Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 2 (1868)
- Issue
- 7 (14.2.1868)
- Date
- 1868-02-14
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
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28 Dir OtgcntDan. Freund Dr. Losch ausgegangen ist, erlaube ich Mir dechjchigen, wa« er gesagt hat, noch einige« tziuzuzufüge,. Me»« HchkW, es scheint mir. al« wenn es uns nachgerade kaum möglich sein wird, zu ermitteln, welchen Standpunkt die Königliche Staatsregierung in Beziehung auf Pie Anstellung jüdischer Lehrer einnimmt. Be« kanntüch hat der Minister v. Raumer die Realschulm, um Pie e« sich vorzugsweise dabei handelt, in katholische und evangelische eingetheilt, und da blieb für die Anstellung jüdischer Lehrer kein Raum. Nichtsdestoweniger ist es gerade unter diesem Ministerium in den fünfziger Jahren mehrfach vorgekommen, daß auch Juden, wahrscheinlich von der Ladenbergischen Zeit her, definitiv an öffent« lichen Schulen angestellt waren. Ich erinnere namentlich au Dr. Löwenthal. der an der Poseoer Realschule als Oberlehrer io Thätigkeit war, und auch an Professor De. Unger in Erfurt, der dort lange Zeit io Segen gewirkt hat. Run ist aber in neuerer Zeit bei der mehrfach erfolgten Errichtung von Realschulen diese Frage natürlich wieder öfter in Anregung gekommen, und da haben wir von dem Herrn Münster v. Bethmann-Hollweg gehört, bei dm Realschulm werde die Anstellung von Judm al« ordent« lichen Lehrern keine Schwierigkeit finden, weil die Realschulen in der Regel konfessionslos seien. Der Herr Minister v. Mühler hatte im Anfang eine etwa» andere Stellung. Im Januar de« vorigen Jahres aber wurde auf Grund der vorgelesenen Erklä« rungen angenommen, daß der Herr Minister nun auch bereit sein werde, die Wünsche der Patronate in Beziehung auf Anstellung jüdischer Lehrer zu befriedigen. Dmnoch habe ich in dieseu Tagen als Beilage zu einer Petition der städtischen Behörde von BreSlau eine Entscheidung de« Herrn Ministers gefunden, die ich wirklich ganz außer Stand bin, mit den ftüher abgegebenen Er« klärungen in Einklang zu bringen. Die städtischen Behörden von Breslau haben gerade in Anerkennung des UuterrichtSbedürfniffeS ihrer zahlreichen Bevölkerung beschlossen, eine Realschule zu et« richten, haben da« Gebäude dafür bereits aufgesührt unv haben den Herrn Unterricht««Minister ersucht, weil die Breslauer Bevölkerung nicht dloS au« Evangelischm und Katholischen bestehe, sondern auch au« diese» Juden, von denen ein sehr großer Theil der Kommunalsteuern aufgebracht werde, dieser Anstalt einen be« stimmten konfessionellen Charakter nicht beilegen zu wollen und zu gestatten, daß an derselben auch jüdische Lehrer angesteüt werden können. Im Noveinder 1867 hat der Herr Minister, wenn ich richtig gesehen und gehört habe, sich dahin entschieden, daß die« unzulässig sei. Es gebe in Prmßen katholische und evangelische Realschulen und in den annektirtm Provinzen auch zwei jüdische. Ich muß sagen, ich bedaure da«, und ich weiß nicht, wie sich da« mit demjenigen, was wir früher gehört haben, vereinigen läßt. (Fortsetzung folgt.) Fe. Berlin, 8. Februar. In der 45. Sitzung des Abgeord« neten-Hause« vom 7. Februar wurde der Gesetz-Entwurf betreffend den sogenannten Provinzial-FondS für die Provinz Hannover mit 200 gegen 168 Stimmen angmommen. Die» Gesetz erstreckt sich auch auf zürische Berhältniffe der Provinz insofern, als, ein Theil der verwilligten Rente von 500,000 Thlr. zur ״Unter- Haltung des jüdischen Schul« und EynagogenwesenS der Provinz" verwendet werden soll. Wir müssen konstatiren, daß die« da« erste Mal ist. daß der preußische Staat, wenn auch nur für eine seiner Provinzen, die gesetzliche Sorge für -dajüdische Schul« und Synagogmwesen zu übernehmen hat.^ Wenn die Uebernahme dieser Verpflichtung auch nur au« den besonderen Berhältnissm de« früheren Königreich« Hannover ihren Ursprung hxrkeite^ so Hnn mau doch nicht verkennen, daß hierdurch ei« bedeutender Schritt M vollständigen Gleichstellung de« jüdischen mit den übrigm Eulten im preußischen Staate gethan ist, dmn man wird sich am Ende, an betreffender Stelle doch die Frage vorlegen 1Men, oh man die Bergünftigung. die man dem eine« Theil des Staat« zukommen läßs, den andere!» ^vrmthMn kann? Jedenfalls ist hier der Punkt gegeben, von dem äuS sich eine wirk« same Agitation füd die Uebernahme der Sorge für den jüdischen Cultu« seiten« de« Staates in Scene setzen läßt; eine Sache, die wir so lange zu fordern da« Recht haben, ül« der Staat für die Übrigen Culten sorgt. Sollte er aber — und ein ungläubige« Lächeln tritt un« hierbei auf die Lippen — den umgekehrten Weg einschlagen, d. h. die Sorge für den EultuS und die Religion«, schulen der sich dafür interessirenden Individuen überlassen, da« gegen überall paritätische Schulen einrichten, so wären wir die Ersten, die un« au» dollsten Herzen darüber freuen würden. Denn so, wie e« bei un« galt und noch gilt, so haben wir zwar da« Recht und die Pflicht, für unfern Cultu« selbst zu sorgen, aber wir. müssen, ohne Gegenleistung zu empfangen, auch für die anderen Culten sorgen. Au« den Steuerst, die von allen Staatsbürgern ohne Unterschied des Glauben« erhoben werden, werde» die bevorzugten Eulten unterhalten. Und hier liegt da» Unrecht, das nur auf die eine oder die andere der ange« gebenen Arten aus der Welt geschafft werden kann — und muß. •** Wien, 5. Februar. In einem Bortrage, welchen Dr. Jellinek am 2. Februar über da» Proselhtenwesen im Juden« thume hielt, betrachtete er es al« ein merkwürdiges Zeichen der Zeit, daß ein solcher Gegenstand in der Hauptstadt Oesterreichs behandelt werden könne und die Behandlung desselben nicht bloein wissenschaftliches Interesse, sondern auch ein praktische« Be« dürfuiß befriedige. Der Redner theilte sein Thema in die zwei Fragen: wie sich da« Judenthum zum Proselhtenwesen, und da« Proselhtenwesen zum Judenthum verhalte. In Beziehung auf die erste Frage schilderte er zwei Strömungen, welche durch da« bib« lische Judenthum gehen; eine gesetzlich - particularistische, die dem Berstande, und eine prophetisch-universalistische, die dem Herzen entspricht. Die. erstere läßt den Proselvten an sich herankommen und ist überhaupt vermöge ihre« national-territorialen Charakter« dem Proselhtenthume nicht sehr günstig; die letztere, von Begeiste« rung getrieben, durchbricht die nationalen Schranken und möchte von dieser messianischen Höhe aus alle Völker um da« Banner de« einen Gottes schaaren. Aus dieser prophetisch universalisti« scheu Begeisterung ist die Proselytenmacherei des Christenthum« hervorgegangen, während das Judenthum, unter dem Einfluß seines gesetzlichen PartikulariSmuS, keine Missionen zur Bekehrung der Heidenwelt kennt. Die Nachfolger der Propheten sind die Männer der Haggada, das heißt die Redner, Dichter und Philo« sophen, welche die Proselyten verherrlichen, ohne aber direkt zum Proselhtenmachen aufzufordern. — In der Antwort auf die zweite Frage untersucht der Redner, wodurch da- Judrnthum auf die Heidenwelt rinwirken könnte, und wie« geschichtlich nach, daß die Humanität de« jüdischen Gesetzes, die Fürsorge für tzie Armen, die Milde gegen die arbeitende Klaffe, die historische Stellung der Frauen, der monotheistische Gedankeninhalt und der Sabbat, der Allen Ruhe gewährte, eine mächtige Anziehungskraft auf die Heiden ausübte, besonder« auf die Frauen, so daß z. B. die Frauen in Damaskus, Batanien und Hauranieo, eine ganze LönigSsamilie in Adiabene und der Mitkonsul de« römische» Kaiser« Domitian dem Judenthume sich anschlossen. Letzterer starb sogar den Mär» thrertod für da« jüdische GlaubenSbekenntniß. Endlich zeigte der Redner au» der Geschichte, daß auch Christen uud Mohammedaner