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Die Gegenwart · 1868-10-08 · 22 (8.10.1868) · p. Seite 240

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
22 (8.10.1868)
Date
1868-10-08
Page
Seite 240 (sequence 8)
Language
German
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240 damals in Gegenwart der noch rauchende Trümmer des Tempels von Jerusalem alles verloren zu haben - Sein religiöser Mittelpunkt ist gebrochen, cs ficht beinahe das Prinzip seines geistigen Gebend dahin schwinden, und eS scheint, daß mit dem letzten Senfzcr der Priester, die sich muthig in die Flammen stürzen, auch der letzte Pul-schlag des jüdischen Volkes geschlagen habc^ v WaS! Israel ffoll ohne sein Hciligthnm, ohne seine XPriester, ohne Opfer und Weihrauch fort bestehen-! — Ja «ö wird fort bestehen, indem es dir praktische Seite seiner Religtvn liebte, nicht minder die geistige hochachtetc. Es machte wie eine zärtliche Mutter, welche indem sie ein Kind verliert, sich mit desto größerer Neigung an das andere klam mert. Der Tempel war für Israel eine Quelle frommer Ge« müthsbcwcgungrn, in der Zukunft wird es sie in der Gcsetzsorschling suchen. Der Lehrer der dieses Gesetz erklärt, vertritt die Stelle des Priesters; das Gebell) ersetzt das tägliche Opfer. Ausübung der LiebeSwerke bilden neue, immerwährende Ganzopfcr und eine Anhänglichkeit, unter welcher Probe immer an den Gott Jakobs wird das Band zwischen allen zerstreuten Ucbcrrestcn der unglücklichen Nation sein. Die Bibel in einem Worte, und nm uns des Ausdruckes einer unserer neuen Autoren zu bedienen; die B i b c l, worin das Andenken so vieler vergangener Glanzperioden verzeichnet ist.» DicBibcl wird diesem verbannten, geknechteten, zerstreuten vertheidignngSloscn Volks stamme, als Bcr cinigung, Fürst nnd Vaterland dienen."Wo kann man noch ein Volk begegnen, welches ebenso formal ist als wie das israelitische, in sich, am Morgen nach seiner Niederlage, eine ebenso starte Springscdcr gefunden hat, um aus sich schnell ein neues Eciitrnm des Lebens und der Hoffnung zu schaffen - Das ist, weil sei» FormaliSmtiS ihn nicht hinderte in den Geist seiner Institutionen einzudringen. Wenn cS also sein Formalismus nicht ist, der seinen Sturz verursacht hat, so ist es gewiß, daß sein Spiritualismus sein Vcr schwinden von dem Erdball verhindert hat." Das Indenthnm, sagt der ehrenwerthe Oberrabbiner, bewahret dieHossnnng, zu sich die verlorenen Minder ans einer Straße znrückkehrcn zu scheu,welche viele zahlreiche Wege hat, nm bestimmt zur Annahme der positiven Religion zu bewegen. »Dieselbe Hossnnng hegt cs auch einer zahlreicheren Klaffe unserer Glanbrnsgcnosscn gegenüber, die man mit Recht mit dem Name» ,,I ndi ffere» l cn" bezeichnet. Strenge genommen, sollte man diese Partei nicht unter jene zählen, welche zur Bezeichnung unserer ge. enwärligen religiösen "age dienen. Das ist eine Partei ohne Fe »ic. Die Gleichgiltig- »Was aber,, meine Brüder, eine ernsthaftere Betrachtung verdient, das sind die dem Glauben ihrer Büter s» aufrichtig anhüngenden Israeliten, welche ängstlich fragen, ob in diesem Kultus nichts könnte modificirt, verbeffert werden, um den modernen Anforderungen und dem Wunsche, den wir alle haben, zu entsprechen, für die Synagoge den Glanz und die Macht, die sie einmal besaß, zurückzuerlan« gen. Diese Partei hält durch alle Arten Bande an der biblischen Religion fest. Sie liebt sie, wie ein ergebene- Kind seine Mutter, nur beunruhiget sie zu sehen, daß die Anforderungen des Jahrhunderte« beständig dem überzeugten Gläubiger neue Kämpfe und Widersprüche bereitet. Dieser Partei gegenüber stellt sich wieder eine, die durchaus in keinen Kompromiß eingehen will, und die man die Partei der Orthodoxen nennt, gewiß eine achtungsvolle Partei, weil jede ernste Anhänglichkeit, durch die Vergangenheit au die Tradition legirt, die tiefste Verehrung verdient. Nicht desto weniger würde man den Zweck verfehlen, wenn man sich in einer solchen unlenksamen Strenge einschließt, indem man erklärt, daß sie dem Geiste des IudenthumS ganz gemäß sei. Schon früher haben wir die glückliche Elastizität unseres religiösen Systems erwähnt, man würde mit Unrecht dem Geiste des Indenthums eine solche außerordenlichc Strenge beilegen. Wir könnten mehr allein Faktum anführen, welcheS bewcisen würde, wie unsere Lehrer zu jeder Zeit sich nach den neu ereignenden Umständen zu richten wußten. Haben nicht zu jeder Zeit Vorschriften und Zutscheidun gen ,M2s)N rwaj, in Beziehung mit den unvorgesehcncn um sich herumcutstandencn Nothwcndigkeiten eingehaltcu? Haben Rabbi Jochanan ben Saccai, Simon den Schetach, Hilel, Gamalicl l, Hanassi bis auf den berühmten Rabbi Jehuda, der am ersten cs wagte, die mündliche Lehre der Mischna nie« dcrzuschreiben, nicht ihren Namen Vorschriften beigesetzt, zu welchen wir moderne Lehrer vielleicht mit Zittern unsere ' Hände gereicht hätten - *) Was liegt daran, ob diese Maßregel beschlossen und ergriffen worden sind, im Sinne der Verstärkung der religiösen Verpflichtung oder im umgekehrten Sinne- Hat Moses nicht gesagt: »Ihr sollet diesem Gesetze nicht« beifügen und nichts wegnehmen." Gott wolle nicht, daß wir annehmen sollten die Entscheidungen dieser fromincn Lehrer hätten den geringsten Angriff auf die durch Moses verkündigte, heilbringende Lehre! Wir wissen sehr wohl, daß sie nicht habt", und würden nicht berührt haben, was die Wesenheit unserer Religion betrifft, ja, selbst nicht, was ihre Befestigung belangt. Aber die fort« kcit in religiöser Beziehung ist keine Farbe, es ist die Abwesenheit jeder Falbe. Möge sich das Indenthnm modificircn, sich, wie man sagt, nach dem Willen seiner hitzigsten Reformatoren, spiritnalisiren, sich aller seiner heiligen Gebräuche entkleide», ans den Altar der religiösen Erneuerung seine ehrwürdige» Traditionen niederlegen, sich ganz der Sirömnng des Jahrhunderts hingebe» es wird keinen | Indifferrii t e n gewinnen. Diese Ersahrung ist in diesem 1 Punkte und zwar ans der breitesten Basis im deutschen In- | dcnthnme gemacht worden. Hier hat man um die Indisfe- , reuten an sich zu ziehe», Konzessionen über Konzessionen ge-! macht. Da unschuldige Reformen nicht genügte», so mußte man strafbare Resormen machen, ohne zu bedenken, daß dis Iudrnihnin nichts ist. in dieser Wunde religiöser Gleichgilt iglest, die der Krebsschaden-uuscrer Zeit geworden ist. Man j mnßl die Ursache dieser Wunde andere wo suchen. Sie liegt 1 in der Anhänglichleit am Materialismus. Heutzutage will man fromm' sein, ohne sich irgend einen Zwang, irgend ein! Opfer ansznlcge», ohne sich in seinen Vergnügungen, in seij neu rhrgeitzige» Pläne» rinznschränkcn. Doch sagt uns ein ■ heiliges Sprichwort, daß man nur durch Opfer sich dem; Herr n angcinhm machen könne. Man muß also diese! Partei ansgcbe». Sic bildet eine Sekte für sich, die Sekte ( der Materialisten, der Sensualiste», die nicht« mit dem In- | dcnthnme, noch mit einer anderen ans dessen Schoße herj vorütgangencu Religion zu thun hat."! schreitende und liberale Partei, deren Sache wir vertreten, nnd die wir sorgfältig von den Rationalisten scheiden, verlangt nicht mehr, daß wir die Hand frevelnd auf die heilige Lade legen. WaS man auch neulich gesprochen haben mag, in Israel gibt cs keine Zerrissenheit, keine Krisis. Wir sind vollkommen über die Hauptstütze unserer Religion, nähmlich über die Offenbarung, und über die dem jüdischen Volke von der Vorsehung bestimmte Mission einig. Wir zweifeln auch nicht an dieser Scydunz; heute wo wir sehen, daß die tiefsten Denker der Einfachheit nnd der hohen Moralität unserer religiösen Grundsätze aufrichtige Lobeserhebungen er« thcilcn; heute, wo man voller Bewunderung über die , crstaunenswcrthe Biegsamkeit ist, mit welcher Israel sich in alle Arten Verhältnisse schmiegte, ohne jemals den hohen Werth seiner Lehre zu opfern, heute endlich wo uneigennützige *) Die Bcrhältniße sind weit entfernt dieselben zu sein. Ehemals genossen die Geseplehrer ein großes und mächtige« Ansehen in Israel, und wenn sic in ihrer Weisheit glaubten, auf eine gewisse Zeit, ein wenig die um das Gesetz gezogene Umzäumung lajzümachen, so war »licht zu fürchten, daß der ganze Damm gebrochen würde, denn sie waren so geachtet, daß cü genügte;n sagen: Bis hirher und nicht weiter: Ist ti henit auch der Fall? Welcher Rabbiner könnte diese Frag« mit gutem Geivissrn beantlvorte». T. B. _ _ ' "" Fortsetzung in der Beilagt.

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