Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 35 (30.8.1867)
- Date
- 1867-08-30
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434180--330-4890181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berliner Wochenschrift ptr Jtdisch« UngelegenheiteL. 279 Er versichert zwar, daß er, obwohl ihm bei de« unvermeidlichen Fall de- Volkedie Verzeihung bei den Römern gewiß war, edoch vorzog, zu sterben, als da» Baterlaud zu verrathen, den Luftxag der Central-Regierung im Stiche zu lassen und bei deneu ipr Glück zu leben, mit denen er zu kämpfen beauftragt war. Allein war der Ueberläufer, der dem Ve-pasian bei seinem Bor« rücken auf Jotapata meldete, daß Josephu» von seiner anfänglichen Flucht in der Stadt wieder eingetroffen sei, wirklich nur ein gewöhnlicher Ueberläufer, folgte derselbe seiner eigenen Berechnung, wenn er BeSpasian zum sofortigen Angriff drängte und ihm vor« stellte, daß er mit Jotapata ganz Judäa gewinnen werde? — Konnte BeSpasian, wie Josephu» ausdrücklich meldet, durch diese Nachricht in hohem Grade erfteut werden, wenn der Ueberläuftr ihm nicht zugleich Bürgschaften für das Gelingen seines Unternehmenbrachte? «־ Und wenn nun Ve-pasian de» Sturm auf Jotapata au»« führt, wo befindet sich der Feldherr, der den Schwur darauf abgelegt hatte, daß er mit den Seinigm lieber fallen, als feinen Posten verlassen wolle? Er ist verschwunden, und wir finden ihn erst nach der Einnahme der Stadt auf einmal in einem Brunnen wieder, in dem er einen weitläufigen Roman spielen läßt um seine Wiedergeburt als Römer zu vollenden. Und dieser zweideutige Maun, der sein Volk verrieth und in den Augen der Römer noch verkleinerte, wenigstendie Rase« rei der letzten Eonvulsionen desselben noch zurückstoßender darstellte, als sie.an sich selbst schon waren, lebte der Hoffnung, daß seine jüdische Satzung sich die Völker unterwerfen würde, und erwartete von der moralischen Weltherrschaft des JudenthumS den Ersatz für die nattonale Selbstständigkeit, die er längst aufge« geben hatte. Als er einmal mit den Belagerten von Weitem unterhandelte und sie zur Uebergabe aufforderte, will er von ihnen von der Mauer herab die Antwort erhalten haben: ״Fluch dem Cäsar und seinem Vater! Wir verachten den Tod, der besser ist, als Knechtfchaft. Wir wollen mit dem Vaterland und dem Tempel unter« gehen. Beide« kümmert uns nicht mehr. Gott hat noch die Welt, die ein besserer Tempel, als dieser hier ist." Diesen Ausdruck einer verzweifelten Entschiedenheit, in der sich eine männlichere Haltung ausspricht, als er sonst den Auf« ständischen zuzuschreiben gewohnt ist, hat er mit besonderer Bor« liebe ausgearbeitet, und mit seinem wohlgeformten Gegensatz will er andeuten, daß gerade der Fall des Tempels dazu dienen mußte, dem Universaliömu» des JudenthumS eine freie Bahn zu eröffnen. Seine eigene Aufklärung, seine Eroberungslust, seine kühne Absicht, den Völkern mit dem Gesetz zu imponiren, arbeiteten in ihm, als er die Aufständischen durch den aufgeklärten Gedanken, daß die Welt der wahre Tempel ihre» Gotte» sei, in dem Vor« satz sich bestärken ließ, sich lieber unter den Trümmern des Tem« pel» ihr Grab zu bereiten, als die Gnade der Römer anzuneh« men, — er — er hielt sich zur Eroberung der Welt im Namen des idealisirten Gesetzes für berufen; aber in jedem Punkte der römisch-griechischen Welt, wo er nun dies neue LebenSprincip geltend machen und die Zeichen der Herrschaft aufpflanzen wollte, waren die Höhen de« Leben» schon längst von einem mächtigeren, allgemeinen Princip eingenommen. Gerade die Erweiterung de» PrincipS, die nach seiner Ansicht da» Anrecht de» JudenthumS a:1f die Weltherrschaft begründen sollte, war vielmehr da» Zeug« niß rer Obergewalt, die die griechische Bildung über dasselbe erha te» hatte. Nicht als Sieger trat da» Judenthum in die abend« ländische Welt, sondern als besiegt und unterworfen; nicht at» Gebieter, sondern mit dem Bekenntuiß, daß es sich nicht mehr allein und mit seine« ausschließliche» Princip beheuMu könne. Den Vorwurf, daß die Juden keinem Fremden, am wenig« sten den Griechen Wohlwollen, hofft Josephu» durch die Behaup« tung zu entwaffnen, daß va» Naturgesetz der Stoiker auch dm Satzung» seine» Volke» zu Eirunde liege, so daß Juden und Griechen, durch dieselbm Bestrebungen Verbund», keinen Grund hätten, sich als ftemd und als Feinde zu betrachten. Jude« Jo« sephu», von der Auflösung de» natioualm Judenthum» überzeugt, die oberste Spitze desselben, dm TheiSmu», auf griechischer Bast» zu retten sucht, gedenkt er die Herrschaft seine« Jehovah zu er« weitern und sie auf die alte Satzung und zugleich auf da» Natur« gesrtz der griechisch» Aufklärung zu gründen. Aber welcher Abgrund trmnt den Juden und Griechen auch in dem Augenblicke noch, wo die Aufklärung ihre religiöse Welt in» Schwanken gebracht hatte! Bildet die Einhett da» Wesen de- Judm, so war der Grieche vielmehr der wahre I»« raelite geworden, nachdem er an die Stelle seiner Schaar von Göttern da» Eine Naturgesetz zur Herrschaft gebracht hatte, wäh« rend Jehovah den Ruhm seiner Einzigkeit verlor als seine Satzun« gm mit dem Naturgesetz der Philosophen die Herrschaft thellen sollten. Die Böller warfen sich selbst weg, fühlten sich verworfen, fügten sich in da« Bekenntniß ihrer Nichtigkeit und sie sollten sich einem Stamm unterwerfen, der Nicht» von ihren geistigen Arbei« tm anerkannte, mit ihren Leiden keine Sympathie fühlte und starr sein Alterthum über ihren Trümmern erhalten wellte? Vermischte». — (Deuillot'S neuester Kreuzzug.) Herr Loui» Veuillot tritt endlich mit einem langen Artikel im Univer» gegm St. Beuve auf. ES ist .die« wohl da» unglücklichste ״Ereinte« ment", dessen sich der Verfasser der ״Oäeurs äs Paris“ schuldig gemacht hat. Vorläufig giebt St. Beuve nur de» Vorwand zu einem gewaltigen Kreuzzug gegen die gesammte moderne Wissen« schüft her. Der Gründüchkrit wegen, und um der Offenbarung gerecht zu werden, fängt Herr Veuillot mit Adam an, der die Erkenntniß der Wissenschaft hatte, denn er kannte Gott und die Natur, d. h. die Natur, weil er Gott kannte. Er nannte die Wesen und die Dinge. Die Schlange sagte ihm: ״Sei unge« horsam, so wirst du mehr wissen und sein wie Gott." DaS sind die beiden Wissenschaften einander gegenüber gestellt. §n Sachen der Philosophie hat e» seitdem nichts Neue» mehr gegeben! . . . In der historischen Zeit ist Abraham der Vater der Wiffenschaf« ten. — Sokrate» und Plato kommen noch peinlich gnädig durch, aber wohl nur deshalb, weil sie Gott in seiner Allbarmherzigkeit gegen da» sündige Menschengeschlecht gleichsam al» Vorläufer dem Ehristenthum vorangeschickt hatte 1c. u. k Rom. Neben anderen Unterstützungen hat der Papst in der durch die Cholera heimgesuchten Stadt auch den ärmeren Israeliten eine Beisteuer von 2000 Frk». zufließm lassen. Büchertifch. Neu erschienen Duxtirgt, J., lexicon cheldaicam, tslmadicam et rabbioicum. Denuo edidit B. Fischer. Fese. 6. Lpsg. 1867. boch 4. 16 8gr. »rucher, Fr., «ueführliche« Lehrbuch der hrbr. Sprache. HerauSgeg v. F. Äühlan. 11. vd. 1. Hälfte. kW. 1867. Lex. 8. 8 Thlr. SO Lgr. . \