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Die Gegenwart · 1867-05-17 · 20 (17.5.1867) · p. Seite 156

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
20 (17.5.1867)
Date
1867-05-17
Page
Seite 156 (sequence 4)
Language
German
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1B6 ־* I « ׳ י ־ DK •cgtMMTt Äufflärung, beginnt ftant, ist der Au«ga ng de- Menschen ans seiner selbst verschuldeten Unmün. d igkeit. Unmündigkeit ist da«^Unvermögen, sich seine- Brr ständeohne Leitung eiue- Andern zu bedienen. Selstverschul' vet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am' Mangel de- Verstände-, sondern der Entschließung und de- Mn׳ the« liegt, sich seiner ohne Leitung eines Andern zu .bedienen. Sa per e aude! Habe Molh dich deineeigenen Verstandes, zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit find die Ursachen, warum ein so grotzer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorenn«,), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum e- Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. ES ist so bequem, uinnündig zu sein. Habe ich ein Buch, daS für mich Verstand hat, einen^Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich mir bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Theil der Menschen (darnnter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außerdem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst ans sich genommen haben. Nachdem sie ihr HauSvich zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsverrten, wagen dursten; so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, den» sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, »nd schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab. ES ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit heraus;»- arbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seine« eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mrchainschrn Werkzeuge eine« vernünftigen Gebrauch« oder vielmehr Mißbrauchs seiner Raturgaben, sind die Fußschellen seiner immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung thun. weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher giebt cS nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geiste« sich au« der Unmündigkeit herauSzuwickcln, und dennoch einen sicheren Gang zu thun. Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unauSbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, so. gar unter den eingesetzten Vormündern de« großen Hansen«, sin. den, welche, nachdem sie da» Joch der Unmündigkeit selbst abge. warfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung de« eigenen WertheS und de« Beruf« jede« Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. Besondere« ist hierbei: daß da« Publikum, welches zuvor von ihnen unter diese Joch gebracht worden, sie hernach selbst zwingt darunter zn bleiben, wenn es von einigen feiner Vormünder, die selbst aller Aufllärung unfähig sind, dazu aufgewiegelt worden; so schädlich ist ei, Dorurtheile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst rächen, die, oder deren Vorgänger, ihre Urheber gewesen sind. Daher kann ei« Publikum nur langsam zur Aufklärung gelangen.- Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von yerstnliche« De-poti-am-und gewinnsüchtiger oder herrschsßchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Borurtheile Verden, eben sowohl al» die alten, zum Leitbande degedankenlosen großen Haufendienen. Zu dieser Aufllärung aber wird nichterfordert al- Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, wa« nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in/-allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonnirt nicht! Der Offieier sagt: räsonnirt nicht, sondern exercirt! Der Finanzrath: räsonnirt nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonnirt, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist ,der Aufklärung hinderlich? welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? — Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufllärung unter Menschen zu Stande bringen; der Privatgebrauch der. selben aber darf öfter sehr enge eingeschränkt seid, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter! dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen,wen Jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatge. brauch nenne ich denjenigenigen, den er in einem gewiffen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte, von seiner Ver. nunft machen darf. Nun ist zu manchen Geschäften, die in da- Interesse deS gemeinen Wesens laufen, ein gewiffer Mechanismus nethwcndig, vermittelst dessen einige Glieder de« gemeinen Wesen« sich blo« passiv verhalten müssen, um durch eine künstliche Ein- Helligkeit von der Regierung zn öffentlichen Zwecken gerichtet, oder wenigstens von der Zerstörung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt zu räsonniren, sondern man muß gehorchen. So fern sich aber dieser Theil der Maschine zugleich als Glied eine» ganzen Gemein-WesenS, ja sogar der Weltbürgergesellschaft ansieht, mithin in der Qualität eines Gelehrten, der sich an ein Publikum im eigentlichen Verstände durch Schriften wendet, kann er allerdings räsonniren, ohne daß dadurch die Geschäfte leiden, zu denen er zum Theile als passive» Glied angesetzt ist. So würde e« sehr verderblich sein, wenn ein Ofsicier, dem von feinen Oberen etwa« anbefohlen wird, Im Dienste über die Zweckmäßigkeit oder Nützlichkeit diese» Befehls laut vernünfteln wollte, er muß gehorchen. Es kann ihm aber billigermaßen nicht verwehrt werden, al« Gelehrter über die Feh. lcr im Kriegsdienste Anmerkungen zu machen, und diese seinem Publikum zur Beurtheilung vorzulegen. Der Bürger kann sich nicht weigern, die ihm auferlegten Abgaben zu leisten; sogar kann ein vorwitziger Tadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm geleistet werden sollen, als ein Skandal (daallgemeine Widersetzlichkeiten veranlassen könnte) bestraft werden. Eben derselbe handelt demungeachtet der Pflicht eines Bürger» nicht entgegen, wenn er, al- Gelehrter, wider die Unschicklichkeit oder auch Ungerechtigkeit sol» cher Ausschreibungen öffentlich seine Gedanken äußert. Ebenso ist ein Geistlicher verbunden, seinen KatechiSmuSschülern und seiner Gemeinde nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen Bor. trag zu halten, denn er ist unter dieser Bedingung angenommen worden. Aber al- Gelehrter hat er velle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle seine sorgfältig geprüften und wohlmeinend«« Gedanken über da- Fehlerhafte in jenem Symbol und Vorschläge wegen besserer Einrichtung de» Religio«-« und Sirchenwesende»

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