Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 31 (2.8.1867)
- Date
- 1867-08-02
- Page
- Seite 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434172--288-4890143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SteMetatiRtt«*‘ *itatara«! fAi M< Netz«c»t»« Wl«M« t M 1_ ך I ■ 11 ■ ■ * i« mL h. M 0>lcn1w1|WwjwyijyB■ berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. Freitag, dm 2. August. Inhalt: Aottschalk Jeretzkh. — Sarreapanbnqen: Berlin, Berlin, Köln, Schmirgel, Wien, Wien, Men, Salacz, Florenz, Krakau. — Die Bildung der Inden in Rußland. — vüchertisch. — »aranzeutlDr.-- -nsrrnte. Sottfchalk -errhky. Wenn immer der Tod in den Kreis unserer Bekanntschaft dringt und sein Opfer noch nicht das von der Natur gewöhnlich bewilligte Jahrmaß des Lebens erfüllt hat, so weihen wir dem Loose des ftüh Vollendeten die Theilnahme unsre» schmerzlichen Mitgefühl-, oder unsrer Trauer. Aber diese bleibt nicht auf die verlassenen Angehörigen der Familie und der nächsten Freunde beschränkt, wenn der Betrauerte fich in der Gesellschaft durch Berufsfleiß, Tugenden und herzgewinnende« Eingreifen in dm bürgerlichen Verkehr eine ehrenvolle Stellung und tiefe Wurzeln in der BolkSbeliebtheit gewonnen hatte. Ein solcher Mann war der Lehrer an der hiesigen jüdifchm Töchterschule Gotisch alt Seretzky, der am Jahrestage de« Tode» so vieler Tapferen, am Tage von KönigSgrätz gestorben. Auch er starb auf seinem Bette der Ehre, im Geiste ans seinem Lehrstuhle, denn seine letzten Fieberttänme versetzten ihn in die Thätigkeit seines Wirkungskreise». Auf dem ersten Kirchhofe vor dem Hallelchen Thore finden sich auf einem Grabe folgende vier Zeilen: Da» arme Herz hienieden Bon manchem Sturm bewegt Erlangt den wahren Frieden Nur, wo e» nicht mehr schlägt! Diese Zeilen (ich glaube, sie In Matthison» oder v. Sali» Gedichten früher gelesen zu haben) paffen auf alle Menschen eher als auf Jeretzkh, deffm Herz schwerlich je von einem Sturme be« wegt war. Diese« war frei von stürmischm Gefühlen, von wilden Leidenschaften, e» war nur bewegt von der reinstm Menschenliebe, von Wohlwollen für alle» Gute und für alle Guten, von Treue in Pflichterfüllung und gegen seine Freunde. Dieser edle Inhalt seines Herzens führte ihn auch zur Wahl seine» Berufe-, dmn, so verschieden auch der Strom der Thätigkeit deffelben war, so flössen doch seine drei Arme in ihrer Eigenschaft al« heilige wieder zusammm. ES heißen diese Arme: Schule, Waisen« pflege und Tempel. In diesen drei Heiligthümern bewegte sich da« priesterliche Streben Jeretzkh'» zum Wohle vieler Hunderte; gehm wir sie der Reihe nach durch: 1. Schule. Jeretzkh, zu Halberstadt im Jahre 1816 geboren, hatte al- Knabe Hebräisch und Talutud nach der alten Weise gelernt, ab« solvirte aber später die Kurse de» dortigen königliche» Lehrerse« miuar». Er kam hierauf nach Berlin, wo er an seinem Land»« manne Dr. Rubo dm edelsten Gönner und wahrhaften Freund Erster -ahr-uu-. 1867. fand. AIS 1834 die Löchterschnle der Gemeind« eröffnet wurde, trat er neben dem spätem RadbinatS-Affeffor Dr. Sach» al» Leh« rer in dieselbe rin. Er war wohl der erste jüdische Lehrer tu Berlin, gewiß einer der erstm, welche regelmäßig ein königliche« Echullehrer-Seminar besucht hatten, denn damals und noch später machtm mgherzige Dirrctoren und höhere Vehvrdm den jüdlschm Schulbefliffmm dm Eintritt in die Geminarim streitig. Später unterrichtete er auch an der Knabenschule, bi« in der Mitte de« vorigm Decennium« der Vorstand e» für geeignet fand, jeder der beiden Schulen ihr auSschlleßliche« Lehrpersonal zu erhaltm, und von da an ertheilte Jeretzkh in der Töchterschule allein 30 Stun« dm und mehr wöchentlich. So diente .er der Gemeinde gerade ein volles Drittel «Jahrhundert. Jeretzkh» gemäßigter Ehrgeiz überschritt in der Schule nicht die Grenze de» SttebmS, sich al« tüchtigm Elemmtarlehrer verdient zu machen. Seine Hand, die liebmde Führerin der Jugmd, wich nicht von den zarten Kleinen, um nach dem Ruhme ver Schriftstellerei zu greifen, welche gar nicht seltm die Hingebung an da» Lehramt al» eine von den Ver« hältniffm aufgedrungene Episode, al» ein onus uebm sich duldet; er wollte als Lehrer nützlich sein und er war jeder Zoll eiu 1 Lehrer.*) Seine Gabe im allgemeinen, sich mitzutheilen, wurde dm jungen Gemüthem gegenüber Virtuosität, währmd sein Gleich, muth keine Störung in der Freudigkeit an seinem Lehrwirkm ans« kommen ließ, und in allen Wechselfällm der religiösen Richtungen in der Gemeinde-Verwaltung, bei den sich einander ablösenden An« sichten im jüdischen Schulwesen währmd 33 Jahre blieben sein Frohsinn wie sein Dienstfleiß unerschüttert. Wir sehr er mit der Schule verwachsen war und wie stark fie fich zum' Inhalte seine» DmkenS gestaltete zeigt auf da» Rührendste der vorletzte Tag sei« ne» Leben«. An jenem Tage war da» Bewußtsein de» Kranken schon erloschen, nur phantastische Fieberträume bildeten noch die Communicarion zwischen Körper und Geist, da rröffnete er eine Rechenslunde, gab Exempel, forderte Lösung, rief Namen aus au» seinem Kleinen-Auditorium, cheilte Lob und Tadel aus und schloß da« Pmsum. Diese ergreifende Rechenstunde war eine Rechen« schaftslage, daß die Schule die Haupanfgabe seine» Leben» war. Bei den genannten Eigenschaften ist e» kein Wunder, daß die Kinder beiderlei Geschlechtes von liebender Anhänglichkeit für ihn erfüllt wurden und sie bewahrten ihm diese, nachdem sie sich längst einen selbstständigen Heerd gebildet. Wie aber zog Jeretzkh Nutzen au» dieser bleibenden Anhänglichkeit seiner ehemaligen Zög« linge? etwa eigennützig für seine Person? Nimmermehr! wohl aber für die Zwecke seiner Humanität-gefühle. Er führte seinen *1 Der fromme Erzieher und Lehrer üt seiner Anspruchslosigkeit fühlt eine besüigendr Semigthuung im Bewußtsein seiner Mm Arbeit für da« Heilige, und er darf fteudig aus die Verheißung Daniel» (IS,») blickm, welch« Locher aus die Lchrer bezieht, ohne zu aham, daß der Talmud dmselbm ver« auf die Elemmtarlchrer dmtet (Baba Batra S, »). No. 31. 3t