Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 2 (1868)
- Issue
- 1 (3.1.1868)
- Date
- 1868-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Berliner Wochenschrift fftr Jüdisch« Angelegenheiten. Wie kommt es nun, daß He.?., der auallen Ecken und Enden die rabblnischen Ansichten herbeiholt und uns austischt, getade die vernünftige SrllSrung de- R. Levi dem Leser vorenthält, während er die unverfiLndliche de- R. Ehanina so stark betont und fast zu empfehlen scheint? Emuß daum so mehr auf. fallen, als in dem jerusalemischen Talmud (Thaan. F. 65, a) nur die von R. Levi gegebene Erllärung Eingang gefunden, dagegen die Ansicht de» R. Ehanina keiner Aufnahme werth gehalten wurde. Auch die spätesten ^Rabbiner (I. Or. Ehajim v. 579, §. 3) folgten dem Beispiele dejerus. Talmud- und versagten ihre Zustimmung der Meinung de» R. Ehanina, so daß Hr. L. mit feiner Begründung sehr verlassen dasteht. Doch Hr. 8. hat noch andere Gewährsmänner für sich. Ein ganze- Heer von Legenden wird aufgestellt zur Bertheidigung der Meinung, daß die Leichen in den Gräbern unsere Bitten Hbren und für uns beten. Wie mochte aber der Berf., der doch selbst die Vorschrift (Or. Chaj. e. 581) ״sich mit den Wünschen nicht an die Todtcn, sondern nur a» Gott zu wenden," anführt, dem Lesepublikum zumuthen, diesen Legenden in ihrem buchstäb« lichen Sinne Glauben beizumesseu? Wie durfte er, dem eS nicht unbekannt ist, daß nach einem sbmktionirten Principe de- Juden« thumS, au- Legenden (אגדה) keine gesetzlichen Folgerungen (!הלכו) gezogen werden können, auf solche Wundermärchen sich berufen, um nicht allein eine religiöse Sitte vergeblich zu rechtfertigen, son. der» auch falsche Glaubensansichten zu vertreten? Wenn aben« teuerliche Erzählungen nach dem buchstäblichen Sinne als Geschichte und Wahrheit aufgefaßt werden, woran wir glauben und darnach handeln sollen: dann werden wir wieder denen gleichen, über welche Gott klagt: ״Sie sind eine Gemeinde verirrten GeisteS, und sie kennen nicht meine Wege." ' (Fortsetzung folgt.) Zur Rückrrt - Forschung. Wenn ein großer Mann von dieser Erde scheidet, — sei er nun als Helv oder Staatsmann, als Künstler, Gelehrter oder sonst was ausgezeichnet gewesen, — so ist die dankbare Nachwelt (und daist doch sicher als verdienstlich anzuerkennen) eifrig be« müht. Alles anfznstöbern und ans Licht zu ziehen, was zu dem Verstorbenen in irgend einer Beziehung gestanden. — Was Wnnder also, daß dies auch in Betreff Friedrich Rückert's ge» schehen? WaS Wunder, daß seit Nückert'S Tode schon so Vieles ״über Rückert" ist geschrieben worden? — DaS Meiste in diesem Punkte hat aber sicher Dr. Colirad Beyer geleistet; denn er ist hinsichtlich der Aufsuchung dessen, wa« mit Rückert nur irgendwie in Connex zu bringen, bisher weit«׳ denn irgend Einer gegangen. Schon in seiner ersten Schrift übet Nückert, die er zar nicht lange nach des großen Dichters Hinscheiden herauSgegeben, ist Beyer so ausführlich, so in die lleinsten Details eingehend ausgetreten, daß mehrere Journale »on denen, die dazumal da- Werk recensirten, den Verfasser nicht anderals den ״Rückert-Forschcr" nennen mochten. Und Herr Beyer selbst hat sich über' diesen ihm gegebenen Namen auch gar nicht geärgert. Im Gcgentheil! er hat ihn sogar sehr gern acceptirt, wie es hauptsächlich aus seiner unlängst in Coburg gehaltenen und, unter drm Tltel ״Friedrich Rückert, ein demscher Dichter״' voi, ihm durch den Druck veröffentlichten Festrede') zu ersehen, in welcher Beyer mit sichtlichem Wehlbehagen von seinen Rückert- *) Loburg 1867. Forschungen spricht, auf sie hinweist u. f. w. u. s. w. — Auch dieser Rückert-Rede ist in mehrere« Journaten die Ehre der ״Besprechung" zu Theil geworden, und sogar di« ״Grenzboten" haben einer solchen ihre Spalten geöffnet,') wenn auch, — wie eS scheint — absichtlich nur de-wrgeu, um schließlich dem vr. Beyer den Rath zu ertheilrn, daß er die Rückertforschungen doch lieber berufeneren Kräften überlassen möchte. Wird Herr Beyer nun diesen Wink beherzigen? oder wird er in feinen Forschungen in Bezug auf Rückert fortfahren? Wahrscheinlicher ist jedrnfall» da- Letztere. Aber angenommen auch, daß Herr Beyer sich für den allerberufensten Rückert- Forscher hält, so wird er sicher doch auch einem Andern eine Frage gestatten, eine einzige Frage nur — und noch dazu eine solche, an die er gewiß selber nicht gedacht und wohl auch schwerlich jemals denken dürfte. — Ob er sie aber zu beantworten wüßte, wenn ein Anderer sie an ihn richtete? Ob er, der große Rückertforscher. zu sagen wüßte, wie Rückert als Dichter, — denn mit diesem wollen wir eS hier nur zu thnn haben — den ״Ju« den" gegenüber sich verhalten? — Ist diese Menschenrare (man verzeihe unS diesen Ausdruck, den wir ja nur, wie man wohl weiß, gewissen ״Andern" nachsprechen) Seiten» de» gefeierten deutschen Poeten in Ehren gehalten, oder — wie eS leider von so Manchem seiner College״ geschehen — mit Mißachtung rc. behandelt, oder aber ganz und gar ignorirt worden? — Jgnorirt? Nein! — In Ehren gehalten? Noch viel weniger. — WaS bleibt also übrig? Nun, wir wollen sehen. Ein alter Spruch sagt: ״Suche, so׳ wirst Du finden." — Und da» Suchen wird hier gar nicht einmal schwer, zumal das Object — daeorpu» delicti nämlich — sogar in sehr, sehr vielen deutschen ״Schullesebüchern" anzutreffen. — Denn Friedrich Rückert hat, wie nur zu bekannt, nicht bloS für das reifere Alter, sondern auch für die zartere Jugend die Klänge seiner Leier ertönen lasse»; er hat nicht bloS ״lyrische Lieder" und ״geharnischte Sonette", sondern auch Fabeln, Märchen, Legenden rc. gedichtet, er hat nicht blo» vom König ״Salomo" und vom Kaiser ״Barbarossa", sondern auch: ״Vom Bäumlein das andere Blätter hat gewollt", so lieblich gesungen. — Bleiben wir nun bei diesem Gesänge stehen. In dem so betitelten Gedicht handelt es sich nämlich um ein Waldbäumchen, das mit seinem einfachen ״Nadelschmuck" nicht zufrieden gewesen, weil ihin Laub schöner geschienen. ES hat sich ״Blätter" gewünscht. Und wafür Blätter? Zuerst ״goldene", dann ״Mernes dann einfach ״grüne" Blätter. Und Alles, was da« Bäumchen gewollt, das ist ihm geworden; aber Alle», waS ihm geworden, ist ihm schnell auch wieder verloren gegangen Die ״grünen" Blätter fraß die alte Geis, die ״gläsernen" zerbrach der Stnrm, — und wer nahm die ״goldenen"? — Da genügt'ü dem großen Dichter nicht, einen gewöhnlichen ״Räuber'* auftrete» zu lassen, der das Bäuinlein seines glänzenden Schmuckeberaubte. Nein! — Um die Sache recht drastisch darzustelle», muß e« vielmehr ein ״Jude" sein, und dieser muß einen ״großen Bart" haben und auch einen ״großen Sack" mit sich führen. Denn vielleicht nur so kann'» wirken, vielleicht nur so da» Kind vor dem Laster der Lüsternheit zurückgeschreckt werden, vielleicht nur so die edle Dichtung ihren edle» Zweck erreiche». — R ü k^ kert singt: ״Wie'- Nacht ist, schläft da» Bäumchen ein, Uiid früh ist'S aufgewacht, Da halt' e» goldene Blätter fein, DaS war eine Pracht! *) Nr. *9, Jahrgang 1867.