ueder Menschen und Steine. Feuilleton. — Inserate. Lames Nothschit). Wenn e« je ein Mann verdient hatte, daß ihm nach seinem Hintritte in ein besseres Jenseits ein Platz in der Publicistik eingeräumt werde, so ist eS gewiß Freiherr James von Rothschild, dessen thaten- und wirkungsreiches Lebe» am 15. November mit dem Tode seinen Abschluß gefunden hat. Indem wir dem um das Judenthum vielverdienten Manne in unserem Blattte nicht jene Rubrik einräumen, die sonst den Manen Hingeschiedener gewidmet ist, entschuldigen wir diese Ausnahmsweise damit, daß wir mehr daS Wirken James Rothschild'« als Menschen und Juden, der für daS Judmthum nicht gestorben, erscheinen kann, besprechen, mit der ausdrücklichen Erklärung, daß, hätte es sich nur um den großen Geldbaron, um den ersten Financier der Welt gehandelt, wir demselben keinen Nachruf destinirt hätten, wenn nicht sein ersprießliches Wirken, fein religiöses Feuilleton. James Watt und di« Neusynagoge. — Ein bewährt«- Affekuranzmit - Irl. — Große Männer, kleine Männer. — Der poetische Tyrann. — Ein interesianter Toast. — Da« verweigerte Rrklamiren. Man wundert sich oft, eS mit der Dampfkraft so weit gebracht zu haben, um in 8 Tagen von der britischen Insel auS die sich hoch austhürmendcn Wogen des Oceans zu durchfliegen und denkt gewiß nicht dabei des seligen JameS Watt, der zu dieser Dampfkraftentdcckung den Weg geebnet. Aber eben so wenig alS man daran dentt, ist eS gewiß noch Niemanden eingefallen auf den kürzesten Weg nach Amerika aufmerksam zu machen, der durch die Reusynagoge in etwas schlüpfriger Weise sich schlängelt. 3a sie, die Reusynagoge ist eS, wo man sehr schnell und billig fortkommen kann. Darum ist ihr zu rathcn, wenn sie einmal einen Sommer-Prediger anstellen sollte — denn auf einen Winterprcdiger reflettirt sie nicht—, darauf zu achten, daß er der englischen Sprache vollkommen mächtig sei. Die Reusynagoge in welcher jetzt nur ohne Gage auf Gngagemcntslostgkeit gespielt wird, hat ein neues Finanzfparsystem eingeführt, bei welchem Prediger von allen Richtungen her zugrführt und die- Sitze theuer bezahlt habenden hirtenlosc Schäflrin angeführt werden; dieses SitzsteueranfammlungSprinzip grdrntt sie mit einem neuen Paßwesen zu verbinden, demgemäß jedem künftigen Prediger nur nach Ablauf deS Kontrakte» mit Bewilligung deS BorstandeS der Hrimathfchein auSgefolgt wird. Aller. dingS ist dieß eine Maßregel nicht würdig eines Prediger», jeden- Leben, fein starres Festhalten an dem Glauben seiner Väter unS zum Motiv geworden wäre. Ohne unS um die fast fabelhaften Reichthümer, die den Verstorbenen zum jüdischen CrösuS gemacht, zu kümmern, ohne die immensen Verbindungen, die ihn nach allen Richtungen der Windrose mit Königen und Fürsten, mit den höchsten geistlichen, finanziellen und politischen Würdcträgern in natürlichen Eonnex gebracht, zn berücksichtigen, ohne auf seine Millionen, auf die Schlösser, Güter und Paläste mit neidischem Auge zu blicken, ringt der nun dem Moder des Grabes verfallene Geldfürst uns so wie jedem aufrichtig denkenden Juden die vollste Achtung, ja Bewunderung ab; denn Rothschild war Jude in des Worte« edelster Bedeutung. Dieser Ehrenname war bei ihm kein Opportunität-- grund, keine, bloße Gewohnheit, die nach der Auffassung jener modernen Geldphilosophcn, nicht abgestreift zu werden braucht, weil er gleichsam wie ein unschuldiger Schatten neben einher lauft, den man je nach Bedürfnis verschwinden zu machen glaubt; nein! JameS Rothschild hat diesen Ehrentitel dem Barontitel vorangcsetzt und jene wohlfeile Phrase:Jch thue genug, wenn ich Jude heiße, die leider zu oft gebraucht von den Reichen unserer Glaubensgenossen. die entweder den Mammon zum Kopfkissen iu der Wiege gehabt, oder durch Zufälle und deS Schicksals Würfelspiel in die Höhe gekommen, in beiden Fällen aber sich zu einem Rothschild verhalten wie Zwerge zn Riesen, jene Phrase falls das bewährteste Aflekuranzmittel gegen Wasierschäden, durch die die betreffende Synagoge um ihren Prediger kommen kann. In diesen Präscrvativmittrln liegt viel Weisheit, die kaum dem Sokrates oder dem Aristoteles eigen gewesen sein dürfte. Ich gelange heute erst zur Einsicht, daß Aristoteles ein weiser Mann gewesen sein muß, sonst hätte er sich Aristptelsec genannt, ich begreife da» Unerreichbare des Appelle», der den Alexander den Blitz haltend, im Tempel zu Ephesus mahlte, darin, daß er sich nicht Appelsee nannte, ich bewundere erst den Meister PrazitclcS, der die enidt. sche Aphrodite nakt in Marmor dargcstellt, weil er sich nicht Pra. zitcller nannte, und ich erkläre mir, daß dir heutigen LcSsianer keine Aristoteleffe sind. Ich bin zwar nicht klug und weise mich verltSt inan nicht allein ich würde mich gekränkt fühlen, wenn man die Rainen dieser großen Männer der Geschichte, so wie die kleinen Männer, wrlche Geschichten machen, verändern würde. Mit den kleinen Männern bin ich schon einverstanden, da doch die Welt nicht viel verliert, wenn sie ihren alten Ramen verlieren, ja ich sinde eS gerecht, daß bei solchen Männern eine Beschneidung — deS Rainen» wiederholt wird. Als ich nach vielen Jahren wieder einmal meinen entlrsten Freund auf der Straße von der Ferne erblickte und ich ihn bei seinem frühern Ramen rief, da drehte er sich um, nahm ivie Riobe eine vcrsteinette Gestalt an, wartete bi» ich an ihn herankam und rief mir ein: „Entschuldigen Sie" zu, hinzufügend: „Es' ist merkwürdig, was man in der Jugend einmal gelernt, vergißt man im Alter nicht." — Unwillkührltch mußte ich mich da an Schillers Worte erinnern: Glaubt mir. e» ist kein Mährchen. die Quelle der Jugend, sie rinnet