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Die Gegenwart · 1867-12-06 · 49 (6.12.1867) · p. Seite 385

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
49 (6.12.1867)
Date
1867-12-06
Page
Seite 385 (sequence 1)
Language
German
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Der Wahr׳ heit di« Ehre zu geben, muß ringrrämnt werden, daß daS frühere jüdische Leben, di« treue Pflegerin der Religidsität aus unseren Fa- «llten bereits geschivunveu ist, oder immer «ehr dahinschwindet. Dies ist-nicht etwa bloS für Berlin eine unumstößliche Wahrheit, dieselbe Erscheinung kemmt auch in kleineren Städten immer mehr zn> Lase. Btickm wir «ur SV gahre zurüek,-welch' bedmtenve Beräiwerung tritt un» in unwiderleglichster Weise vor die Augen! Ein mächtiger SSmpe ist ans Hew, Schauplatz getreten, der rüttelt gewaltig an die Schranken, welche uns Jahrhunderte von dem Gesammtlebm getrennt haben und, wer will» leugnen, er siegt mit jedem Tage mehr. Dieser Kämpe ist —das Leben selbst. Mit jedem Schritte, den ttlt' weiter auf der Bahn der Gesammtheit thun, mit jedem Siege, den wir durch den Geist der Frei« heit über altes Unrecht, über alt?« Vorurtheil erkämpfen, fällt auch ein Stück der frühex ab^eschlcsjencn Lebensweise. Mag man nun diese Erscheinung a7S ein« Fortschritt begrüßen, oder als den Untergang unserer Religion betrauern, sie ist einmal da und, kann nicht weggeläugnet werden. Allerdings ist die Süßere Form noch nicht ganz dahin; ein gewisser Schein wird noch hier und da gefunden, das täuscht wohl Manchen; allein wie kann, wohl von einem häu-sichen jüdisch-religiösen Leben gesprochen werden, wenn statt des Ler? ne» nur noch die äußerste dünne Hülle, und auch diese oft nur iu wahrhaft widerlichen Fetzen, zur Schau getragen wird? Oder wie soll man es wohl anderbezeichnen,׳ wenn in Häusern, wo der Sabbat der Wochenarbeit vollständig gewichen ist, wenn dort, wo da» Geschäft und jede ErwerbSfähigkeit am biblischen Ruhetage wie au jeoem andern betrieben wird, sei es nun offen, oder, aus Familienrücksichten und andern Motiven, ein wenig geheim, nicht blo» jeden Freitag inst aller Feierlichkeit über de» große« Barche» der Kiddusch gesprochen wird, sondern gm ander» Abend anch pünktlich Habdala gesprochen wird- und dabei vielleicht gar die Angen mit dem Habdalq-Wein bestrich« »erde«? Wir kmara allerdjng» die Rechtfertigung seichen Gebahren«. Da heißt SS denn: »iS sind koins Reue«,, wir find irmsnvativ, aber da« beben gestattet ׳nicht mchr dir strenge Frier, wir halten den Sabbath so «ei» wir könn«. Wir räum« da» erste vollkoiymen ein, seid ater anch ehrlich »nd wollet »ich» de» leerst« Schein für die Sache selbst ausgebrnl Unsere Väter kannten nicht solche Enb> schukvigungen, denn ihnen war «» heilige« Ernst: sie opferten de» Erwerb dem SabbMh, aber nicht Umgekehrt. Bor by Jahren hätte e» wohl Niemand gewagt, wie heute gar »icht fetten ge!- fchtehr. sich, mit der.Fever, am Sttbbath in der Hand, oder mit der lustig dampfende« Eigarre i« Munde als den Vertreter jü» disch-konservativer Interest« hinzustellen! Die wahre Orthodoxie kannte solche Spitzfindigkeiten nicht: sie würde solche Vertreter mit Hohn von sich gewiesen Hab«; der Reuorlhodoxie, jener Richlang, die nach allen Seiten hi» kokettirt, war es Vorbehalt«, solche Geiste-verwirrnng ln» Dasein za rufe» »ad dadnrch dem Jndenthum den größten Gchad« zu bereit« and dastelbe in sei, nem nethidendigtn Fortschritt za hemm«. Sie trägt die Schuld, wenn die neue» Grundpfeiler noch nicht fest anfgerichter sind, nachdem die alten Stütz« schon vollständig gebrochen find «nd täglich mehr zusammenstürzm! i•׳ Was wir vom Sabbath gesagt Hab«, gilt auch von der zwei»« Hauptstütze de« «remonietlen JudeuthmnS, den Speisegasetz«, und nicht minder von manchem alt« Brauch; wir führen es jedoch nicht weiter au«. Wer fehm will und sich nicht selbst täusch«, kann da» Exrmpel allein zu Stande bring«. Wir siud von unscrm Thema abgewichm, glaub« aber diese Abschweifung damit rechtfertigen zu dürf«, daß jede Bek«chtung der erwähntm wahrhaft traurigen Zustände nie und nirgend» überflüssig oder am Unrechten Orte ist; übrigen» ist sie nicht außer allem Znsammenhange mit nnserm eig«1lich« Vorhaben, wo» sich später von selbst ergebm wird. Nehmm vir aber dm abgeristrnen Faden wieder auf. Ist das wahre jüdische Leb« aus dem Hanse geschwondm und ist damit auch eine Hauptstütze de» religiösen Gedeih«» hinweggrriffen, so müssen Gotteshaus und Schule in vervoppeltem Maße dir Pflege desselben übernehmene» frägt sich also: Ist die Gemeinde nicht in Interesse der Religion verbünd«, eia vollständige- Schulwesen eiuzurichten? d. h. sich nicht auf ein« bloß« Ersatz der Volksschule zu beschränken, sondern auch höhere Schulen zu gründen, um auch etwaige Ansprüche« wohl« habender Mitglieder zu befriedig«? Unsere wanne Theilnahm« für die religiöse Entwicklung werden die Leser wohl schon erkannt haben, dennoch müsten wir «ch «st dem mtschiedenstm ״Rein" antwortm. Gewiß hat die Gemeinde für die religvse Bildung ihrer Ungehörig« Sorge zn trag«, wir werden weiterhin sogar ihre lebendigste Lhätigseit für diese Wirksamkeit als unertäßlich Nachweis«, da« erheischt aber und rechtfertigt nur die Errichtung von ReltaionSschule». Diese ist Sache der Gemeinde. Dir Förderung "der Gesammtbildung gehört durchaus nicht zu ihrer Obtiegmheit und hat auch nie dazu gehört. Selbst iu der früher» Zeit, als die Jugend- 4«

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