Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 35 (30.8.1867)
- Date
- 1867-08-30
- Page
- Seite 273 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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StcMMrft aMtbd *t*A C(1. taeL eMHaaMmi ■ab M• tw^aawhmn. Die Gegenwatt. 1 |it bkücbicU•■ 1 bi« «rxbiti•■. Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. Freitag, Len 30. August. N0. 35. Erster Jahrgang. 1867. Inhalt: Ueber dir Aufgab« drr Theologie der Jetztzeit. — Torrr,pondka,n>: B«rlin, Berlin, NSmglberg. Wim, Pari«. — Zur Lrankmhau«.Krag«. — Zur Seschichte de« Unterricht« der i«raelitischm Jugend in Wim. (Fortsetzung.) — Joseph»« und die Zerstörung Jerusalem«. (Schluß.) — Vrr»ischte». — Bllchertisch. — Bitte. — Vanm;rulißr.-Inserate. Ueber die Aufgabe der Theologie der Jetztzeit. ' Bau K. Köhler, Rabbinattkandidat. Man macht e» unsrer Zeit zum Vorwurf, daß sie so leiden, schaftlich gerne schreibt rmd daß so viele Unberufene daöffent. liche Wort ergreifen, um auf der Arena des Schriftstellerthums zu glänzen. Nicht dies aber ist der innere Beweggrund dieser Er« scheinung, sondern den Antrieb giebt da» Gefühl der Unbefrie« digtheit mit der Gegenwart und dem was sie bietet, mit der Wissenschaft, die sich einerseits so gern al» fertig und abgeschlosien giebt, während überall erst Anfänge zum Bessern gemacht sind und jede DiSciplin al» Feindin der anderen und mit dem Anspruch auftritt, die anderen zu verdrängen und überflüssig zu machen, und andrerseits mitdem Leben, da», in so viele Gegensätze au», einander gerissen, die Menschen in ihre» religiösen, politischen und socialen Bestrebungen durch die Schlagwörter: Vorwärts! oder Rückwärts! freisinnig oder konservativ in immer neue Parteiungen zerspaltet, ohne daß eine Einigung und Versöhnung angebahnt wird. Weil aber aus dem Kämpfen und Ringen der Gegensätze die Vermittlung und Einigung hervorgehen muß, so möchte Jeder an der schöneren Zukunft Mitwirken, zum Aufbau derselben auch einige Steinchen herbeitragen. Und muß nicht zu allererst auf dem Gebiete der Religion eine solche Einigung und Versöhnung angestrebt werden? Sind eS nicht zumeist die Vertreter und Leh« rer der Religion, die die traurige Zerrissenheit der Gegenwart mit herbeigeführt haben und den unseligen Zwiespalt noch heute nähren? Im Namen der Religion wird alles Alte und Herge« brachte geheiligt und alles Reue als solche« schon und jeder Fort« schritt verdammt. Im Namen der Religion läßt man die Men« scheu nicht zum Denken, nicht zur Selbstständigkeit de» Geiste» und zur Mündigkeit gelangen. Die Theologie ist die unversöhn« liche Feindin jeder Wissenschaft, und ohne Sinn für die Bestrebungen der Zeit, ohne Achtung vor den untrüglichen Ergebnissen der Naturwissenschaft, der Geschicht». und Alterthumsforschung, ohne Schonung für die, deren Gesichtskreis durch Bildung und Beleh« rung sich erweitert, denen die kleine, kaum 6000jährige Welt um Millionen von Jahren nach Zeitenlänge und Raumesweite sich vergrößert hat, beharrt sie bei dem Losungswort: Thut nicht»! Der Ungläubige wird verdammt! — Und die« unjüdische Princip hat krasse Unwissenheit und Verblendung auch auf jüdischen Bo« den verpflanzt, ein Princip, dessen Härte und Grausamkeit nur der ganz fühlt, drr au» Wahrheitsliebe, im Dienste de» Glauben» und im Gefühl inniger Zusammengehörigkeit mit dem Judrnthum sich die Freiheit zu denken Schritt für Schritt theuer errungen hat. — Wohl hat sich das Leben von der Menge minutiöser Ee» remonialvorschriften und Gebräuche oder geistbeengender Glauben«« formeln losgesagt, aber mit welchem Fuge und Recht geschah e» bei dem größeren Theil? Etwa mit freier sittlicher Erwägung, mit treuer Abwägung der Pflichten, oder — mit dem Bewußt« sein de» Sünders, der höchsten» da» Gewissen durch Wiederho« lung der Thal allmählich einschläfert? Soll nun die junge Ge» neration denselben Weg durchmachen und durch Frivolität zur Frei« heit gelangen oder soll die Erziehung von vornherein dahin abzielen, äußere Religionsformen in innere Religiosität, der Väter naive Sitten in bewußte Sittlichkeit »mzugrstalten? Zflstlen die alter« thümlichen Formen der Weltanschauung, die heutzutage den Be« griffen und dem geübteren Denkvermögen de- Gebildeten wider« stteiten, noch immer dem Kinde al« unerläßliche Glaubenssätze beigebracht werden, damit es, wa» es heute glauben und heilig halten lernt, morgen verspotte, oder soll e» sie nach ihrer geschicht« liche« Entwicklung und ihrem geschichtlichen Werth erkennen und würdigen lernen? Um nur ein Beispiel anzuführen, soll man wirllich dem Kinde die Anschauung als eine absolut wahre bei« bringen, daß Gott den Regenbogen als Zeichen zur Zeit de» Noah eingesetzt habe, die vielleicht in der nächsten Stunde vom Lehrer der Naturwissenschaft ihm;u nichte, wenn nicht lächerlich gemacht wird, oder verfährt man besser zum Dorlheil der Reli« gion wie der Erziehung, wenn man ihm begreiflich macht, daß da» schöne Regenbogenfarbenspiel, da« wir heute als Strahlen« brechung der Sonne in den Wolken erkennen, den Alten, weil e» den Himmel mit der Erde zu verbinden scheint und einen llare« ren freundlichen Himmel verkündet, als Friedensgöttin oder Frie« denSbote erschien und vom ProphetiSmu» (oder von Mose«) zu einem von dem Gott de» Alls eingesetzten Friedenszeichen ge« macht wurde? — Oder soll — und das ist der weniger ausgesprochene al» gehegte Plan de» JndifferentiSmuS und de» materialistischen Ni« hiliSmu» — die Religion zur Lächerlichkeit und der Auflösung ent« gegengeführt werden? Al» ob die Menschheit jemals der Reli« gion entrathen. als ob jemals, so lange die Menschen nicht lauter geborne Philosophen sind, kalte Bernunftsähe und ethische Abstraktionen die Stelle festeingeprägter, praktisch geübter religiöser Grundsätze einnehmen könnten! al» ob die Menschheit jener höhe« ren Einheit de» Handeln» und Denker!», de» Wollen» und Sol« lenS, einer Gottheitsidee, wie verschiedentlich nach drr Fassung»« kraft de« Einzelnen diese auch gestaltet sei, in deren Diensten sie steht, von der sie sich abhängig weiß, die, wie der sinnlichen Welt ihre Naturgesetze, so dem freien Willen die SittlichkeitSgesetze ge« geben hat, jemals entbehren könnte! Rein. Die Religion hat nur die Form sich anzueignen, in s»