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Die Gegenwart · 1867-11-01 · 44 (1.11.1867) · p. Seite 345

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
44 (1.11.1867)
Date
1867-11-01
Page
Seite 345 (sequence 1)
Language
German
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Diese» »UM njjtta» Xborannalf י Preis viertelt t-el ich t ay, Ci», toct »>chh«Rm, __ jede mb »sch.Uaßrlt «!*ftrarMHUK*. Die Gegenwatt. jafmbnun fit die Redeetie» B» «, »i« S,»edttie», Orvtzr H«»U>vrßr»te l»». 2>serti«^ul«'1?rÄi » »esp«l»«»» IWtt»3*w 1V. fr* r Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. Freitag, den 1. November. No. 44. Ärger Jahrgang. 1867. Inhalt: lieber dm BerfihmmgStag. — Lorrr»p1nde»sn1: Hamburg, Prag, Wim, Bukarest, London, Pest, New.Pork. — vr. Aron Äumpertz, gm. Aron Emmerich (Fortsetzung.) — Die Bibel und der Wein. — Live Anfrage. — Vermischte».-Inserate. Neder Len Versohnungstag. Geehrter Herr Redakteur! Eine Institution von der erhabenen Bedeutung, wie sie dem Versöhnungstage innewohnt, in desien innerer Idee und äußerer Erscheinung das Judenthum den Gipfelpunkt seiner Principien über das Verhältniß zwischen Gott und Mensch erreicht hat, sie kann sicher nicht zu oft und zu ernst, in Rede und Schrift zum Gegenstände der Erörterung gemacht werden. Denn je klarer und ungetrübter ihr Wesen und Gestalt vor den Augen der ihn zu feiern Berufenen dargelegt wird, desto reiner und würdevoller gestalten sich auch deren Anschauungen über die Gruudlehren der Religion überhaupt, auf welchen da« ganze Gebäude der Unterweisungen für Erleuchtung des Geiste- und Berufung des Herzen-, sowie der Normen für vernunftgemäße Ordnung des nach Außen gerichteten Lebenswandels sich mit logischer Eonseguenz aufbaut. Es war daher wie dem Schreiber dieses so gewiß auch dem größten Theile de« Leserkreises dieser Blätter eiu willkommenes Angebinde zur erste» Feier diese- Tages seit dem Erscheinen jener, darin ein gehaltvolles Wort über die rechte Würdigung und heilbringende Ausnutzung desselben zu vernehmen, und warme Beherzigung nebst eifriger Bethätigung de« darin Gesagten würde Jeglichem, gleichviel ob orthodox oder liberal gesinnt, unfraglich zu,Nutz und Frommen gereichen. Finde ich mich demnach mit der Tendenz gedachter Exposition im Allgemeinen völlig im Einklänge so wollen Sie mir jedoch gestatten, in einer nicht unwesentlichen Hinsicht meine Abweichung von dem Gesichtspunkte des Autors auszusprechen. So verworren nämlich in vielen Kötzfen trotz mannigfachster, in Schule, Synagoge und Presse darüber gegebener Aufklärung die Vorstellungen über die Wirkungen des Jom kippur noch immer sein mögen, so weit, dünkt mich nach den in einer langen Reihe von Jahren darüber gesammelten Beobachtungen, geht der Jrrthum doch kaum bei dein Naivsten, , daß er, sei e« durch den Versöhnungstag, sei eS durch die allezeit waltende göttliche Barmherzigkeit, die natürlichen Folgen böser und unvernünftiger Thaten aufgehabe» zu sehen hoffen und sich schmeicheln möchte. Der Wollüstling (vorauSgesetzt daß ihn seine Völlörei nicht schon geisteskrank gemacht) wird sicherlich durch den Jom kippur nicht Heilung und Kräftigung seineS siechen Körpers zu erlangen, der Verschwender keine Besserung seiner durch eigne Schuld zerrütteten VerinögenSverhällnisse, der durch ehrlose Thaten in der menschlichen Gesellschaft Gebraudmarkte keine urplötzliche Wiederherstellung seines guten Namens erwarten, sie und alle ihnen Aehnelnde werden vielmehr inSgesammt aus der Prosa der Lebenserfahrung da« Bewußtsein in sich tragen, daß hier nur da« selbsteigne Herau-reißen auder bisherigen Versunkenheit und Verdumpfung sie vor den unauS« Klei blichen Folgen ihrer Handlungsweise schütze», alle« Fasten, Beten, in die Brust Schlagen, Bekennen und Jammern allein aber an jenem nicht« ändern könne und werde. An eine Zaubermacht des Jomkippur in diesem Sinne glaubt also meines Erachten« kein Jude, der in seinen VerstaudeSkrSsten noch zurechuungsfähig, jeder weiß vielmehr und ist darauf gefaßt, daß ״e« so geht, wie man'S treibt", uno ״wie gesäet, also auch geerntet wird"; doch die zur Selbstbefrckuug nöthige Kraft, um sich mit starkem, fest beharrlichem Willen hinauSzuziehen au« hem Pfuhl de« LasterS, sie entgeht dem schwachen Kinde des Staubes. Darum wirft rs^sich dem gnädigen Vater droben vertrauensvoll in die Arme und.fleht um Seinen allmächtigen Beistand zu solch schwerem Werke (nach dem Spruche der Rabbinen: wer die Absicht hat sich zu läutern, wird der Hilfe von Oben nicht ermangeln und gemäß dem Schluß des Sühnegebets:, esei Dir Herr! nwhlgefällig, daß ich ferner frei von Sünde bleibe), damit es ein menschenwürdiges gottgefällige« Leben fortan zu führen im Stande sei, die unseligen äußeren Folgen, welche seiner Fehler Fülle bisher auf e« gebracht, nicht immer tiefer und tiefer seinen Nacken beugen und schwerer sein geängstigt Herz beklemmen und ob der Reue über den bisherigen sündhaften Wandel und der Umkehr auf den geraden Weg der Tugend die in dem Schuldbuche des Höchsten verzeichneten Missethaten ausgelöscht, getilgt werden mögen. Diesen Gang ungesähr nehmen wohl die Ideen über diesen Knotenpunkt des religiös sittlichen Lebens bei jeglichem Israeliten, der überhaupt über dergleichen ernstlich nachdenkt, und was er je^darübcr gehört, ge- ' lernt, gelesen, nicht leichtfertig unnützen» Ballast gleich über Bord wirst. Der Gedankenlosen und Denkträgen im Bereiche religiöser Erkenntniß und Praxis giebt'S aber in der That unter uns leider nur zu Viele, zunial wenn man beim Nachdenken Gefahr läuft, zahlreiche seelische Wunden und Beulen zu entdecken, von deren Existenz man lieber nichts wiffen mag, um nicht Behuf« ihrer Heilung zu kraftvoller Selstüberwindung und rüstigem kosreißev von den langgewohnten Unsitten durch die danu wachgerufene Stimine des Gewissens gedrängt zu werden. Jedoch eben die Macht und Wucht dieser letzteren nach Möglichkeit zu verstärken, hat da« belehrende, gesprochene wie geschriebene Wort znr vorzüglichen Aufgabe; es hat eS den Vorangehenden mit der überwältigenden Kraft der Wahrheit zum Bewußtsein zu führen^ daß (den Worten der Schrift sowohl, als dem Ergrbniß menschlicher Forschung zufolge) der himmlischen Barmherzigkeit die göttliche Gerechtigkeit und eine auf unerschütterlicher Basis fußende gerechte Weltordnung grgenüberstehe, und nur wenn den Anforderungen letzterer durch unablässige Säuberung von Gefühl, Gesinnung und Handlung genügt werden, auf da» Eintreten jener, d. h. Tilgung, Sühne der Schuld und Erlaß weiterer für sie ohne dies sicher noch zu erwartenden Ahndung gehofft werden dürfe. So gefaßt ist die

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