Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 47 (22.11.1867)
- Date
- 1867-11-22
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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OaGncr Wochenschrift fir IWsche Angelegenheit». 87V lichr« Landstädtchm, d«S den Ra»« öigonier^ trägt. I» dich» Orten siedelten sich t« Saufe der letzten Jahre etwa 18—lb iSraeWscbe Familien'an, die vor^ Kurzem zv einer Gemeiodit unter dem Namen ״Ahabat Schalom" sich organisirten und mit «wer« kelmmsrorrther Opferfreudigkeit > ein recht nette« Gotteshaus er« richteten, da« sie sogar u. A. mit einem Mrlodidn ausstatteten. Am 80. September wurde da« Gotteshaus eingewekht und der Tag der Tempelweihe war für Legonier rin großer Festmtd Frrudentag. Sine verhältnißmäßig sehr große Anzahl von in der Umgebung wohnenden Israeliten wie auch zahlreiche Christen nahmen freundlichen und nachbarlichen Antheil am, Feste, vr. Felsenthal von Chicago hatte der Einladung, die Weihepredigt zu halten, entsprochen und hielt am Freitag Abend, da so viele amerikanische Christen das Gotteshaus besucht hatten, eine Rede in englischer Sprache, die beifällige Aufnahme fand. Der Redner meinte, daanspruchlose, bescheidene jüdische Gotte-Hanin Ltgoe nier überrage bedeutend die stolzen Dome in Rom, Köln, London und anderwärts — nicht an Größe und Pracht und architectonischer Schönheit, wohl aber an Vernünftigkeit', Schöne und Herrlichkeit der'darin gepredigten Lehren, und anknüpfend hieran, legte er dem anwesenden Publikum die HauptuuterscheidungSlehren zwischeu Judenthum und Christenthum dar, scharf uud doch mild, entschieden und hoch freundlich und versöhnlich. ES hat dieser Vortrag auch bei den chrWchtn Zuhörern einen recht guten Ein druck hinterlasien." Amerikanische Briefe. I. Cincinnati, 38. Oktober. An die Redaktion der ״Gegen« wart", Berlin. Schon längst dachte ich daran. Ihnen einmal etwas über hiesige jüdische Verhältnisse zu schreiben. Ihre mir jüngst zugekommene Aufforderung entsprach deshalb meinem schon früher gefaßten doch Ni« ansgeführten Entschluß. Wie von dem religiösen und socialen Leben in den Bereinigten Staaten ich Allgemeinen verhältnißmäßig sehr wenig in Europa bekannt ist, so dürfte man auch bei Ihnen bis jetzt nur noch sehr wenig von den hiesigen Juden wissen, ihren materiellen, socialen und kirchlichmLxrhLttniffew und mit letzterem Ihre geehrten^Srftr'iiahörbekannt zn machen, soll zuvörderst der Zweck diese« und meiner folgenden Briefe sein. Da ich seit längerer Zeit hier ansässig bin, Cinrhinati auch gewissermaßen der Eentralpunkt jüdische, Leben« westlich vom Alleghöch Gebtrge ist, so werde ich Ihne» vorerst speciell über die hiesigen Verhältniffe schreiben. Huyimzati im 39. nördlichen »Breite»- und 84. westlichen ' Längengrade von Greenwich au« an der Rvrdseite des Ohio-Flussk« gelegen, ist die größte, wenn auch nicht die Hauptstadt de« Staates Ohio und zählt 850,000 Einwohner, darunter 15,000 jüdische Seelen. Unter letzter» ist Deutschland, namentlich Süddeutschlaud, am meisten vertreten, nächstdem kommt Rußland, Polen, England und der Elsaß; Oesterreich und andere europäische Länder sind auch, aber nicht sehr zahlreich repräsentirt. In materieller Beziehung nehmen die hiesigen Jupe»! ver» hältnißinäßig du, ersten Rang unter ihren Giaubenigknosscn in den Vereinigten Staaten ei», sie zählen mit zu den reichsten Einwohnern und den ersten Handlungshäusern Cincinnati», ihre großartigen Geschäftelokale sind die schönsten der Stadt. Innerhalb der letzten fünf Jahre haben sie das Meiste zur Verschönerung Cincinnatis bcigetrageu, ihre palastartigen Privathäuser stehen ihren GeschästSlokaleu würdig.tzzm! föifc. ..Hieser Umstand hat auch sehr viel zur Verminderung de« früheren Borurtheil« gegen die Juden bygetragen; ״wenn sie Geld hier erworben haben, so gee Heu sie nach Europa zurück, um e« dott zn verzehren", hörte man oft hier von vorurthrilsvollen Amerikanern, und der« giebt e« lecher noch sehr viele, anSrufm. Erwägt man, daß der aller» größte Theil der hiesiger Juden vor 30 uud w«i-er Jahr« als Fremde hier herkamr», ,die keine Bekannten oder Verwandte» uud nur sehr wenige GlaubenSgenoffen vorfanden, mit der Sprach« Und dm Sitten der Bewohner gänzlich unbekannt warm und in der Regel keine pekuniär« Mittel mitbrachtm und sieht mau, wie sie jetzt dastrheu, so kan» man nicht umhin, 4hum die größte Achtung zu zollen. Mit wie vielm unendlichen Schwierigkeiten halt« sie aus oben emähnten Grüudeu nicht zu kämpfen, welch' mächtige Eoncurrenten fanden sie nicht an den listigen Janker», de« ersten Handelsvolk der Welt, und welch bedmtender Pro» zentsatz ihrer schwer erworbenen Dollar« »änderte nicht schon, als sie nur noch'wmige Dollar« sich erübrigt hatten, über den Atlantischen Oeean, um den mittellosen altervden Ettern daheim den Abend ihre« Leben» weniger sauer ankvmmea zu lassra. und. bei Allem dem sind Wohlstand und Reichthum jetzt so sehr bei ihnen zu Hause, daß die Amerikaner^ sich gar kein« armen Juden denken können. Daß ihr Bildungsgrad nicht immer ihren materiellen Berhältnisien entspricht und sie auch im öffentlichen Leben, d. h. in der Politik, Literatur und Journalistik nicht dieselbe Rolle spielen, wie unsere GlaobmSgenoffen in Europa, speciell in Deutschland, muß allerdings zugegeben werden; indeß ist da« nicht ihre eigene Schuld, sondern liegt da« vielmehr in dm mit ihrem Hiersem verknüpften Verhältnissen. Der allergrößte Theil der hiesigen Iudm. nammtlich derer, die schon längere Zeit hier im Lande sind, haben nur eine mittelmäßige Bildung herübergebracht, die Untenntniß'oder vielmehr di? geringe Fertigkeit in der englischen Sprache ist der Hauptfaktor ihrer mehr passiven Becheiligung am öffmtlichen Leben, zu dem aber kommt uoch der Umstand, daß die Leute während der ersten Zeit ihre« Hierseins nur darauf angewiesen waren, sich ihr Brod zu verdienen und da konnten sie wirklich nicht an anderweitige Beschäftigungen denken. Da« zweite hier geborene und erzogen« Geschlecht, da«, hei« läufig bemerkt, nur sehr wenig, oft auch gar nicht«, von der Sprache, Sitten und Gebräuchen her Eltern an sich hat, nimmt natürlich schon mehr direkten Antheil am hiesigen öffentlichen Leben, Zeugniß davon giebt eine ziemliche Anzahl junger jüdischer Rechtsanwälte ,die täglich im Wachsm begriff« ist, und der Rechtsanwalt, ist hier iu Amerika die erste Stufe zum höhern Staatsbeamtem bi» hinauf zum Präsidenten. Unter den hiesigen 38 Stadtverordneten befindet sich nur ei» Jude, im eben so starken städtischen Schulrathe sind zwei jüdische Mitglieder. Hingegen ist ihr gesellige« Leben sehr entwickelt und ich möchte fast sagen, großartiger, als selbst da« ihrer christlicher» deutschen Mitbürger; bei ven Amerikanern existirt so wa« fast gar nicht. Mit Nichtjuden, ob Amerikaner oder Deutsche, nur sehr wenig harmomrend, haben sie ihr« eigene» 3 Klub«, in denen man sich sehr gut amüsirt. Dieselben sind nach dem großartig, stxn Maßstabe eingerichtet^ der eine bezahlt allein eine jährlich« 'Methe von 4000 Dollar für seine Räumlichkeiten. Im Winter wechseln Tanzvergnügen mit theatralischen Vorstellungen, theil« deutsch, theil« englisch, seiten« der Mitglieder. Diskussionen über die verschikdenstrn Angelegenheiten und wissenschaftlichen oder humoristischen Vorlesungen.